"Wer schweigt, der unterstützt die Diskriminierung"

Die große Leidenschaft von Jana Amtsberg ist und bleibt das Fußball spielen. elve
Die große Leidenschaft von Jana Amtsberg ist und bleibt das Fußball spielen. elve

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25. Mai 2012, 10:05 Uhr

Rostock | Sie stehen Wochenende für Wochenende auf dem Spielfeld, ohne sie würde es Fußballspiele in Mecklenburg-Vorpommern gar nicht geben. Die Schiedsrichter des Landes werden jedoch viel zu oft zum Sündenbock - für Spieler, Trainer, Fans und Eltern.

Jana Amtsberg (KFV Warnow), die zudem selbst noch Fußball auf Landesebene für den Rostocker FC spielt, beweist Mut und geht in die Öffentlichkeit, um ein Zeichen gegen Respektlosigkeit und Diskriminierung zu setzen. Nachdem sie mehrmals als Unparteiische beleidigt wurde und mitansehen musste, wie ihre Kolleginnen und Kollegen ein ähnliches Schicksal erlitten, sagt die 29-Jährige: "Nein. So geht es nicht weiter." Und: "Wer schweigt, der unterstützt die Diskriminierung." Erst seit November des vergangenen Jahres leitet sie Spiele in der Kreisklasse und steht bei Partien der Landesklasse an der Seitenlinie. Doch bereits nach der kurzen Zeit ist für sie der Punkt erreicht, an dem sie sagt: "Ich höre auf zu pfeifen."

Mehrere Faktoren bewogen sie zu dieser Entscheidung: Beleidigungen und respektloses Verhalten ihr gegenüber… "Das ist aber nur die eine Seite. Ich bin ja kein Einzelfall. Viele Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter müssen das ertragen. Es geht mir darum, auf den prinzipiellen Umgang mit den Unparteiischen aufmerksam zu machen."

Der Geschäftsführer des Landesfußballverbandes, Bastian Dankert, versteht die junge Schiedsrichterin sehr gut. "Wir nehmen Frau Amtsbergs Anliegen sehr ernst. Ich weiß, wie sich die Schiedsrichter fühlen. Wir müssen daran arbeiten, dass die Arbeit des Schiedsrichters mehr gewürdigt wird - und das betrifft Spieler, Trainer und auch die Zuschauer", sagt Dankert, der selbst als Unparteiischer in der 2. Liga Partien leitet und in der Bundesliga als Assistent fungiert.

Einen Ansatz hat Dankert bereits im Auge: Wie in den Profiligen will er auch auf der Landesebene Schiedsrichter-Tagungen anbieten: "Wir setzen hier weiter auf Fortbildung. Sprich: Schiedsrichter erklären den Spielern, warum welche Entscheidung genau so getroffen werden muss. Wir müssen jedoch noch sehen, wie wir das umsetzen können. Wir wollen die Vereine ja auch nicht überfrachten. Ganz klar ist aber unser Grundsatz: Wenn beide Seiten die Sicht des anderen kennen, ist das hilfreich."

Enrico Barsch aus Rostock, Lehrwart im MV-Schiedsrichterausschuss und für die Talentförderung zuständig, sieht es ähnlich: "Ich denke, dass ein Seminar für Trainer uns in Hinsicht auf mehr Respekt und gegen Diskriminierung voranbringen könnte. So könnte man auch das Bewusstsein für die andere Seite stärken."

Die gebürtige Bützowerin hält das für eine gute Idee: "Ich habe festgestellt, dass Spieler oftmals die Regeln nicht kennen. Und dann trägt immer der Schiedsrichter die Schuld."

Aus ihrer eigenen Erfahrung weiß sie, dass aber nicht nur die Spieler respektlos auftreten. "Am schlimmsten sind oft die Eltern, die von draußen schreien", berichtet Amtsberg, die selbst wie gesagt Fußball spielt und 2009 vom TSV Bützow zum RFC gewechselt war. "Fußball ist mein Hobby. Und als bei uns im Verein Schiedsrichter gebraucht wurden, habe ich ja gesagt. Denn: Ohne Schiris gibt es kein Spiel. Und Spiele wollen wir ja alle haben."

Respektlosigkeit braucht dagegen keiner - da sind sich alle einig. Und so lautet die klare Botschaft: Nur mit Respekt kann es ein faires Spiel geben. Das gilt besonders auch für die Schiedsrichterinnen. Von den rund 1000 Schiedsrichtern im Land sind nur 27 Frauen. "Wir müssen im Jahr rund 25 000 Spiele absichern. Da haben wir schon ein großes Problem", so Dankert. "Und wenn dann noch eine Schiedsrichterin von einem Spieler mit sexistischen Schmähungen beleidigt wird, lassen wir das nicht zu."

Laut Enrico Barsch ist das Problem der Diskriminierung in der Gesellschaft verankert. "Auch wenn es hart ist und klingt: Ich glaube, wir hinken gedanklich anderen Regionen weiter hinterher. Da sind andere Bundesländer in Bezug auf Integration und im Kampf gegen Diskriminierung uns weit voraus. Das heißt aber auch für uns: Wir müssen uns für den Respekt und die Gleichberechtigung stark machen."

Jana Amtsberg sieht die Frauen im männerdominierten Fußball immer noch auf einem schwierigen Weg. In ihrem Schreiben an den Landesfußballverband sagt sie: "Wenn es dann aber bis zu Aussagen geht, die uns persönlich als Frauen angreifen (das Wort ,Schlampe’ zum Beispiel, wie es ein Spieler getan hat, oder die Empfehlung, zurück an den Herd zu gehen oder das Unverständnis, warum Frauen Männerspiele pfeifen dürfen, wie es ein Zuschauer geäußert hat - wohlgemerkt im 21. Jahrhundert!), geht mir das zu weit."

Sie weiß momentan noch nicht, ob sie jemals wieder als Schiedsrichterin auflaufen wird. "Das ist eine wirklich schwierige Entscheidung. Was mich jedoch sehr freut, ist, dass der Landesverband die allgemeine Situation der Schiedsrichter im Land sehr ernst nimmt."

Dankert verspricht: "Das Thema Respekt und der Kampf gegen Diskriminierung stehen bei uns im Landesverband ganz weit oben auf der Tagesordnung. Wir werden uns zudem mit Frau Amtsberg treffen. Und wir hoffen natürlich, dass sie wieder pfeift. Nach dem Motto: Jetzt erst recht - aber nur mit Respekt."

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