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Joachim Streich feiert heute 60. Geburtstag : "Strich" wusste stets, wo das Tor stand

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Sein Platz in den Geschichtsbüchern ist Joachim Streich nicht zu nehmen. 55 Tore in 102 Länderspielen für die DDR und 229 Treffer in 378 Oberliga-Partien stehen für ihn zu Buche. Heute feiert er seinen 60. Geburtstag.

svz.de von
erstellt am 12.Apr.2011 | 08:09 Uhr

Magdeburg | Wo das Tor stand, wusste ein Joachim Streich stets sehr genau. Mehr als 300 Treffer erzielte der aus Wismar stammende Rekordnationalspieler und -torschütze der DDR in seiner Karriere. Doch wo er heute seinen 60. Geburtstag feiern wird, weiß Streich noch nicht. "Meine Frau Marita möchte mich überraschen. Wahrscheinlich gehts Richtung Ostsee", vermutet er. Richtig gefeiert wird am Wochenende in Möckern bei Magdeburg, wo Streich wohnt. Etwa 70 Gäste werden dabei sein. Den runden Geburtstag nutzt Streich aber nicht nur zum Feiern. "Natürlich schaut man auf einen Lebensabschnitt zurück", sagt der zweimalige DDR-Fußballer des Jahres (1979, 1983), "und da muss man sagen: Es war schon alles richtig so, wie es gelaufen ist."

Damit meint Streich vor allem seinen aktiven Werdegang vom Jugendspieler in Wismar zum Rekordspieler in Rostock und Magdeburg: 55 Mal traf er in 102 Auswahlspielen, 229 Mal in 378 Oberligapartien, dazu in den nationalen und internationalen Pokalen.

"Diese Zahlen machen mich stolz, denn sie sind Ausdruck einer erfolgreichen Karriere über einen sehr langen Zeitraum", sagte Streich. Er arbeitet heute im Verkauf in einem Sportgeschäft in Magdeburg und genießt seine freie Zeit in heimischem Haus und Garten. Millionär wurde er trotz überragender Leistungen nicht, den Lockrufen der Bundesliga aus dem Westen widerstand er. "Ich hätte gern dort gespielt, aber die DDR war mein Land, und ich hatte Familie", sagte Streich.

Einen Tag, den 12. September 1984, wird Joachim Streich nie vergessen. Die DDR-Auswahl trat im legendären Londoner Wembley-Stadion gegen England an. "Dieses Gefühl, dort zu spielen, war trotz der 0:1-Niederlage einfach unbeschreiblich und der schönste Moment in meinem Fußballer-Leben. Zufällig war es auch mein 100. Auswahlspiel, das machte es ganz besonders", sagte Streich. Geehrt wurde "Strich", wie er in Fußball-Kreisen genannt wird, übrigens von Englands Torwart-Legende Peter Shilton.

Im Sommer 1985 war die Karriere als Spieler dann plötzlich vorbei. Von einem Tag auf den nächsten hieß es in Magdeburg: "Achim, du bist dann jetzt Trainer." Der Novize sollte einen sportlichen Umbruch einleiten. Als der politische kam, hatte Streich seine Aufgabe erfüllt, wie er selbst stolz betont: "Man hat ja gesehen, wie viele junge Spieler nach 1989 sofort Fuß in der Bundesliga gefasst haben." Streich versuchte es bei Eintracht Braunschweig. Doch ohne Erfolg. "Das war ein ganz anderes Umfeld. Da habe ich wohl einiges unterschätzt", sagt Streich über die Station im fremden System.

1996 ging er nach Zwickau und hielt den dortigen FSV knapp in der 2. Bundesliga. Doch nach der Saison verabschiedete sich Streich abrupt aus dem Fußballgeschäft. "Ich war Ende 40 und fühlte mich noch nicht zu alt, etwas Neues anzufangen." Etwas Neues war für den gelernten Schaltanlagenmonteur und diplomierten Sportlehrer tägliche Arbeit: "Nach Jahrzehnten auf Achse wollte ich auch mal freie Abende und Wochenenden haben."

Höchstens für Hansa Rostock würde er noch einmal arbeiten

Als Kolumnist hat der frühere Weltklasse-Angreifer das Fußball-Geschehen noch immer fest im Blick. "Ich verfolge alles von der 1. bis zur 4. Liga und sehe mir die Länderspiele an. Ich gehe oft in die Stadien, um am Ball zu bleiben", sagte Streich. Besonders interessiere er sich für die Teams aus der früheren DDR-Oberliga. "Was in Magdeburg passiert, macht mich besonders traurig. Dem Verein fehlt die sportliche Kompetenz", sagt Streich. Momentan dümpelt der FCM auf Platz 14 der Regionalliga Nord herum, hat keine Aussicht auf Profi-Fußball und muss sogar den Abstieg in die 5. Liga fürchten.

Streichs Lieblingsverein ist Rekordmeister Bayern München, daraus machte er nie ein Geheimnis. Der Grund: "Sie haben über Jahrzehnte Erfolg, dafür habe ich viel Respekt." Kein Wunder, dass mit Giovane Elber auch sein Lieblingsspieler ein früherer Münchner ist. "Er hat mich immer an mich erinnert. Er war ein Strafraumspieler, komplett und schwer ausrechenbar", sagte Streich. Aber so viele Tore wie er schaffte auch Elber nicht.

Ein Trainer-Engagement kann er sich selbst in Magdeburg nicht mehr vorstellen. "Das Kapitel ist abgeschlossen. Ich bin auch kein Typ, der allein in seiner Bude sitzt und 24 Stunden am Tag an Fußball denkt." Höchstens für Hansa Rostock würde er noch einmal arbeiten, etwa als Scout oder in der Jugend. "Der Schritt zurück zur Küste wird irgendwann kommen. Auch Marita stammt von dort, also wäre es eine Option für das Rentenalter", sagt Streich augenzwinkernd. Aktiv spielt er mittlerweile lieber Golf: "Das kann ich in meinem Alter noch machen", so Streich. Vor drei Jahren bestritt er sein letztes Fußballspiel für eine Traditionsmannschaft. Streich wusste natürlich, wo das Tor stand - und erzielte einen Treffer.

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