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Boxlegende : Pratzen statt Party - Fritz Sdunek wird heute 65

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erstellt am 17.Apr.2012 | 08:11 Uhr

Eigentlich könnte er sich ab heute zurücklehnen, den Trainingsanzug gegen Hausmantel und Pantoffeln tauschen oder im heimischen Garten in Hamburg Rosen züchten - eben schlicht und einfach Rentner sein. Fritz Sdunek feiert heute 65. Geburtstag. Aber was heißt bei einem wie ihm schon feiert? "Mit der Familie essen gehen, das ist es dann auch schon. Zu mehr habe ich gar keine Zeit", sagt der mittlerweile wohl erfolgreichste Boxtrainer der Welt, der seit seinem Einstieg ins Trainer-Metier 1972 beim SC Traktor Schwerin sportlich praktisch permanent auf der Überholspur unterwegs ist. Wo Sdunek ist, da ist im Boxen vorn. Das war 1988 mit Olympiasieger Andreas Zülow so, das ist heute mit Vitali Klitschko nicht anders. Und damit das weiterhin so bleibt, wird halt auch der Jubiläums-Geburtstag wie schon so viele zuvor zwischen zwei wichtige Kämpfe wieder mal nur dazwischen gequetscht. Statt Party ist Pratzenarbeit angesagt. Wie jeden Tag.

Am vergangenen Freitag stand Sdunek in Köln beim WM-Duell seines aktuellen Weltmeisters Felix Sturm gegen seinen früheren Schützling Sebastian Zbik in der Ringecke. Derzeit bereitet er in Hamburg den Briten Ola Afolabi auf dessen WM-Kampf im Cruisergewicht am 5. Mai in Erfurt gegen Marco Huck vor. Und mittendrin, am Samstag, ist eine Stippvisite an alter Wirkungsstätte in Schwerin bei der Universum Fight Night geplant. "Boxtrainer zu sein ist eben nie langweilig", resümiert Sdunek mit seinem charakteristischen Grinsen, bei dem sich die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenziehen.

Das Profiboxen herausgeholt aus der "Ritze" auf St. Pauli

Dass er dermaßen gut zu tun hat, mit anspruchsvollen Aufgaben gut zu tun hat, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Eingangs der 90er Jahre boxten Hamburger Profis bezeichnenderweise auf St. Pauli in der "Ritze". Das Training lief ab nach Bauchgefühl sowie dem Motto: Versuch und Irrtum. Und Dariusz "Tiger" Michalczewski, Sduneks erster Meisterschüler im Berufsboxen und als Leverkusener Bayer-Athlet 1991 unter dem Ex-Schweriner schon Europameister der Amateure, wurde in seiner Anfangszeit bei den Profis gar im Käfig zum Ring gebracht. "Das ging mir damals mächtig gegen den Strich", erinnert sich Sdunek.

Inzwischen hat er sich an Mummenschanz und das Vorkampf-Ballyhoo teils unter der Gürtellinie gewöhnt. "Es gefällt mir immer noch nicht, aber ich sehe es mittlerweile ganz gelassen. Es gehört halt zum Profiboxen dazu und es lockt ja auch Zuschauer an."

Generell aber ticken die Uhren im Profiboxen nicht nur in der Hansestadt, sondern deutschlandweit anders. Sdunek, der 1994 von den Amateuren zu Universum gewechselt war, hat maßgeblich daran mitgewirkt, sie umzustellen. "Wenn das Universum-Management damals allerdings nicht an seriösem Boxsport interessiert gewesen wäre, dann hätte ich nichts verändern können. Aber dann wäre ich auch nicht lange geblieben."

So blieb Sdunek bis Anfang 2010. Er machte in den 16 Jahren zwölf Boxer zu Weltmeistern. Bis gesundheitliche Probleme ihn zwangen, kürzerzutreten: Herzinfarkt, Hautkrebs, künstliche Gelenke an beiden Hüften - es hat nicht viel gefehlt und er hätte seinem geliebten Sport ganz adé sagen müssen. "Es musste damals beim Abschied von Universum schon die eine oder andere Träne getrocknet werden", bekennt Fritz Sdunek. "Und einige, wie zum Beispiel auch Sebastian Zbik, haben meine Entscheidung, mich nur noch um Vitali Klitschko kümmern zu wollen, nicht wirklich verstanden."

Was aber niemand wusste: Der Boxsport hatte ihm seinerzeit bereits zweimal quasi das Leben gerettet. Direkt, als nach einem unabsichtlichen Treffer von Schwergewichtler Denis Boytsov bei der Pratzenarbeit die lädierte Lippe einfach nicht heilen wollte. "Da wurde dann Krebs diagnostiziert. Hätte sich der unbemerkt weiterentwickelt, wäre es wohl in die Lymphe gegangen. Dann hätte ich nur noch ein paar Jahre gehabt", sagt Sdunek.

Wegen Krebserkrankung mit Selbstmordgedanken getragen

Und indirekt, als er in der Krebsklinik angesichts der vielen hoffnungslosen Fälle um ihn herum bereits über Suizid nachdachte. In seiner vor wenigen Tagen erschienenen Autobiografie schrieb er: "Ich dachte nicht darüber nach, wie ich es tun wollte, so weit war ich noch nicht. Aber ich wusste, dass ich niemandem zumuten wollte, mich als Pflegefall durchschleppen zu müssen. Und mir nicht, unnötig zu leiden. Ich wollte keinen schleichenden, quälend langsamen Verfall. So erschien mir der Freitod als die beste Lösung."

Doch letztlich hat Sdunek die Krankheit besiegt, ist wieder fit und gesund. Er hat sich durchgeboxt. Auch, weil er seinen damals einzigen Athleten, Vitali Klitschko, nicht hängen lassen wollte. Mit dem langen Ukrainer verbindet ihn fast so etwas wie eine Vater-Sohn-Beziehung und damit noch weit mehr als mit allen anderen der rund 150 Athleten, die er in den vier Jahrzehnten seiner Trainer-Tätigkeit zunächst beim SC Traktor Schwerin, nach der Wende bei Bayer Leverkusen und in Hollands Nationalstaffel oder jetzt im Profiboxen betreute und die für ihn immer "meine Jungs" waren. Das sogar so sehr, dass Ehefrau Carola einst sagte: "Ich glaube, er liebt seine Boxer mehr als uns."

Apropos Ehefrau Carola: Wenn Fritz Sdunek in seinem Leben eines bereut, dann ist es ein "blöder Seitensprung", wie er ihn heute nennt. Den beichtete er erst nach 22 Jahren. Notgedrungen, weil Feldjäger seinen unehelichen Sohn Robert suchten - auch bei ihm.

Sonst bereut Sdunek nichts. Und an den Ruhestand, der ihm seit heute zustünde, verschwendet er keinen Gedanken: "So lange ich kann, will ich auf jeden Fall weitermachen. Ich habe so viele Angebote junger Boxer, die von mir trainiert werden wollen, da könnte ich doch gar nicht aufhören. Ohne Boxen wäre mir mein Leben auch viel zu langweilig. Außerdem: Wer rastet, der rostet."

 

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