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"So lange wie Rehhagel mache ich es bestimmt nicht"

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erstellt am 03.Aug.2010 | 06:24 Uhr

Rostock | Dieser Tage weilte der weißrussische Fußball-Nationaltrainer Bernd Stange für eine knappe Erholungswoche in Deutschland. Mittendrin gönnte er sich drei Tage Hotel Neptun in Rostock-Warnemünde und dann noch zwei Tage in seiner alten Heimat Jena.

Vor dem Abflug in Richtung Minsk sprach Roland Güttler mit dem Weltenbummler in Sachen Fußball und einstigen DDR-Auswahltrainer.

Herr Stange, am 3. September geht es zum Auftakt der EM-Qualifikation in Paris gegen Frankreich. Wie kompliziert wird es, gegen eine völlig neue französische Elf zu spielen, nachdem die 23 WM-Fahrer von Ihrem neuen Trainer-Kollegen Laurent Blanc vor die Tür gesetzt worden sind?

Bernd Stange: Das ist schwer einzuschätzen. Gegen die Franzosen der WM hätte ich auch gerne gespielt! Die neue Elf wird für ihr Heimatland um ihr Leben laufen. Im Fußball ist das die beste Motivation.

Ich bin jetzt das dritte Jahr in Weißrussland, die Mannschaft ist reifer geworden und darum rechnen wir uns in Paris was aus. Zumal ich keine schlechten Erfahrungen gerade gegen Frankreich habe. Als DDR-Nationaltrainer schlug ich 1984 den amtierenden Europameister mit Platini, Giresse und Tigana in Leipzig mit 2:0. In der DDR-Elf standen damals u. a. Thom, Kirsten und Sammer. Mit dem heutigen Uefa-Präsidenten Platini habe ich bis heute ein freundschaftliches Verhältnis. Wir sehen uns zwei, drei Mal im Jahr - und dann kommen wir irgendwie immer wieder auch auf Leipzig 1984.

Für die WM in Südafrika wollte sich Weißrussland qualifizieren. Es klappte nicht. Im allgemeinen darf der Trainer dann gehen - Ihr Vertrag wurde im Gegensatz dazu verlängert…

Eigentlich wollte ich weggehen wegen der Nicht-Quali. Doch das Ziel war angesichts der Gruppengegner England, Kroatien und Ukraine unrealistisch. Jetzt zur EM siehts besser aus. Meine Mannschaft ist reifer geworden, kann gegen Frankreich und Rumänien für Überraschungen sorgen. Und Siege gegen Albanien und Luxemburg setze ich mal voraus.

Der weißrussische Verband wollte, dass ich weitermache. Also habe ich nochmals um zwei Jahre bis 2012 verlängert. Dann soll aber die Fußball-Rente kommen, so lange wie Otto Rehhagel werde ich es bestimmt nicht machen! Ich bin 62, mein Co. Harald Irmscher 64. Harald ist in Belarus übrigens hoch angesehen, denn er ist der einzige im Land, der bei einer WM sowie Olympischen Spielen war. Mit ihm arbeite ich bereits insgesamt elf Jahre zusammen.

Bei der WM in Südafrika waren Sie vor Ort. Haben Sie etwas Neues im Weltfußball ausgemacht?

Technisch-taktisch gab es nichts Neues. Neu ist allerdings, dass sich die Fußball spielenden Teams absolut durchsetzten gegenüber denen, die Fußball kämpfen. Das liegt aber auch an der Regelauslegung der Schiedsrichter. Heute kann keiner mehr sagen: "Wir gehen richtig zur Sache, um den Gegner zu erschrecken." Bei der pingeligen Regelauslegung ist man damit chancenlos.

Der Fußball tendiert aktuell mehr in Richtung Basketball

Dabei ist Fußball für mich weiterhin ein Kampfspiel, gehört fairer, ritterlicher Kampf dazu. Doch aktuell geht es mehr in Richtung Basketball, wo ein leichter Trikotzupfer im Strafraum gleich mit Elfmeter bestraft wird. Ich finde die Entwicklung nicht unbedingt wünschenswert.

Allerdings gab es durch diese Art des Pfeifens keine großen Verletzungen. Die Spieler sind heute einfach zu teuer. Kein Verein und keine Versicherung kann es sich leisten, dass der Spieler lange mit Gipsbein herumhumpelt.

Wie ist der Kontakt zu Ihrem deutschen Kollegen Joachim Löw?

Der ist wirklich sehr gut, freundschaftlich. Das gilt aber auch für das Verhältnis zu Teammanager Oliver Bierhoff und vor allem zu DFB-Sportdirektor Matthias Sammer. Nach dem 4:0 gegen Argentinien habe ich Löw sofort eine SMS geschickt. Und schon 90 Minuten später kam die Antwort.

Überhaupt kann man Joachim Löw nur ein Riesenkompliment machen. Neben Uruguay war die DFB-Elf die Turnierüberraschung. Die deutsche Mannschaft hatte erkennbar ein Gesicht.

Sie sind befreundet mit Volkbert Keßler aus Schwerin, der sich für die vergessenen Kinder von Kapstadt einsetzt, die für den Bau des Green-Point-WM-Stadions in ein Containerdorf zwangsumgesiedelt wurden. Wie sehen Sie die Idee der Spendenaktion für die Bewohner von Blikkiesdorp?

Ich finde das absolut positiv und begrüßenswert. Meine Unterstützung hat Volkbert Keßler und ich wünsche, dass er Erfolg hat beim DFB.

In der Auswahl oberstes Gebot, Teile der Prämie zu spenden

Allerdings ist es nicht so, dass man einfach sagen kann, die Fußballer verdienen ja so viel... Ob Ballack oder Lahm, sie haben eine große Verantwortung in Sachen Charity. Auf der Nationalmannschaftsebene ist es mittlerweile oberstes Gebot, dass die Spieler Teile der Prämie spenden. Und ich möchte auch die Stiftung des DFB für Waisenkinder in Mexiko hier anführen.

Und so läuft das auch bei uns in Belarus. Besonders diejenigen, die in Barcelona oder in Italien spielen, verdienen gutes Geld. Sie spenden für Waisenhäuser, Krebsstationen - Tschernobyl ist nicht weit weg. Besonders Alexander Hleb tut sich da hervor, regt viele Initiativen an. Aber eines ist auch klar: Wünsche und die Anliegen in Briefen sind oftmals größer, als das, was man geben kann…

Wechseln wir abschließend die Fußballebene. Ihr Verein Carl Zeiss Jena trifft sich in dieser Saison mit Hansa Rostock in der 3. Liga. Wie sehen Sie die Sache?

Das ist der Entwicklungsstand des Ostfußballs. Jena hängt am (Finanz-)Tropf, Dresden hat auch seine Probleme. Und in Rostock setzt man nach dem Zweitligaabstieg richtigerweise auf junge Leute, baut eine neue Mannschaft auf. Sehen wir es positiv: Es gibt viele Derbys, Traditionsduelle, das macht die Liga interessant. An mehr sollte man jetzt nicht denken.

Ich verfolge nach wie vor genau, was meine Ex-Spieler wie Lothar Kurbjuweit, Jürgen Raab, Ralf Minge oder Stefan Böger jetzt machen. Zehn Minuten vor diesem Gespräch rief übrigens Damian Halata an, der ist jetzt Trainer beim Regionalligisten in Meuselwitz.

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