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24-Stunden-Autorennen in Dubai : Doppelter Wettlauf gegen die Zeit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Oder: Wie man in nur einer Nacht aus zwei Lamborghini einen macht. Erlebnisbericht vom 24-Stunden-Autorennen in Dubai

von
erstellt am 16.Jan.2017 | 07:45 Uhr

25 Grad im Schatten. Recht mild für Dubai im Januar. Doch der Asphalt flimmert in der Sonne. Noch 20 Minuten bis zum Start des Hankook 24-Stunden-Rennens. Benzingeruch liegt in der Luft. Audi, Porsche, BMW, Mercedes…

Akribisch werden die bunt beklebten Wagen an ihre Startpositionen auf der Strecke im Autodrom bugsiert. Kein Zentimeter darf verschenkt werden. Auch nicht bei einem Rennen, das 24 Stunden dauert.

Natürlich könnte man gleich zu den letzten entscheidenden 20 Minuten kommen, in denen am Samstag der 5,2 Liter Lamborghini Huracán Super Trofeo von „Leipert Autosport“ – oder einfacher: der Lamborghini mit dem goldenen Dach – einen filmreifen Kampf um den ersten Platz in seiner Klasse lieferte. Nur 14 Sekunden lag der schwarze Lamborghini von „GDL Racing Middle East“ vorne. Doch die Geschichte beginnt schon früher. Denn erst ein paar Stunden vor dem Rennen entschied sich, dass der Lamborghini mit dem goldenen Dach überhaupt starten konnte.

96 Fahrzeuge gehen an den Start

Freitag, 13:40. Langsam rollt der Wagen von Leipert Autosport auf die Strecke. Er startet als Vorletzter. Position 95 von 96 Fahrzeugen. „Ich bin optimistisch, dass wir in unserer Klasse dennoch gewinnen können“, sagt Oliver Webb. Von Nervosität nichts zu spüren. Der 25-jährige Brite ist der Hoffnungsträger der vierköpfigen Fahrercrew. Es ist sein viertes Rennen in Dubai. Drei Mal stand er auf dem Siegertreppchen. Dann geht es los. 14.00 Uhr. Mit kreischenden Motoren rasen die Rennwagen über die Startlinie.

„Er fährt“, ruft Martina Leipert von Leipert Autosport, während sie in der Boxengasse auf einem Bildschirm das Rennen verfolgt. Ihr ist die Erleichterung anzusehen. Am Abend vor dem Rennen schien es noch unmöglich, dass ihr Team überhaupt starten könnte, sagt auch sie. Beim Training raste einer der Fahrer mit dem Wagen in die Mauer. Totalschaden. Das Chassis und der Motor stark beschädigt. „Alle wichtigen Teile waren zerstört“, erzählt Leipert.

Die anderen Fahrzeuge der Rennschmiede aus Nordrhein-Westfalen waren bereits auf dem Weg zur Middle East Serie nach Abu Dhabi. Doch Leipert hatte Glück. Kurzerhand stellte ein Kollege seinen goldenen Lamborghini zur Verfügung. Warum? Das ist Dubai! „Der war jedoch nicht geeignet für ein Langstreckenrennen“, sagt Leipert. Die einzige Lösung: Der kaputte Wagen musste komplett zerlegt und die nicht beschädigten Teile auf den neuen Wagen gesetzt werden. Und das in weniger als 17 Stunden.

Das Team von Leipert Autosport mit Oliver Webb (r.)
Das Team von Leipert Autosport mit Oliver Webb (r.) Foto: Kleinpeter

Ein Rennen gegen die Zeit. Jeder Handgriff muss sitzen, erklärt Leipert. „Was unsere Mechaniker in einer Nacht geschafft haben, dazu brauchen andere mindestens eine Woche.“ Jetzt erinnert nur noch das goldene Dach an die Aktion. Und die tiefen Augenringe des Teams. Mit ausgestreckten Beinen sitzen die Mechaniker auf Campingstühlen in der Boxengasse. Ausruhen können sie sich nicht. Etwa alle 75 Minuten ist Boxenstopp.

