"Zeichnen ohne Radiergummi"

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Heute: Gabriele Seyfert kommt in Berlin zur Verleihung der "Goldenen Henne".

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23. November 2013, 03:08 Uhr

Berlin | Sie ist eine lebenslustige Frau, ihre Augen blitzen, ihr Lachen steckt an. "Ich bin sehr glücklich, so glücklich, wie ich kaum noch glaubte, in meinem Leben zu werden", sagte Gaby Seyfert der Nachrichtenagentur dpa. Am Samstag wird die DDR-Eiskunstläuferin 65 Jahre alt - und damit quasi Rentnerin. "Wie das klingt. So fühle ich mich auf keinen Fall."

Eine Riesenfeier gibt es am Geburtstag nicht - aber Gaby Seyfert erwartet etwa ein Dutzend Gäste. Aus dem Eiskunstlaufen wird keiner dabei sein. "Das interessiert mich nach wie vor, aber direkten Bezug zur Szene habe ich nicht", betonte sie. Auch die deutschen Meisterschaften im Dezember in Berlin finden ohne sie als Zuschauerin statt, da ist sie mit ihrem Mann auf Reisen.

Seyfert, die seit 30 Jahren in Berlin-Karow lebt, galt als der erste Star "Made in GDR" - in German Democratic Republic. Sie begeisterte damals die noch nicht sonderlich erfolgsverwöhnte Republik mit Charme und Können auf den Kufen. Ihre außergewöhnliche Vita: Zweimal wurde sie Weltmeisterin (1969, 1970), dreimal Europas Beste (1967, 1969, 1970), Olympia-Zweite 1968 und zehnmal DDR-Meisterin (1961-1970).

Schon 1966 kürten die DDR-Sportfans die Tochter der Jahrhundert-Trainerin Jutta Müller (über 60 Medaillen mit ihren Schützlingen) zur "DDR-Sportlerin des Jahres". Gaby Seifert sorgte jedoch nicht nur für sportliche Schlagzeilen: wechselnde Partner, Gerüchte über Konflikte mit der harten Mutter-Trainerin, unerfüllte Träume von einer Eisrevue im Westen. Das alles bewegte die Menschen in der DDR. Vor allem der Mensch Gaby Seyfert inspirierte.

"Ein Leben wie ein Lineal und ohne Ausrisse, das wäre doch furchtbar langweilig. Ohne Niederlagen wüsste man Höhen nicht zu schätzen", betonte Seyfert. "Dämpfer gehören dazu. Nur Friede, Freude, Eierkuchen ist nicht mein Ding."

Die perfekte Kür lieferte sie auf dem Eis. Als sie 1970 in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg, WM-Gold holte, zogen die Kampfrichter viermal die Topnote 6,0. 1968 schaffte sie als erste Frau den dreifachen Rittberger.

Ihr Rückblick auf die Sporterfolge fällt entspannt aus: "Ich brauche keinen Trophäenschrank daheim, aber ein paar Erinnerungsstücke haben schon Eingang in das Wohnungsbild gefunden." Mit warmer Stimme sagt sie: "Die Kufenjahre trage ich aber sowieso in meinem Herzen".

Im Mai 1971 beendete sie überraschend ihre Karriere. 1972 heiratete sie Eistänzer Eberhard Rüger. 1974 kam Tochter Sheila zur Welt. Ein Jahr später war die Ehe am Ende. Es folgten Höhen und Tiefen - beruflich wie auch privat. Ihren dritten Ehemann Egbert Körner heiratete sie 2011 auf Hawaii.

Zwei Bücher hat sie bereits veröffentlicht, 1998 die Autobiografie "Da muss noch was sein", zwei Jahre später den Geschichtenband "Auf Wolke eins ist immer Platz". Was darin zu lesen sei, sagt sie, "kann man in einem Satz formulieren, den ich früher stets als Motto in meine Tagebücher geschrieben habe - Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi". So will sie es auch weiter handhaben.

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