Im Hinterhof des Tempels

Die zehnjährige Nicola träumt von einer Karriere als Model oder Sängerin.
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Die zehnjährige Nicola träumt von einer Karriere als Model oder Sängerin.

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04. Mai 2012, 10:58 Uhr

Warschau | Die Kinder schlagen mit löchrigen Kunststoffröhren aufeinander ein. Es ist ein Spiel. Helles Lachen erfüllt den Hof, der nur an den Seiten und der Vorderfront durch Häuser begrenzt ist. Nach hinten hinaus schließt sich ein sandiges Hügelgelände an. Zerbröckelnde Reste von Backsteinmauern ragen dazwischen auf.

Die Hinterhöfe der Brzeska-Straße im Warschauer Stadtteil Praga sind für Kinder ein idealer Abenteuerspielplatz. Da ran ändert auch die spiegelverglaste Fassade des Millennium-Zentrums nichts, die den Horizont begrenzt. Der Sender MTV Polska hat dort seinen Sitz. Wenn sich die Kinder der Brzeska-Straße auf die andere Seite des Büroturms träumen, sind sie nur wenige hundert Meter vom Nationalstadion entfernt. In Polens nagelneuem Fußball-Tempel wird am 8. Juni die Europameisterschaft angepfiffen.

Nicola gehört zu den Kindern, die ihre Fantasien auf den Hinterhöfen austoben. Die Zehnjährige träumt von einer Karriere als Model oder Sängerin. Im Wohnzimmer der Familie stapeln sich Barbie-Puppen in den Regalen. Nicolas fünf Jahre älterer Bruder Kamil sitzt an einem Schreibtisch in einer Ecke des kleinen Raums, in dem vier Personen leben und arbeiten.

"Wer hier lebt, gilt weniger als alle anderen"

Nicola will nicht über ihre Träume reden. Sie schämt sich vor Fremden. Auch Vater Krzysztof verschwindet schnell im düsteren Treppenhaus. Mutter Beata serviert löslichen Kaffee. "Ich bin in der Brzeska aufgewachsen und wohne noch immer hier", erzählt sie. "Aber stolz bin ich darauf nicht. Wer hier lebt, gilt weniger als alle anderen."

Die Brzeska-Straße ist das heimliche Herz von Praga, des historischen Warschauer Arbeiterviertels auf dem rechten Weichselufer, das nun EM-Kiez wird. Die Altstadt und die boomende City mit ihren gläsernen Wolkenkratzern ragen auf der anderen Flussseite empor. Praga stand lange in dem Ruf, der gefährlichste Bezirk der Hauptstadt zu sein. Die Kommunisten siedelten dort all jene "asozialen Elemente" an, die es in einer sozialistischen Volksrepublik nicht geben sollte, weil es sie nicht geben durfte. Auf den Hinterhöfen von Praga herrschten Gewalt, Arbeitslosigkeit und Alkoholsucht.

Doch in Praga hat sich vieles verändert. Künstler, Designer und Architekten haben das Viertel für sich entdeckt und es in ein Zentrum der Kreativindustrie verwandelt. Maler richten in Lofts ihre Ateliers ein. Studenten bevölkern die Szenekneipen. Um die Brzeska jedoch machen die meisten von ihnen einen Bogen. "Sie denken, in unserer Straße leben nur Verbrecher und Außenseiter", sagt Beata.

Die 40-Jährige arbeitet als Verkäuferin. Nebenbei belegt sie Fortbildungskurse, um sich und ihre Familie voranzubringen. Sprechen möchte sie darüber nicht. Die Menschen in der Brzeska führen ihren Kampf für ein besseres Leben wortlos. Es ist ein Selbstschutz vor der erwarteten Enttäuschung. Unten auf den Höfen stehen fast überall hellblau leuchtende Marienstatuen, ganz in der Tradition des katholischen Polen. Ewige Lichter brennen davor. "Es hilft mir, wenn ich bete", sagt Beata.

Das Leben in der Brzeska ist noch immer kein Spaß. Im Winter drängt sich Beatas Familie um eine Stromheizung. "Wärmer als 15 Grad wird es bei uns nicht, auch wenn wir den Backofen mitheizen lassen." Die Häuser stammen noch aus der Vorkriegszeit. Viele Fassaden sind von Einschusslöchern übersät. Als die Deutschen Warschau 1944 in Schutt und Asche legten, blieb Praga das Schlimmste zwar erspart. In den Straßenzügen östlich des Flusses stand bereits die Sowjetarmee. Doch der Segen wurde zum Fluch für die späteren Bewohner. Seit dem Weltkrieg hat niemand die Häuser saniert.

Das polnische Bruttoinlandsprodukt hat sich seit dem EU-Beitritt 2004 verdoppelt. Mit einem Mut, der an Verzweiflung grenzt, kämpfen Beata, Krzysztof und die Kinder dafür, mit dem Wirtschaftswunder Schritt zu halten. Doch die Welt jenseits der Brzeska entwickelt sich so rasant, dass viele Bewohner in ihren verfallenen Häusern immer weiter ins Hintertreffen geraten. Das imposante, rot-weiß schimmernde Nationalstadion ist dafür das weithin sichtbare Zeichen.

"Was haben wir Gutes von der EM?"

"Was haben wir Gutes von der EM?", fragt Beata und gibt sich selbst die Antwort: "Nichts. Statt das Stadion zu bauen, hätten sie unser Haus lieber an das Heizungssystem anschließen sollen. Wir haben wieder einmal das Nachsehen."

Am nördlichen Eingang zur Brzeska hat die Deutsche Bank in einem sanierten Altbau eine Filiale eröffnet. Im Süden, in Sichtweite des Millennium-Zentrums, entsteht ein weiteres gläsernes Bürogebäude. Die polnische Moderne nimmt die 600 Meter lange Brzeska-Straße und ihre Bewohner in einen Klammergriff. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Herz von Praga aufhört zu schlagen.

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