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Schläger putzen, Tasche tragen : Für einen Tag Caddie eines Profis

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Unterwegs mit Signore Costantino Rocca – Golfjournalist Michael Basche berichtet über seine Erlebnisse bei Winstongolf

von
erstellt am 12.Jul.2015 | 21:00 Uhr

Bunker harken, Schläger putzen, Tasche tragen: Eine Runde an der Tasche des Altmeisters aus Italien ist anstrengend. Speziell bei stürmischen Winden, die bei der Winstongolf Senior Open den Spielern alles abverlangten.

Insgesamt 84 Bunker verteilen sich über den Winston-Open-Kurs, in gefühlt der Hälfte davon habe ich Sand geharkt und die Spuren meines Spielers beseitigt. Immerhin 500 englische Pfund Strafe kostet es, hat der „Signore“ gesagt, wenn bei einem Turnier die Sandhindernisse nicht „jungfräulich“ hinterlassen werden. An mir soll’s nicht liegen. Ich bin nämlich Caddie für einen Tag, der einzige im Viererflight. Ehrensache, dass ich auch den Mitstreitern hilfreich zur Hand gehe, damit die sich auf Golf konzentrieren können. Was schwierig genug ist an diesem stürmischen Tag nahe Schwerin, wo gerade die European Senior Tour zum vierten Mal zur Winstongolf Senior Open Station macht.

Der guten Ordnung halber: Mein „Signore“ lag nur einmal im Bunker, auf 18 Löchern. Costantino Rocca kennt sich aus mit Wind. Sinnigerweise jährt sich in diesen Tagen zum 20. Mal der große Auftritt des Italieners bei der Open Championship, als sich Rocca 1995 auf dem 18. Grün des Old Course zu St. Andrews mit einem 18-Meter-Putt ins Play-off schoss, dieses „Monster-Birdie“ theatralisch feierte und dann das Stechen gegen John Daly verlor. „Es ist dennoch eine gute Erinnerung: Ich bin immerhin der berühmteste Zweite der Open-Historie“, grinst Rocca, pfeffert ein flaches Eisen fünf gegen den heftigen Wind aufs 90 Meter entfernte Grün und reicht mir den Schläger.

Ich bin die „Putze“. Was keineswegs despektierlich gemeint ist. Als Hilfskraft an der Tasche lege ich Divots zurück, wische die Gebrauchsspuren vom Spielgerät, frisiere den Bunkersand und darf auch mal zerknirscht gucken, wenn ein jäher Windstoß Roccas Ball kurz vor dem Loch aus der Spur treibt.

Irgendwelche Ideen bezüglich der Schlägerwahl verkneife ich mir, seit ich am Abschlag der Zwei forsch „Driver?“ gefragt habe und mein Spieler angesichts des Teichs auf der rechten Seite und des „Blasorchesters“ von links ein knappes „Five Iron!“ neben der Zigarette zwischen seinen Lippen herausquetscht.

Mit der Arbeitsbeschreibung eines regulären Caddies hat mein Gastspiel in der Tat wenig zu tun. Die professionellen „Looper“ sind bekanntlich viel mehr als bloß Gepäckträger und Reinigungspersonal: Seelenmasseur zum Beispiel, Ersatztrainer, Wind- und Landvermesser, Schlägerberater, wandelndes Birdiebook, manchmal überdies Blitzableiter.

Rocca führt sein Birdiebook selbst, nutzt das ProAm, um nach 2012 und 2013 „wieder mit dem Kurs vertraut zu werden“. Es ist heuer erst sein drittes Event auf der European Senior Tour, der italienische Altmeister lebt nicht mehr vom Turniergolf, „das wäre unmöglich“. Der Preisgelder wegen – der Winston-Sieger erhält 45 000 Euro – und weil er sich aufgrund seiner vielfältigen Aktivitäten „nicht so gut aufs Golfspielen konzentrieren kann“.

Der 58-Jährige gibt „Clinics“ und wird für Firmen-Golfevents engagiert, er hat in Italien zwei Platzdesign-Projekte in Arbeit und „nimmt sich ansonsten Zeit für die Familie“. Nach Deutschland kam er auch wegen seines Sohns: Francesco Rocca spielt an diesem Wochenende in Fulda auf der Pro Golf Tour, „il Papà“ reiste nach Mecklenburg-Vorpommern weiter.

Während mein Spieler nach den ersten vier Bahnen ein zufriedenes Gesicht macht, muss ich daran denken, dass Rocca 1997 als erster Italiener ins europäische Ryder-Cup-Team für Valderrama berufen wurde und im Einzel ausgerechnet gegen Tiger Woods den entscheidenden Punkt machte.

Ein paar Monate zuvor hatte der vierfache European-Tour-Sieger den ersten Majorsieg des aufstrebenden Superstars aus nächster Nähe miterlebt. Rocca und Woods bildeten den Schlussflight des Masters, Tiger gewann mit 18 unter Par und zwölf Schlägen Vorsprung, Rocca wurde immerhin Fünfter und damit bester Europäer. Ich war Teilzeit-Caddie einer Golflegende!  

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