Über Güstrow nach Neubrandenburg

Der doppelte Hurrikan: Sebastian Sylvester in der Güstrower Kampfsporthalle beim Schattenboxen mit seinem Spiegelbild.Herbst
Der doppelte Hurrikan: Sebastian Sylvester in der Güstrower Kampfsporthalle beim Schattenboxen mit seinem Spiegelbild.Herbst

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20. Januar 2010, 12:18 Uhr

Güstrow | "Warum bringst du nicht gleich noch einen Haken hinterher?", moniert Box-Trainer Karsten Röwer in der Rundenpause. Augenzwinkernd hält Sebastian Sylvester dagegen: "Er ist schuld. Er ist weggegangen." Und als sein Coach auch seinem Gegner Tipps gibt, protestiert der Weltmeister schelmisch grinsend: "Eeeh, das gibts nicht."

"Er", das ist Ante Bilic, früherer Boxprofi im Hamburger Universum-Stall und dieser Tage im trotz aller harten Arbeit stimmungsvollen Sauerland-Vorbereitungscamp in Güstrow aktiv. Der Kroate ist einer von drei Sparringspartnern, die den IBF-Mittelgewichts-Champion für dessen erste Titelverteidigung am 30. Januar in Neubrandenburg gegen den Spanier Pablo Navascues in Form bringen sollen. Für die zwölf Runden im Jahnsportforum der Viertorestadt - wenn es denn über die Zeit geht - stehen insgesamt 74 Sparringsrunden auf Sylvesters Trainingsplan. Die letzten 28 in dieser Woche. Allein zehn davon hat der 29-Jährige gestern absolviert, fünf gegen Bilic, fünf gegen den in Rumänien lebenden Moldawier Vitali Mirza. Dritter im Bunde der Sparringspartner ist Jürgen Doberstein, ein erst 20-jähriger Kollege aus der Röwer-Truppe, der in Neubrandenburg ebenfalls in den Ring steigen wird und die Güstrower Runden seinerseits zur Vorbereitung nutzt.

"Besonders der Mirza haut wie ein Pferd", sagt Sylvester und weist auf sein Veilchen unter dem linken Auge. "Das war er. Aber nicht, dass er da mit seinem Schlag frei durchgekommen wäre. Ich hatte meinen Handschuh noch davor. Und trotzdem" Trainer Röwer winkt lächelnd ab. "Kleine Blessur. Das kann vorkommen. Nicht weiter schlimm."

"Der hat immer so furchtbar gute Laune, schon beim Frühsport"

Erwähnenswert aber findet es sein Schützling dennoch, denn "ich habe mir in meiner Karriere noch nie so wenig blaue Augen eingefangen wie im vergangenen Jahr". Seit Januar 2009 wird Sylvester vom Schweriner Karsten Röwer betreut. "Und das passte von Anfang an wie die Faust aufs Auge", sagt Sylvester, im Bild bleibend. Nur eines findet er an seinem Coach echt nervend. "Der hat immer so furchtbar gute Laune. Schon morgens um halb acht beim Frühsport. Wie geht denn sowas?" Röwer quittierts mit einem Grienen...

Viel haben die beiden in dem einen Jahr am Kampfstil des "Hurrikans" aus Greifswald gearbeitet. "Wir haben die Beinstellung verändert, an der Oberkörperbeweglichkeit und der Variabilität der Schläge gefeilt", zählt der Trainer auf und staunt immer noch, "dass die Entwicklung so schnell ging. Aber Basti ist motorisch begabt, so dass er Hinweise auch noch im hohen Sportleralter umsetzen kann. Und", so fügt der 47-Jährige hinzu, "wir haben ja auch weiß Gott nicht bei Null angefangen. Schließlich hatte Sebastian zuvor schon mit seinem früheren Trainer Hartmut Schröder lange erfolgreich zusammengearbeitet."

Zum vierten Mal bereitet sich das neue Erfolgsduo Sylvester/derzeit gemeinsam auf einen Kampf vor. Zum dritten Mal heißt das Ziel dabei Neubrandenburg. Ebenfalls zum dritten Mal machen sie an der Güstrower Sportschule des MV-Landessportbundes Zwischenstation. Dort haben der Greifswalder Sylvester und der gebürtige Altentreptower Röwer als echte MV-Gewächse ein Heimspiel.

Trainingslager Güstrow: Zu Gast bei einem alten Schulkameraden

Zum anderen kennen sich der Box-Trainer und Schulleiter Detlev Müller seit mehr als 30 Jahren. An der damaligen KJS Schwerin waren beide in Parallelklassen, Röwer mit Weltmeistertrainer Michael Timm bei den Boxern, Müller mit dem früheren Zehnkampf- und Bob-Weltmeister Torsten Voss bei den gleichaltrigen Leichtathleten. Alte Seilschaften sozusagen, wenngleich im positiven Sinne. "Vor allem aber finden wir hier beste Bedingungen vor. Und bislang war Güstrow für uns ein gutes Omen", sagt Röwer. "Und wir freuen uns über die bessere Auslastung der Schule", ergänzt Müller.

Ein gutes Omen war bislang bekanntlich auch Neubrandenburg. "Solch eine Stimmung wie da gibt es nirgends", schwärmt Sylvester von seinem "zweiten Wohnzimmer" und weiß: "Natürlich wird von Sieg zu Sieg dort der Druck größer. Aber das stört mich nicht, es ist ja positiver Druck, wenn dich alle anfeuern." Diesmal allerdings wäre es ihm gar nicht lieb, wenn die 5000 in der Arena wie gewöhnlich "Hurrikan, Hurrikan!" skandieren würden. "Denn so lautet auch der Kampfname meines Gegners." Aber er hat gleich eine Alternative parat: "Sollen mich die Fans ,Basti’ rufen. So nennen mich meine Freunde - und dort sind ja alle meine Freunde."

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