17.48 Uhr. „Das Team hat viel geleistet und jetzt ist es unsere Aufgabe, den Sieg nach Hause zu bringen“, sagt Harald Schlotter. Der Bayer ist der einzige deutsche Fahrer im Team. Dieses hat sich inzwischen auf Platz 17 vorgekämpft.

Die Zeit bis zu seinem Start verbringt Schlotter im Schatten des kleinen Partyzelts vor der Boxengasse. Die Hitze sei das Schlimmste, sagt der 52-Jährige. Die Temperatur klettere in den Fahrerkabinen auf 65 Grad. „Eineinhalb Stunden fühlen sich dann an wie ein Marathon.“ Die meisten Unfälle passierten dennoch im Dunkeln. „Man fährt wie blind. Du hoffst, dass die Kurve kommt, aber sicher bist du dir nicht. Es gibt dann keinen Fixpunkt“, sagt Schlotter. Acht Mal wird es in dieser Nacht knallen.

Am nächsten Tag, 12:01 Uhr. Immer noch dröhnen die Motoren. Unzählige Male haben die Rennwagen die Strecke umkreist. Etwa zwei Minuten brauchen sie für die 5,5 Kilometer. Doch nicht alle sind durch die Nacht gekommen. Mehrere demolierte Fahrzeuge stehen vor den Boxengassen. Bei dem einen ist das Heck eingedrückt, bei dem anderen fehlt der Kotflügel. Gummireste und Staub bedecken den Lack der Wagen auf der Rennstrecke. Demolierte Stellen sind notdürftig mit dickem Klebeband fixiert. Die gute Nachricht: Team Leipert liegt inzwischen auf Platz 2 in seiner Klasse.

Zwei Stunden vor Schluss alles möglich

„Wir haben noch eine Chance, das Rennen in unserer Klasse zu gewinnen“, sagt Oliver, während er sich für seine letzte Fahrt vorbereitet. Über zehn Stunden ist er bereits gefahren und war damit 50 Prozent der Rennzeit auf der Stecke. Bei Hitze und bei absoluter Dunkelheit hat er den Lamborghini immer weiter nach vorn gebracht. Noch ist alles möglich.

Dann der letzte Boxenstopp. Das Team gibt noch einmal alles. Oliver rast los. Der Sieg ist zum Greifen nah. Alle schauen wie gebannt auf den Bildschirm. „Code 60“ ruft einer. Und tatsächlich. Die Fahrzeuge auf der Rennstrecke werden langsamer. Bei einem Unfall dürfen die Wagen nur noch 60 Stundenkilometer fahren. Ein Glücksfall. Denn Oliver muss tanken. So verliert er keine Zeit. Und als die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben wird, ist er dem anderen Lamborghini dicht auf den Fersen. Er holt immer weiter auf. Und dann: „Code 60!“ Wieder werden die Fahrzeuge langsamer. Kurz bevor die Zeit abläuft. Eine gefühlte Ewigkeit geht es nicht vorwärts. In der Boxengasse ist es jetzt zum ersten Mal ziemlich ruhig. Es wird knapp.

Dann läuft die Crew zur Zieleinfahrt. An den Gittern winken und jubeln die Fans. 14.00 Uhr. Es ist vorbei. Die Zeit hat nicht mehr gereicht. Team Leipert Autosport ist Zweiter in seiner Klasse und insgesamt auf Platz 19. Insgesamt 522 Runden sind die vier Fahrer in den 24 Stunden gefahren. 56 weniger als der Gesamtsieger. Doch die Freude ist groß. Es war so knapp. Fast hätten sie nicht teilnehmen können. Sie starteten auf dem vorletzten Platz und besteigen auch heute wieder das Siegertreppchen.

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