"Sowas Tolles vergisst man wohl nie"

<strong>Stolze Gewinner:</strong> Hauke (l.) und Hannes Albers am Freitagabend beim EM-Viertelfinale im Stadion von Danzig.<foto>herbst</foto>
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Stolze Gewinner: Hauke (l.) und Hannes Albers am Freitagabend beim EM-Viertelfinale im Stadion von Danzig.herbst

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24. Juni 2012, 06:10 Uhr

Danzig | Was sind schon 35 Minuten? Um solch ein Spiel wie das EM-Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland live erleben zu können, wären Hauke Albers (15), als Kapitän der B-Junioren von Einheit Crivitz Hauptgewinner unserer EM-Aktion, und sein sechs Jahre älterer Bruder Hannes, der ihn begleiten darf, noch viel weiter gelaufen als nur eine lumpige gute halbe Stunde. Notfalls sogar bis ans Ende der Welt.

Danzig hält von beidem etwas bereit am Freitagabend - von der halben Stunde und vom Ende der Welt. Der Marsch vom Parkplatz 50 zum neuen Bernstein-Stadion führt vorbei an Baustellen, an denen Straßen, die moderne Zufahrtswege sein sollten (und bestimmt nach der EM auch noch werden) plötzlich aufhören. Das wiederum nötigt dem Wanderer Kurven auf, die wenig zielführend erscheinen, da die Arena statt in Marschrichtung auch mal für ein Weilchen "auf vier Uhr" liegt, wie Piloten es nennen. Na und? Die zahllosen Fußball-Pilger aus aller Herren Länder stört das herzlich wenig - und unsere Jungs rein gar nicht.

"Hier dabeisein zu können, ist phantastisch. Sowas Tolles vergisst man wohl nie", schwärmt Hauke, für den das Hansa-Spiel gegen Unterhaching (3:1) zum Saison-Halali 2006/07, dem Jahr des letztmaligen Rostocker Erstliga-Aufstiegs, sein bis dato größtes Fußball-Live-Erlebnis war. Zwar hatte er auch mal die Hertha gegen Frankfurt in der Bundesliga erlebt, "aber das war nicht Hansa und das Spiel war auch nicht doll", wiegelt Hauke ab.

"Da hat Töpperwien ganz schön danebengelegen"

Die Hertha also geradezu als Kontrastprogramm zu diesem EM-Spiel. Im Stadion sitzen der Crivitzer Innenverteidiger und sein Bruder direkt über der Torauslinie des Tores, in das später Sami Khedira, Miro Klose und Marco Reus den Ball zu den Treffern zwei bis vier der deutschen Mannschaft versenken sollen. "Genau vor unseren Augen - schöner geht es gar nicht", schwärmt Hannes, der die Reise mitten in der Prüfungszeit seines BWL-Studiums an der Uni Greifswald gerade noch dazwischenschieben konnte.

Bis zum Happyend ist allerdings Geduld gefragt. Nicht so viel allerdings, wie tags zuvor Klaus Töpperwien als Stargast des gemeinsamen Abendessens vorausgesagt hatte. "Das Spiel wird keinen Schönheitspreis erhalten, aber am Ende werden wir ins Halbfinale einziehen. Deutschland wird 1:0 gewinnen, nach zähem Spiel mit einem Treffer erst kurz vor Abpfiff", hatte die ZDF-Reporterlegende im Brustton der Überzeugung verkündet.

"Damit hat Töpperwien aber ganz schön danebengelegen", meint Hauke bereits nach einer Anfangs-Viertelstunde mit deutschen Chancen fast im Minutentakt. Besonders von Reus ist er begeistert: "Der macht da vorn schon in den paar Minuten mehr Betrieb als Müller in den drei Gruppenspielen zusammen." Darauf Hannes: "Das liegt aber auch daran, dass die Griechen hinten weit schlechter stehen als erwartet."

So werfen sich die Brüder bis zum Ende der Partie die Bälle zu. "Endlich hat er sich mal getraut zu schießen", heißt es etwa nach dem erlösenden 1:0 durch Kapitän Philipp Lahm. Später, zum Beginn der zweiten Halbzeit: "Ausgerechnet den Ninis nimmt der griechische Trainer raus. Seinen einzigen Spieler, der überhaupt aufs Tor geschossen hat." Oder: "Jetzt kommen unsere ganz schön ins Schwimmen. Ein 1:1 der Griechen war im Plan offenbar nicht vorgesehen." Einmal gerät auch der Innenverteidiger in Hauke ins Schwärmen: "Den hat er ganz klasse abgelaufen", attestiert er Mats Hummels nach einer gelungenen Aktion gegen Samaras.

Überhaupt sind die Brüder von der Vorstellung der deutschen Spieler dicht vor ihrer Nase derart begeistert, dass sie selbst das zweite Griechen-Tor nicht sonderlich stört. Zumal Boatengs Handspiel auf der anderen Seite des Platzes erfolgt und von der Aktion weder in natura noch auf einer der vier Video-Leinwände in den vier Ecken des Stadions etwas Verwertbares zu erkennen ist.

An der Fanmeile sind schon kurz nach Mitternacht die Lichter aus

Nur mit einem sind sie nicht zufrieden. "Warum wird denn Özil zum Mann des Spiels gewählt?", fragt Hauke. "Reus war doch viel besser." "Oder auch Klose", ergänzt Hannes. Das ist aber nur ein kleines, ein wirklich winzig kleines Schönheitsfleckchen an diesem einmaligen Abend.

Zugleich das einzige. Denn zu ihrem Glück können Hauke und Hannes die Fanmeile in Danzig links liegen lassen - bzw. rechts in Fahrtrichtung zur Innenstadt. Als der Bus nach gut dreiviertelstündigem Rückmarsch zum Parkplatz 50 (wenn alle der gut 38 000 Zuschauer auf einmal nach Hause pilgern, zieht sich das) und kilometerlangem Stau den traditionellen Feierplatz der Fans erreicht, ist dort alles ruhig, nahezu grabesstill. Kein Fan ist zu sehen, weit und breit brennt kein Licht und die schweren Tore sind längst zugesperrt.

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