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Verein wirbt um Aktionäre um den Erhalt der Fußballkultur zu sichern : Union bleibt eisern auf seinem Weg

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Union Berlin will mit einer Aktion Aktienanteile seines "Stadion An der Alten Försterei" an Anhänger verkaufen um deren Erhalt zusichern. Union will damit deren urbane Fußballkultur bewahren.

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erstellt am 22.Nov.2011 | 12:51 Uhr

Berlin | Es trifft sich gut, dass zwölf Fanbusse der Gäste vom Rhein unterwegs im Stau aufgehalten werden. So beginnt die Zweitligapartie 1. FC Union Berlin gegen Spitzenreiter Fortuna Düsseldorf (0:0) an der Alten Försterei eine halbe Stunde später. Zusätzlich Zeit für die jungen Leute mit dem Aufdruck "Seelenverkäufer" auf den roten Jacken, ihre Prospekte an den Mann (und manch weibliche Besucherin) zu bringen... Fußballkultur bewahren - Unioner sein - Aktionär werden, heißt es in dem Flyer. Und im Postkartenformat wird erläutert: Wir verkaufen unsere Seele - Aber nicht an Jeden! Dazu steht eine zerknüllte Red Bull-Dose als Anspielung auf den österreichischen Milliardär Mateschitz, der RB Leipzig aus Marketinggründen gekauft hat und als Ziel 1. Bundesliga verkündet. Oder der Schweizer Fußball-Weltpräsident Blatter. Oder der einstige AC Mailand- und Skandalpräsidenten der Italiener, Berlusconi... jeweils versehen mit einem ironisch-satirischem Zitat. Feindbilder, die im Kiez-und Kultverein im Berliner Südostbezirk Köpenick benutzt werden. Um zu verdeutlichen: Das, wofür diese Typen stehen, das wollen wir nicht! Wir wollen nicht die Abschaffung der Stehtribünen (Blatter), nicht die Was-kostet-die- Welt-Mentalität (Mateschitz), nicht grotesken Machtpositions-Missbrauch (Berlusconi!

Was aber will der FC Union? Erst einmal auf die Seele - das "Stadion An der Alten Försterei"- Aktien verkaufen. 500 Euro pro Stück, maximal 10 pro Person und nur an Mitglieder oder Sponsoren. Die 500-Euro-Aktie kann auch in Ratenzahlung (20 bis 25 Euro) erworben werden könnteUm Geld einzunehmen für den Bau einer modernen Seiten- und Haupttribüne, inklusive dringend benötigter Geschäfts-und Funktionsräume. Gesamtkosten 15 Millionen Euro. Im Dezember könnte die in eine Aktiengesellschaft umgewandelte Stadiongesellschaftlich so in Form einer Kapitalerhöhung maximal fünf Millionen Euro eingenommen werden.

"Wollen keine Hakle-feucht-Arena oder sonst wie"

Der Kolumnist im Programmheft - von Fans unabhängig vom Verein hergestellt - spottet: "Aus einem Arbeiterverein wird ein Aktionärsverein. Aus Stadion-Bauarbeitern werden Stadion-Aktionäre. Von der Ameise zur Heuschrecke? Scampi&Champi statt Wurst&Bier?". Aber offenbar sehen die Fans diese bislang einmalige Geschäftsidee im deutschen Profifußball anders. Seit Beginn der Kampagne hat der Verein mehr als 600 neue Mitglieder gewonnen und durchbrach da erstmals die 8000er Marke. Weil, natürlich, diese Aktien nur Mitglieder erwerben können! Erstaunlich, dass ausgerechnet ein gebürtiger Ossi, nach der Wende erfolgreicher Bauunternehmer, auf solch eine Idee verfallen ist. Denn mit den erwähnten Millionen hätten die Aktienhalter die Mehrheit an der Stadiongesellschaft und könnten so im schlimmsten Falle einen bundesweit zur Mode gewordenen Verkauf des Stadionnamens verhindern. Union-Präsident Dieter Zingler, bereits als Schüler an der Hand des Großvaters aus dem nahen Zeuthen im Stadion, sagt: "Wir wollen keine Hakle-feucht-Arena oder sonst wie. Wir wollen keine Werbespots zwischendurch, keinen Firlefanz. Wir wollen Fußball pur und deshalb insgesamt eine dosierte Kommerzialisierung." Mit dieser Alternative "zum elenden Wettlauf des Geldes" stellt sich Zingler, stellt sich der FC Union quer zu einem auch international verbreiteten Trend: Geld zu aquirieren, (fast) um jeden Preis!

