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Boxen in Deutschland : Kooperation statt Konfrontation

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zeitenwende im deutschen Boxsport: Profis und Amateure wollen gemeinsame Wege beschreiten. Grünes Licht von der AIBA

svz.de von
erstellt am 01.Mär.2017 | 11:55 Uhr

Das deutsche Boxen wird umgekrempelt. Künftig wollen Amateure und Profis gemeinsame Sache machen. Bisher galt Konfrontation, jetzt Kooperation. „Wir wollen Synergien nutzen“, sagt Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Boxsport-Verbandes (DBV). „Die Trennung ist nicht mehr zeitgemäß. Wir werden alle von gemeinsamen Strategien profitieren. Wir sind in sehr guten Gesprächen“, ergänzt Frederick Ness, Geschäftsführer im Sauerland-Stall.

Das beinhaltet gemeinsame Kampfabende von Profis und Amateuren, Aushilfe der Amateurtrainer bei den Profis, gemischtes Training an Bundesstützpunkten, gemeinsame Ranglisten und Olympia-Qualifikation, Wechsel von Profis zu den Amateuren und wieder zurück. „Jetzt ist alles möglich. Die Hürden sind weg“, sagt DBV-Präsident Jürgen Kyas.

Grünes Licht gibt die AIBA. Im Weltverband der Amateurboxer ist die Erkenntnis gereift, dass mit Abschottung und Daumenschrauben keine Fortschritte zu erzielen sind. Das historische Angebot, Profi-Boxer für Olympische Spiele zuzulassen, war im ersten Anlauf gescheitert. 2016 vor Rio hatten die Berufsboxer bis auf drei Ausnahmen die Startchance ausgeschlagen.

Für Tokio 2020 wird umgeschichtet. „Bedingungen wird es nicht mehr geben: keine Altersgrenze, keine Höchstzahl von Profikämpfen, nichts. Alle können zur Qualifikation“, betont Müller. Dafür müssten die Profis Anfang 2019 vom 12- in den 3-Runden-Rhythmus der Amateure zurückkehren, um wettbewerbsfähig zu sein. Das wird für die Berufsboxer ein finanzielles Problem, das beide Lager klären müssen.

Seit Olympia wanderten sechs Amateure zu den Profis ab. Darunter waren mit Schwergewichtler Albon Pervizaj, der jetzt bei Ulli Wegner in Berlin trainiert, sowie Denis Radovan (Mittel) und Araik Marutjan (Welter), die sich der im Aufbau befindlichen Schweriner Profitruppe von Jürgen Brähmer und Conny Mittermeier anschlossen, auch drei aus dem Bundesleistungsstützpunkt der MV-Landeshauptstadt. Marutjan gibt in drei Tagen in Wangen sein Profidebüt, Radovan steigt beim gleichen Samstag-Event zum zweiten Mal als Berufsboxer in den Ring.

Bislang löste eine solche Abwanderungswelle einen Aufschrei aus. Diesmal herrscht Ruhe. „Es gab keine Abwerbungen. Wir haben es mit Sportlern und dem Sauerland-Stall besprochen. Natürlich waren einige der Athleten sauer auf uns, weil sie nicht zu Olympia konnten und wechselten deshalb“, sagt Müller.

Weil gemäß dem nach Olympia erstellten neuen deutschen Leistungssportkonzept von 65 Förderstellen für die Boxer nur noch 30 übrig bleiben, brauchen die Amateure neue Wege. „Wir setzen für Tokio 2020 auf einen jungen Perspektivkader“, sagt DBV-Präsident Kyas. Aber: Ex-Amateure und Neu-Profis wie die drei Schweriner sind weiterhin für Olympia 2020 im Rennen.

Harutyunyan bleibt letzter APB-Weltmeister

Vor diesem Hintergrund gab die AIBA ihre Profisparte APB auf, die den Berufsverbänden ein Dorn im Auge war. Wenngleich nicht freiwillig. Ein APB-Profi kassierte für einen Titelkampf bis zu 20  000 Euro. Das Geld kam aus den Privatschatullen asiatischer Milliardäre. Ein Geschäftsmann aus China soll allein 30 Millionen Dollar investiert haben. Weil aber erhoffte TV-Verträge und Gewinne ausblieben, drehten die Gönner nach anderthalb Jahren den Hahn wieder zu.

Somit ist der Olympia-Dritte Artem Harutyunyan letzter APB-Weltmeister im Halbweltergewicht. „Der Titel ist historisch. Er geht als ungeschlagener Champion in die Geschichte ein“, sagt Müller.

Harutyunyan, in Schwerin Schützling von Trainer Michael Timm, wäre eigentlich auch einer für die Profis. Er soll aber das Aushängeschild für die Amateur-WM im September in Hamburg sein. Zudem ist seine 64-Kilo-Klasse bei den Profis schwer zu vermarkten. Das könnte Harutyunyan – ein Mann mit Profil und interessanter Vita – aber ändern.

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