"Fußball-Gott ist manchmal verrückt"

<strong>Heute Griechenland-Fans:</strong> Gastwirt Dimitri Gianiki  (2. v. l.) und sein Team drücken danach aber Deutschland die Daumen…<foto>Reinhard Klawitter</foto>
Heute Griechenland-Fans: Gastwirt Dimitri Gianiki (2. v. l.) und sein Team drücken danach aber Deutschland die Daumen…Reinhard Klawitter

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21. Juni 2012, 07:23 Uhr

Schwerin | Griechenland, ausgerechnet Griechenland. Noch bei der WM 2010 in Südafrika hätte man von einem Glückslos gesprochen. Mund abputzen und weiter in die nächste Runde aus deutscher Sicht sozusagen. Auch heute um 20.45 Uhr im EM-Viertelfinale von Danzig sind die sportlichen Vorzeichen klar: Deutschland ist der haushohe Favorit, die Söhne Hellas’ krasser Außenseiter.

"Ihr werdet Griechenland nie aus der EURO rausschmeißen"

Doch diesmal geht es in den 90 Minuten oder mehr bei diesem K.o.-Spiel beileibe nicht nur um Fußball. Seit der griechischen Staatskrise hat der Mann und die Frau auf der Straße von Athen angesichts des riesigen Sparzwangs und der damit einhergehenden Verelendung breiter Bevölkerungsschichten einen Buhmann ausgemacht: Deutschland und da vor allem die "Eiserne Kanzlerin" mit ihren jüngsten Forderungen an das Euro-Sorgenkind, sich an Vereinbarungen zum Abbau der Staatsschulden zu halten.

Dies nutzen Athens Medien als willkommene Steilvorlage. "Bringt uns jetzt die Merkel", wünschte sich das Sportblatt "Goal-News" - eines von sagenhaften 16 Sport-Tageszeitungen in Hellas - bereits vorm abschließenden letzten Gruppen-Duell der DFB-Elf gegen Dänemark und kommentierte doppeldeutig: "Ihr werdet Griechenland nie aus der EURO rausschmeißen."

"Das Sparpaket ist für meine Landsleute in der Tat schwer", betont Dimitri Gianiki, seit 1994 in Schwerin-Friedrichsthal das Restaurant "Hermes" betreibend und bereits seit 33 Jahren in Deutschland lebend, und wirbt um Verständnis für seine Landsleute in der Heimat: "Wenn wir hier in Deutschland auch alles 50 Prozent weniger hätten, wenn du für dein Kind keine Milch und kein Brot mehr hast oder die Gesundheit nicht bezahlen kannst, dann würdest du deinen Ärger darüber auch an bestimmten Personen festmachen."

Pfeifkonzert der Hellas-Fans bei der deutschen Hymne erwartet

Für den einfachen Griechen, der jetzt die Zeche der Staatskrise zahlen muss, während die reichen Hellenen weiterhin keine Steuern zahlen bzw. ihr Geld längst im Ausland in Sicherheit gebracht haben, ist Γερμανiα, wie Deutschland auf Griechisch heißt, der ausgemachte Buhmann. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die kurzfristig doch zum Spiel nach Danzig reist, dürfte heute Abend ein Pfeifkonzert durch die erwarteten 4000 griechischen Fans beim Ertönen der deutschen Hymne sicher sein.

Im DFB-Lager bemüht man sich seit tagen, den Ball flach zu halten, indem Präsident Wolfgang Niersbach verkündet: "Es geht um die EURO, nicht um den Euro."

Das sieht auch der äußerst sportbegeisterte Gastwirt Gianiki so, der sich als Sponsor beim deutschen Volleyballmeister SSC, den Eintracht-Fußballern sowie im Handball beim SV Post und auch bei den Frauen von Grün-Weiß Schwerin engagiert. "In Danzig geht es um Fußball. Deutschland ist haushoher Favorit, aber der Fußball-Gott ist manchmal verrückt", träumt Gianiki von der Riesensensation. Sie könne eintreten, "wenn es lange torlos steht. Verteidigen können die Griechen. Diese Mannschaft spielt wie 2004 unter Otto Rehhagel, hinten dicht und nach vorn kontern über die schnellen Leute Gekas, Samaras und Salpingidis."

Wie das vor acht Jahren bei der EM in Portugal ausging, ist ein besonderes Stück Fußball-Geschichte. Rehakles wurde Sensations-Europameister, Deutschland schied blamabel in der Vorrunde aus.

2012 ist die DFB-Elf hingegen reif für den Titel. "Wenn Jogis Jungs schnell das 1:0 machen und die Griechen aufmachen müssen, könnte es noch fünf, sechs Dinger geben", meint Gianiki. Den 1:0-Sieg der Hellenen in der Gruppe über Russland nennt dieser "eine große Überraschung und Glück für Deutschland. Wir haben für euch gearbeitet. Jetzt müssen dafür ein paar Millionen nach Griechenland kommen", sagt er und lacht herzhaft. Durch den Erfolg über die Russen habe "das Volk ein kleines Lächeln bekommen. Es kann sein, wenn wir gegen Deutschland gewinnen, dann gibt es ein großes Lächeln - mehr nicht!"

"Heute bin ich 30 Prozent für Gomez und 70 Prozent für Gekas"

Und dann entschuldigt sich der "Hermes"-Chef schon mal: "Wenn man so lange hier lebt, dann ist es klar, dass man beim Spiel gegen Italien zu 100 Prozent für Deutschland ist. Aber jetzt kommt es zum ersten wichtigen Duell gegen mein Geburtsland und da bin ich 30 Prozent für Gomez und 70 Prozent für Gekas. Aber im Halbfinale bin ich wieder voll für Deutschland!", verspricht Dimitri Gianiki. Er ergänzt: "Lieber so, ein deutscher Sieg heute in Danzig und sie helfen uns beim Wachstum." Sport und Politik - sie sind dieser Tage zwischen Berlin und Athen, zwischen Schwerin und Danzig einfach nicht zu trennen.

Und wer kommt ins Finale? "Einer vom Freitag-Spiel", ist sich Gianiki sicher. Beim möglichen Gegner kommt er hingegen ins Grübeln: "Die Franzosen glaube ich nicht, Spanien gefällt mir bei dieser EM nicht. Ich tippe auf Portugal, die haben ein paar Spieler, Cristiano Ronaldo, Nani und Abwehrmann Pepe, die Spiele entscheiden können. Aber im Finale hat Portugal gegen Deutschland keine Chance!", ist sich der Friedrichsthaler sicher. Na, dann ist ja alles klar. Wenn da nicht Gianikis durch die deutsche Brille gesehene "Angst vor Italien" wäre. Auf die könnte die DFB-Elf im Halbfinale treffen…

Erst einmal steht heute Deutschland - Griechenland auf dem Programm. Und da werden beim Publing Viewing 200 Gäste im bereits seit drei Wochen ausgebuchten "Hermes"-Biergarten erwartet. Die deutschen Fahnen und Fähnchen wehen bereits seit dem EM-Start am 8. Juni. "Bis zum Anpfiff werde ich aber noch ein paar griechische auftreiben. Was sein muss, muss sein…"

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