Und der Verein führt sein traditionelles Image fort: Anders sein zu wollen als die Konkurrenz, rebellisch, aufrührerisch gegen das Establishment! Das rührt, sagt der Verkäufer am Souvenirstand, "noch aus der Vergangenheit in der DDR her. Hier war man systemkritisch. Und hat sich gegenüber anderen und stärker geförderten Vereinen als benachteiligt gefühlt". Eine Haltung, die sich nach Mauerfall, zwischen Aufstieg, Abstieg, Lizenzentzug und drohender Insolvenz ehe Rechtehändler Kölmel mit einem Millionenkredit die Unioner rettete, in zahlreichen Aktionen manifestierte: Protestdemos vor dem Brandenburger Tor, Blutspende-Aktion zur Rettung des Vereins, Forderungen um ähnliche Unterstützung wie die Westberliner Hertha u.ä.


2000 Helfer beim Stadienumbau in der Saison 2008/09

"Diese Rolle des underdogs haben wir verlassen", erläutert Christian Arbeit, selbst ein Beispiel für die derzeit bescheidene Personalausstattung im Hauptstadtverein. Er ist Pressesprecher, Stadionsprecher, leitet die Nachspiel-PK, gibt Auskünfte vor und danach und schreibt Berichte für die Homepage oder das Programmheft. Man akzeptiere die Bedingungen so, wie sie momentan sind, "und versuchen das Beste daraus zu machen". So wie 2008/2009, als mehr als 2000 Helfer dem Aufruf zur Hilfe beim Stadionumbau gefolgt seien, "und in vielen Tagen in der Situation für uns kaum bezahlbare Bauleistungen erbracht haben. Nicht rumjammern ist das Motto, sondern nach Wegen suchen und zupacken."

Womit man im Sinne der Wortkombination "Eisern Union" tätig ist. Woher dieser Schlachtruf stammt - von den Stehtribünen vor, während und nach dem Spiel mit Inbrunst intoniert, in Nina Hagens Vereinshymne die Klammer aller Strophen, auf allen denkbaren Souvenirs zu finden -, lässt sich exakt nicht herleiten. Aus den 20er Jahren als Mannschaft der Schlosserjungs aus Oberschöneweide, als quasi Protestziffre zu DDR-Zeiten? Egal. Wofür steht heute das Eiserne? Ein Fotograf, Stammgast in der Berliner Sportszene, meint: "Keine Ahnung, vielleicht für den mitunter merkwürdigen Humor hier." Der Pressesprecher weiß da eher Bescheid: "Das könnte man gleichsetzen mit Kampfgeist, Einsatzbereitschaft. Hier waren nie allerbesten Fußballer versammelt, das wissen die Fans. Aber sie fordern, dass jeder über sich hinauswächst und die Mannschaftsleistung so höher sein kann als die Summe der Einzelfähigkeiten. Deshalb kommen diese Schlachtrufe immer dann, wenn es eng wird im Spiel oder eine Niederlage droht." Eisern wird auch die eiserne Treue der Fans vom Vorstand belohnt. Durch volksnahe Preisgestaltung: Stehplatzkarten 10 bzw. 11 Euro, ermäßigt und Kinder noch günstiger, Bratwurst 2 Euro, halber Liter Bier 3,50.

Auch nach Umbau werden die Stehplatzränge entgegen FIFA-Empfehlungen beibehalten. Es gibt Weihnachtssingen, Skatabende, Bowling-Abende, Fußballturniere, Dampferfahrten für Schwergewichtige u.v.m. Der Präsident: "Die Fans sollen sich bei uns Zuhause fühlen und einen Teil ihrer Freizeit mit uns verbringen."

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