zur Navigation springen

Teterower Bergring : Länger, schöner – und gefährlicher

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Am Pfingstwochenende steht im Nordosten der Motorsport hoch im Kurs Neben hochkarätigen Speedway- und Moto-Cross-Rennen lockt eine einzigartige Veranstaltung alljährlich Zehntausende

von
erstellt am 13.Mai.2016 | 11:45 Uhr

Ein grünes Band zieht sich durch die waldreichen Erhebungen der Mecklenburgischen Schweiz. 1877 Meter hat man zurückgelegt, wenn man dieses Band einmal in voller Länge abgeschritten ist. Momentan herrscht dort noch himmlische Ruhe – die Ruhe vor dem Sturm. Denn alljährlich zu Pfingsten reisen um die hundert Motorsportler an, um dieses Band nachhaltig zu verändern. Am späten Sonntagnachmittag, wenn auf dem Bergring im Mittelpunkt des Landes Mecklenburg-Vorpommern knapp 30 Rennen beendet sein werden, ist vom Grün nicht mehr viel zu sehen, dann dominiert sandiges Braun.

Seit 1930 werden hier regelmäßig Motorradrennen gefahren – keine andere Strecke auf der Welt hat die Jahrzehnte ohne eingreifende Veränderungen überstanden. Studienrat Carl Schröder war der Initiator innerhalb einer Gruppe von Motorsportlern, die nach einem Austragungsort für Rennen suchten. In den Heidbergen war der passende Ort schnell ausgemacht, am 29. Juni 1930 knatterten hier erstmals die Motoren. 7000 Zuschauer kamen, und es muss ihnen gefallen haben. Denn zur zweiten Auflage nur zwei Monate später wurden schon 15 000 Menschen am Ring gezählt. Wenige Tage vor Ausbruch des 2. Weltkriegs, am 20. August 1939, fand Rennen Nr. 20 vor 35 000 Fans statt.

Fast genau zehn Jahre später, am 28. August 1949, wurde die Tradition wiederbelebt, 70 000 Menschen waren dabei. Und jubelten auch in den Folgejahren den Stahlschuhhelden zu. Gleich nach der Wende durften auch die Westfahrer nach 18 Jahren wieder auf dem Bergring starten. Der Engländer Simon Wigg wurde von 1990 bis 1995 zum Dominator auf der schönsten und größten Grasbahn der Welt, wie sie immer wieder bezeichnet wird. Wigg zog durch seine attraktive Fahrweise zahlreiche Zuschauer an, was die damalige Clubführung mit üppigen Startgeldern honorierte.

Der große Knackpunkt kam 1996. Einer der wenigen Weltmeister auf der Langbahn, die sich nach Teterow trauten, war der Bayer Karl Maier. Er stand 1996 mit Maschinenmaterial und Rennkombi parat. Anders als der mit elf Titeln dekorierte Bahnsport-Rekordweltmeister Gerd Riss wollte Maier es zumindest versuchen. Der Württemberger Riss lehnte das kategorisch ab: „Das ist zu gefährlich, hier zu fahren“, kommentierte er Mitte der neunziger Jahre nach einer Geländewagen-Fahrt über den Ring.

Maier war allerdings nicht wirklich traurig, als in den Morgenstunden des Pfingstsonntags die Veranstaltung wegen stundenlanger Regenfälle in der Nacht abgesagt werden musste und ihm so der Rennstart erspart blieb.

Die Absage hatte gravierende Folgen für den Club. Mit rund 200 000 Mark gab die damalige Rennleitung den Verlust an – mit der eigens abgeschlossenen Regen-Ausfallversicherung entwickelte sich ein jahrelanger Streit. Der Verein kämpfte ums Überleben.

