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Fußballprofis : Abpfiff Fußball, Anpfiff Leben

vom
Aus der Onlineredaktion

Aus und vorbei: Für Fußballprofis bedeutet das Karriereende einen Bruch. Manche bleiben trotzdem im Sport. Andere erfinden sich völlig neu

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2017 | 21:00 Uhr

Das alte Leben von Tobias Rau ist in Borgholzhausen sehr weit weg. Der blonde Lehrer für Sport und Biologie spielte früher beim FC Bayern München und für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Sein neues Leben heißt Unterricht.

Erfahrungen, etwa mit Ex-Trainer Felix Magath (64), berüchtigt als Schleifer, helfen ihm wenig, wenn er vor der 12. Klasse steht und zum Beispiel in Bio etwas über Pränataldiagnostik vermitteln möchte. Dabei geht es um Untersuchungen an Föten und Schwangeren. Um in dieses Thema einzusteigen, hat Rau sich überlegt, zeigt er einen Ausschnitt aus „Gattaca“, einem US-Science-Fiction-Film über Genmanipulationen. Sein Ziel sei es, nah an die Schüler ranzukommen, um sie zu motivieren. „Das kann man richtig spüren, wenn die Gedanken durch den Raum fliegen“, sagt er. Und: „Die wichtigsten Sachen, die für mich hier zählen, sind nicht aus der Fußballwelt.“ Rau, 35 und verheiratet, ist Referendar an einer Gesamtschule in Borgholzhausen bei Bielefeld. Ende September soll seine Lehrer-Ausbildung abgeschlossen sein.

2009 beendete Rau mit 27 Jahren, und damit ungewöhnlich jung, seine Fußballer-Karriere. Wegen vieler Verletzungen, aber nicht nur. Er hätte noch gekonnt. Doch ihm schien es nicht zu spät, um zu studieren und Lehrer zu werden. Das Abi hatte er. Jetzt wollte der Sportler ein neues Leben, deshalb verabschiedete er sich vom alten. „Ich hätte mir niemals vorstellen können, in dem Geschäft auch nach der Karriere zu arbeiten“, sagt er. Auf Menschlichkeit lege er Wert, und die habe er in der Bundesliga nicht entdeckt. Heute sei seine Arbeit zwar nicht mehr so aufregend: Statt vor Zehntausenden Zuschauern steht er vor der Klasse. Doch sein Leben als Lehrer sei spaßiger – und angenehmer.

Die Geschichte von Tobias Raus frühem Ausstiegs aus dem Fußballgeschäft ist keine ganz typische. Er besaß eine klare Idee seiner neuen Rolle.

Die von Carsten Ramelow scheint typischer. Er spielte, so lange er konnte. Das Karriereende vergleicht er mit einem Kinobesuch: „Der Film ist aus, und du kommst raus aus dem Kino. Keiner erkennt dich mehr“, sagt Ramelow. In seinem neuen Leben ist er Geschäftsmann und steht nur noch selten im Fokus.

Der Ex-Mittelfeldspieler hat heute ein Büro in Hürth, einem Vorort von Köln. Ramelow, 43, anthrazitfarbenes Langarm-Shirt, dunkelblaue Jeans, sucht und hält Augenkontakt, wenn er Gästen die Hand reicht. An seine Fußballzeit erinnert in dem hellen Büro nur wenig. Auf dem Hof vor dem Gebäude rauscht ein künstlicher Wasserfall. Auf Ramelows Schreibtisch liegen zwei Stapel Visitenkarten, die von Küchengummis zusammengehalten werden.

Carsten Ramelow ist Teilhaber mehrerer Eventfirmen, die hier sitzen. Er kümmere sich um Strategie und Personalführung, sagt er. Zudem vermittelt er an Unternehmen Leuchtwerbung für Flughäfen und Einkaufscenter. Und über das Unternehmen Booker verkauft Ramelow VIP-Karten für Konzerte und Sportveranstaltungen. In der Lanxess Arena in Köln und in der Münchner Allianz Arena vermarktet sie Logen.

