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Extremsport : „Es war hammerhart“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der norddeutsche Extremsportler Wolfgang Kulow ist beim Rennen Yukon Arctic Ultra in Kanada 300 Meilen durch Eis und Schnee geradelt. Im Interview spricht er über brenzlige Situationen und den Wunsch aufzugeben.

svz.de von
erstellt am 20.Feb.2016 | 16:00 Uhr

Herr Kulow, Sie sind fünf Tage lang 500 Kilometer mit dem Fahrrad bei minus 20 Grad durch Eis und Schnee im Yukon Territory ein Rennen gefahren. Sind Sie verrückt?
Kulow: (lacht) Jaja, ein bisschen schon, aber positiv verrückt.

Wie geht es Ihnen jetzt?
Ich bin müde und kaputt. Meine Fingerspitzen sind immer noch taub, aber sonst geht es mir gut!

Wie lief das Rennen?
Es war hammerhart, körperlich und psychisch. Vor allem, weil ich ständig absteigen und mein Fatbike (Anm.: Geländefahrrad mit extra breiten Reifen) schieben musste. Es ging durch ganz unterschiedliches Terrain: Wald, zugefrorene Seen. Es gab Bergpassagen, Serpentinen und einen häufigen Wechsel von Senken und Anstiegen. Mit Glück kam ich hoch; wenn es zu steil war, musste ich schieben.

Hatten Sie mal brenzlige Situationen?
Ein paar Mal bin ich fast gegen einen Baum gefahren. Da fährst du einen Berg runter und siehst in der Dunkelheit nicht, was unten kommt: Bäume? Eis? Das war grenzwertig. Manchmal war es auch so steil, dass ich unter mir nur Schwärze sah. Ich habe dann geschoben, aber trotzdem ist mir ein Mal das Heck ausgebrochen und das Fahrrad runtergerutscht. Es gab auch drei sogenannte Overflows – teilweise nur dünn zugefrorene Überschwemmungen. Da muss man dann durch – ich habe mir Müllbeutel um die Stiefel gebunden.

Was war noch schwer?
Die Einsamkeit. Man ist fast nur allein, sieht selten andere Menschen. Hinzu kommt, dass es dort 14 Stunden am Tag dunkel ist. Wenn du da psychisch nicht stabil bist, hast du ein Problem.

Haben Sie mal ans Aufgeben gedacht?
Ja, am Anfang. Es hatte vor dem Start zwei Tage Neuschnee gegeben, der Untergrund war pulverig, hatte keinen Grip – es war gruselig. Die ersten 30 Kilometer war ich fast nur am Schieben und total durchgeschwitzt. Da habe ich begriffen, dass es gar kein Vorteil ist, mit dem Fahrrad und nicht zu Fuß oder mit Skiern unterwegs zu sein (Anm.: Es gibt die drei Disziplinen Mountainbiker, Skilangläufer und Läufer). Es ist nämlich nicht gerade motivierend, wenn man 500 Kilometer vor sich hat, aber nur mit 2 km/h vorwärts kommt und von den Läufern überholt wird, weil man 30 Kilo Rad und Ausrüstung schieben muss. Am liebsten hätte ich mein Rad verbuddelt.

Und dann?
Dann wurde es besser. Erst am vierten Tag schneite es wieder. Zum Glück bekam ich keine Beschwerden mit der kalten Luft. Andere bekamen schlimme Hustenanfälle, ein paar hatten auch Erfrierungen.

Gibt es denn Hilfe im Ernstfall?
Wir haben einen GPS-Sender mit zwei Notknöpfen: Der eine signalisiert dem Veranstalter, dass er dich da rausholen soll. Den anderen drückst du nur, wenn du wirklich in Gefahr bist: Dann kommt der Rettungshubschrauber, den Einsatz musst du selbst bezahlen.

Wie war Ihre Routine?
Morgens hab ich 100 Gramm abgepacktes Müsli mit Trockenmilchpulver gegessen, dann bin ich bis circa 4 Uhr gefahren. Zwischendurch hab ich nur mal einen Müsliriegel, Trockenobst oder Schokolade gegessen – aber in der Kälte hast du auch nicht so viel Hunger. Dann habe ich etwa vier Stunden geschlafen, und dann ging es weiter.

Nur vier Stunden Schlaf...
Ja, ich war teilweise so müde, dass ich mich selbst anschreien musste, um die Spur zu halten. Oft hing ich vor Erschöpfung überm Lenker. Da steigst du auf einer Seite aufs Rad rauf und fällst auf der anderen vor Erschöpfung wieder runter. Wenn man 18 Stunden am Stück fährt, ist man natürlich auch unkonzentriert. Das war teilweise ein ganz schönes Rumgeeier.

Was haben Sie im Ziel gedacht?
Ich war froh, ins Warme zu kommen. Und ich war selber beeindruckt, dass ich das gegen junge, top durchtrainierte Männer so hinkriege: Ich war Dritter von 34 Startern, obwohl ich mit Abstand der Älteste war. Am Ende war der Zweite kurz vor mir; den wollte ich unbedingt noch überholen. Da musste ich mich selbst bremsen, um nicht zu überzocken.

Was haben Sie als nächstes vor?
Erstmal mein Buch zu Ende schreiben. Ich werde sicher auch wieder etwas machen, aber so ein Ziel muss wachsen. Es muss ja auch was Geiles sein! Am besten etwas, was vor mir noch keiner gemacht hat.
 

Zur Person: Wolfgang Kulow (66) ist einer der wohl extremsten Sportler Norddeutschlands. Der Schleswig-Holsteiner absolvierte unter anderem den zehnfachen Ironman, lief die härtesten Berg- und Wüstenrennen der Welt, schwamm um Fehmarn, im Eismeer und lief unter Wasser einen Marathon. Vor einem Jahr war er mit dem Fahrrad auf dem Baikalsee unterwegs.

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