Neue Konzepte mussten her. Und die kamen mit einer neuen Vereinsführung. Adolf Schlaak, der zuvor nie großartig in Erscheinung getreten war, übernahm den Vorsitz. Und der Speedwayfan, Abteilungsleiter bei den Teterower Stadtwerken, brachte Ideen mit. Unmittelbar neben dem Bergring sollte eine Speedwaybahn entstehen. Die sollte den tausenden Fans von nah und fern, die rund um das Ringgelände tagelang campierten, die Pause zwischen der Sonnabend- und der Sonntagsveranstaltung verkürzen. Das brachte den Nachbarn aus Güstrow auf die Barrikaden, der traditionell am Sonnabend den Auftakt seines zweitägigen Pfingstpokals bestritt. 2002 wurde erstmals in der Bergringarena ein Speedwayrennen gefahren, nach offiziellen Zahlen liefen den Teterower den Barlachstädtern zuschauermäßig den Rang ab.

Inzwischen sind die Wogen geglättet, herrscht laut Schlaak eine „gute Zusammenarbeit. Und Reibungspunkte gibt es überall, das gehört dazu.“ Die Veranstaltung um den Auerhahnpokal sonnabends in Teterow ist inzwischen genauso eine feste Größe im Rennkalender wie der Güstrower Pfingstpokal am Sonntagabend.

Schlaak wird an diesem Wochenende letztmals in verantwortlicher Position am Bergringrennen teilnehmen – er wird im kommenden Frühjahr bei der nächsten Vorstandswahl nicht wieder antreten. „Das entspricht genau dem, was ich mir von Anfang an vorgenommen habe“, betont der 53-Jährige. Die letzte Rate für die Hochbauten im Speedwaystadion wird im Herbst beglichen, damit ist der Verein endgültig wirtschaftlich gesundet. Und als absoluter Höhepunkt steht am 10. September ein Treffen der weltbesten Speedwayfahrer an: Als erst siebter deutscher Standort wird Teterow Ausrichter eines Grand-Prix-Rennens. Und es soll nicht das letzte sein: „Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, wollen wir anschließend einen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnen“, kündigt Schlaak als sein Vermächtnis an.

Dazu gehört auch, dass die Rennen auf dem Bergring wieder attraktiver geworden sind. Der Zuschauerrückgang aus den späten Neunzigern wurde gestoppt, zuletzt waren die Zahlen wieder deutlich steigend. Mehr als 20 000 zahlende Fans konnten im vergangenen Jahr begrüßt werden.

Nicht gestoppt werden konnte der Rückgang der Starterzahlen im internationalen Bahnsportfeld. Gerade einmal 17 Asse werden am Wochenende zur 96. Auflage des Bergringrennens anreten – weniger als die Hälfte der Starter von 1993. „Die Fahrer sind immer öfter wegen beruflicher oder anderer Startverpflichtungen verhindert. Und man darf nicht vergessen, dass wir in den vergangenen Jahren zwei Todesfälle zu beklagen hatten. Auch das lässt die Fahrer länger über einen Start bei uns nachdenken“, sagt Schlaak. 2010 war das Rennen nach dem Unfalltod des Engländers Vincent Kinchin abgebrochen worden, im vergangenen Jahr erlag der Teterower Enrico Sonnenberg wenige Tage nach den Rennen den auf dem Ring erlittenen Verletzungen. Seit seinem Bestehen verzeichnet der Ring insgesamt sechs Todesopfer.

Diese Rückschläge werfen die Verantwortlichen nicht aus der Bahn. Intensiv wird schon heute an den nächsten großen Höhepunkt gedacht: das 100. Rennen im Jahr 2020. Der Rückgang der Starterzahlen im Bahnsportfeld wird immer mehr ausgeglichen durch die Moto-Crosser. Die waren in der Vergangenheit mit ihren geländegängigen Maschinen oft genug Retter der Veranstaltung, wenn Regenpfützen auf der Piste standen. Die Crosser fuhren die Pfützen einfach weg, der Rennablauf war gesichert. Und selbst das „schwache“ Geschlecht kommt hier zu seinem Recht: Fünf Niederländerinnen werden sich am Wochenende mit den Männern messen – und erfahrungsgemäß nicht nur hinterherfahren.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen