"Ich hoffe, dass Fascher hier Impulse setzen kann"

'Ein Stück Heimat': Bernd Stange (links) mit seinem langjährigen Co-Trainer Harald Irmscher an der Ostsee. Bernd brandt
"Ein Stück Heimat": Bernd Stange (links) mit seinem langjährigen Co-Trainer Harald Irmscher an der Ostsee. Bernd brandt

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11. September 2012, 08:40 Uhr

Ros- tock | In Rostock, Am Strom in Warnemünde oder im Wald an der Wilhelmshöhe bei Diedrichshagen - wo auch immer Bernd Stange (64) bei seinem Besuch in Mecklenburg-Vorpommern auftaucht, wird der einstige Nationaltrainer der DDR, des Irak, des Oman oder Weißrusslands angesprochen, um Autogramme oder um ein gemeinsames Foto gebeten.

In seinem letzten Arbeitsjahr vor der Rente besuchte der Thüringer Fußball-Lehrer dieser Tage den FC Mecklenburg Schwerin und das U21-Länderspiel Deutschland gegen Weißrussland in Rostock bzw. spannte mit seiner Frau Dorle, der Familie seines Assistenztrainers Harald Irmscher sowie Ulli Göhr, dem Mann der zweifachen Olympiasiegerin mit der 4x100-Meter-Staffel Marlies Göhr, an der See aus.

NNN-Mitarbeiter Bernd Brandt kam mit Bernd Stange ins Gespräch.

Herr Stange, wenn man wie Sie in der Ukraine, dem Irak, in Weißrussland, Zypern oder dem Oman gearbeitet hat, was bedeutet einem dann noch die Ostsee?

Bernd Stange: Es ist wie mein Thüringen, wie mein Jena ein Stück Heimat. In der DDR war ein Ostsee-Urlaub für uns ein gewisser Luxus. Ich habe als Nationaltrainer mit meiner Frau und den beiden kleinen Kindern damals bei meinem Freund Helmut Hergesell (Ex-Hansa-Spieler und -Trainer - d. Red.) den Jahresurlaub verbracht, war nicht im Neptun-Hotel, aber glücklich. Ich habe hier an der Ostsee noch viele gute Freunde wie auch Manfred Wimmer (Ex-Vorstandsvorsitzender, aktuell Aufsichtsratsmitglied - d. Red.).

Was hat Sie in Deutschland so populär gemacht?

Ich denke, es war die verrückte Zeit im Irak. Als ich den Job annahm, wurde ich weltweit von den Medien zertreten, weil Saddam noch im Amt war. Dann war sechs Wochen Krieg, Saddam weg und der US-Gouverneur Paul Bremer im Amt. Der Irak lag in Schutt und Asche, und ich bekam aus aller Welt Auszeichnungen in Hülle und Fülle, sogar von der FIFA. Obwohl ich hier wie da die gleiche Arbeit gemacht hatte. Aber so etwas bleibt wohl bei den Leuten hängen…

Zurück zur Region: Wie sehen Sie die Entwicklung des FC Hansa?

Sie macht mich natürlich traurig. Sie erinnert mich ein wenig auch an den Werdegang von Carl Zeiss Jena. Mit einem Unterschied.

Welchem?

Hansa hat die Wende besser genutzt. Leute wie Robert Pischke, Gerd Kische, Jürgen Heinsch, Rainer Jarohs, Helmut Hergesell, Manfred Wimmer oder Axel Schulz und Juri Schlünz waren der Region damals eng verbunden, haben den Laden zusammengehalten. In einer Mentalität des Mitnehmens haben sie Bodenständigkeit bewiesen. Das war ja dann auch die Basis für zehn Jahre 1. Bundesliga. Schade, dass diese Identifikation mittlerweile auch hier verloren gegangen ist. Trotzdem ist es sensationell, und das habe ich jetzt auch wieder gemerkt, wie sich die Leute immer noch mit dem Verein verbunden fühlen.

Mit Marc Fascher fing ein neuer Trainer in Rostock an. Sie kennen ihn…

Unsere Wege haben sich bei Trainingslagern im türkischen Belek gekreuzt. Damals war er Trainer von Siegen, danach bei uns in Jena. Ich hoffe mal für Hansa, dass er hier Impulse setzen kann.

Wie sehen Sie generell die Entwicklung der einstigen DDR-Oberliga-Teams?

Es ist die bedauerliche Entwicklung vom Hochleistungssport ins Niemandsland: Magdeburg, Jena, Leipzig, Chemnitz, Halle, auch Rostock… Dresden hat zehn Jahre gebraucht, um aus diesem Tal zu kommen. Aue und Cottbus halten ein gewisses Niveau. Aber generell ist es schon traurig, wie die Vereine abgeschmiert sind.

Dienstag (heute - d. Red.) spielt die Nationalelf gegen Österreich in der WM-Qualifikation. Wo stufen Sie auf dem Weg nach Brasilien 2014 die Deutschen ein?

Ich sehe den deutschen Fußball in einer am Anfang stehenden Entwicklung in die Weltspitze. Aber ich sehe auch, dass sich der deutsche Fußball zu sehr über den Weltmaßstab erhebt. Ich halte es für nicht gut, zu sagen, für uns zählt nur der Europameister-, nur der Weltmeistertitel. Uns stünde ein wenig Realitätssinn, Bescheidenheit und Demut besser. Große Sprüche junger Fußballer wie jüngst von Philipp Lahm passen da nicht. So etwas hörst du auch nicht aus Spanien - und die sind Welt- und Europameister und nicht Halbfinalisten…

Sie werden im Frühjahr 2013 Pensionär. Ist Ihre Karriere als Fußballtrainer schon beendet?

Ich habe mich niemals irgendwo angeboten, biete mich nirgends an, bei mir ist immer angefragt worden. Und wer meine Hilfe möchte, bekommt sie. Jetzt auch. Solange mache ich Studien-

reisen und Trainerlehrgänge. Nach zehn Monaten ohne Job ist es noch mal an der Zeit, etwas anzupacken.

Wo war es für Sie am schönsten?

Viereinhalb Jahre Weißrussland waren toll. Wir haben das Land von Platz 90 der Weltrangliste auf 36 gebracht. Da wir aber in zwei Zyklen nicht meinen Traum einer EM- oder WM-Teilnahme erreichten, sind Harald Irmscher und ich zurück. Trotzdem bleiben tolle Spiele in Wembley oder dem Stade de France, ein 0:0 gegen Argentinien, ein schönes Spiel gegen Deutschland (2008 gab es in Kaiserslautern ein 2:2 - d. Red.). Wir sind in Ehren aus Weißrussland verabschiedet worden, mehr ging nicht. Okay? So, jetzt muss ich aber aufs Rad. Ich will noch was von Warnemünde sehen…

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