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André Greipel bei der Tour de France : Er ist ein geschlossenes Buch

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Top-Sprinter André Greipel: Seine bisherigen Ergebnisse geben Rätsel auf

Für den Deutschen Meister André Greipel war die erste Woche der Tour de France 2016 mit einer unglücklichen und drei krachenden Niederlagen in den Massensprints eine zum Vergessen. Der 33-Jährige, der bei der Frankreich-Rundfahrt abräumen wollte, gibt Rätsel auf. „Es ist schon enttäuschend. Wir müssen ihm aber jetzt seine Ruhe lassen“, sagte Marc Sergeant, Generalmanager von Greipels Team Lotto-Soudal, nachdem sein Kapitän im Sprint der 6. Etappe erneut völlig chancenlos gewesen war. Danach verschwand der gebürtige Rostocker wortlos im Mannschaftsbus.

Sergeant gab unumwunden zu, dass der Umgang mit dem manchmal extrem introvertierten Sprint-Star für ihn und das Team kein leichter ist. „Die ersten Momente nach einer solchen Niederlage sind sehr hart für André. Er kann nicht akzeptieren, dass er nicht mit seiner ganzen Kraft um den Sieg sprinten konnte“, so der 56 Jahre alte Belgier. „In solchen Momenten ist er ein geschlossenes Buch, das ist schwierig für das gesamte Team.“

Nach Etappen wie jener am Donnerstag, als er frühzeitig das Tempo rausnahm und als 15. ins Ziel rollte, kommt selbst sein wichtigster Helfer Marcel Sieberg nicht an den Mecklenburger ran.

„Ich habe eine sehr professionelle Einstellung, das zahlt sich im Laufe der Karriere aus“, sagte Greipel vor der Rundfahrt. So sehr diese Haltung seinen sportlichen Erfolgen wie den zehn Etappensiegen bei der Tour zuträglich ist, so sehr lässt sie ihn unnahbar erscheinen. Ein Sonnyboy wie sein Rivale Marcel Kittel ist Greipel nicht, er ist Analytiker, Grübler. An den nächsten Tagen hat der Mann von der Ostseeküste viel Zeit, darüber nachzudenken, was schiefgelaufen ist. Teilhaben lassen wird André Greipel die breite Öffentlichkeit wohl nicht an seiner Bestandsaufnahme.

So bleiben Fragen. Ist er mit bald 34 zu alt für große Erfolge? Nein, das nicht. Bis zur Tour fuhr er eine starke Saison, gewann drei Giro-Etappen, holte den nationalen Titel. Ein Mario Cipollini wurde als Sprinter 2002 mit 35 Jahren Weltmeister.

Stimmt bei Greipel die Form nicht? Schwer zu sagen. Im schwierigen Bergauf-Sprint der 3. Etappe in Angers, als er nur um einen Hauch Mark Cavendish unterlag, war davon nichts zu spüren. Einen Tag später nach Platz 19 in Limoges sprach der Norddeutsche selbst davon, „einfach keine Power“ gehabt zu haben.

Ist es ein Kopfproblem? Macht sich Greipel selbst zu großen Druck gegen einen Cavendish oder Kittel, die mit der Lockerheit mindestens eines Etappensiegs im Gepäck fahren? Dies kann nur er selbst beantworten.

Die nächste Chance nach dem heutigen Ruhetag bietet sich dem Rostocker vielleicht morgen in Revel, eher erst am Mittwoch in Montpellier. Bis dahin muss er zu sich selbst finden, Körner sparen, die Beine pflegen. „Im Moment ist das hart zu verdauen, aber kein Grund zur Panik“, versichert Sergeant.

Für André Greipel steht aber bei der Tour noch mehr auf dem Spiel: Es geht in Frankreich auch um die Kapitäns-Rolle bei der Weltmeisterschaft im Oktober in Katar. Dort bietet sich eine der seltenen Chancen für Sprinter auf das Regenbogen-Trikot. Es scheint, als habe Sonnyboy Kittel derzeit bessere Karten als Grübler Greipel.

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erstellt am 11.Jul.2016 | 12:00 Uhr

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