Ramelow spielte in der Bundesliga für Bayer Leverkusen und auch in der Nationalelf. In der Statistik stehen 333 Erstliga-Partien, 46 Einsätze für Deutschland und acht zweite Plätze in wichtigen Wettbewerben. Aber kein großer Titel. Seine Spieler-Karriere ging 2008 zu Ende. Bundesliga konnte der Körper nicht mehr. Einen ausgereiften Plan, wie es weitergehen sollte, hatte er nicht. Leverkusen gab ihm zwar einen vierjährigen Anschlussvertrag für das Leben nach dem Spiel. Aber kaum Aufgaben. Mehr als ein Jahrzehnt hatte er bei Bayer gespielt, war sogar Kapitän gewesen. Doch konkrete Gespräche über Ziele für danach habe es nicht gegeben. Das ist häufig so: Die Gewerkschaft VdV (Vereinigung der Vertragsfußballspieler) fordert deshalb von den Proficlubs, ihrer Fürsorgepflicht in dem Bereich stärker nachzukommen.

Ramelow – beim Abschied Mitte 30, hatte seine Mittlere Reife in Berlin gemacht, die anschließende Ausbildung zum Polizisten abgebrochen – schaute sich also um. Geldsorgen plagten ihn zwar keine. Aber Mitanpacken wollte er. Kontakt zu Booker besaß er schon, probierte sich aus und stieg ein.

Wer zehn Jahre in der Ersten Bundesliga gespielt hat, dürfte mindestens einen mittleren einstelligen Millionenbetrag verdient haben, rechnet Sportmanagement-Professor Dirk Mazurkiewicz von der Hochschule Koblenz vor. Was aus denen wird, die aufhören (müssen), ist sehr unterschiedlich. „Je länger diese Menschen in der Branche waren, desto eher wollen sie auch ein Teil davon bleiben“, erläutert Mazurkiewicz. „Damit provozieren sie aber ein Problem: Das kann rechnerisch gar nicht klappen, weil es ein Vielfaches weniger solcher Arbeitsplätze als Ex-Profis gibt.“ Nach einer Untersuchung, die Mazurkiewicz mit der VdV erstellt hat, bereiten sich zwei Drittel der Spieler nicht zielgerichtet auf einen Job nach der Karriere vor. Das ist vor allem schlecht für Spieler, die nicht ausgesorgt haben. Wie Christian Mikolajczak. Er spielte als junger Mann mit Tobias Rau in der Junioren-Nationalmannschaft. Bei einer Junioren-WM kämpfte er mit dem späteren brasilianischen Weltstar Kaka um den Ball. Da waren die fetten Jahre für ihn fast schon wieder vorbei. „Micky“ wäre 2001 in seinem ersten Profijahr fast mit dem FC Schalke 04 Deutscher Meister geworden. Den Pokalsieg holte er mit dem Team, zu dem Spieler wie Andy Möller (49) gehörten. Aber wer Fußballfans im Bekanntenkreis fragt, ob sie Christian Mikolajczak kennen, erntet oft Stirnrunzeln.

Nach seinem ersten Profijahr bei Schalke ging er unter anderem zu den Provinzclubs von Ahlen in Westfalen, Aue im Erzgebirge, nach Kiel und Spiesen-Elversberg. Das liegt im Saarland. Seine Reise endete mit 30. Neue Verträge kamen nicht mehr. Ab diesem Moment machte er sich Gedanken über seine Zukunft.

Wenn er heute mit der neuen Arbeit anfängt, klatscht es. Denn bei der Feuerwehr Oberhausen begrüßen sich Kollegen zu Beginn ihrer 24-Stunden-Schicht so, wie es Fußballer oft tun: Mit der vollen Hand kräftig zupacken, die Daumen zeigen dabei nach oben. Wie Kumpel eben.

 

 

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