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23. November 2017 | 19:56 Uhr

Der gefallene Superman

vom

svz.de von
erstellt am 24.Aug.2012 | 07:37 Uhr

Berlin | Von allen Superman-Geschichten des modernen Hochleistungssports war die Story des Lance Armstrong stets die unglaublichste. Dass ein Radprofi an Krebs erkrankt, schon Metastasen im Gehirn und in der Lunge hat, dann wieder gesund wird und siebenmal die Tour de France gewinnt - das würde man einem Schriftsteller einfach nicht abkaufen. Jetzt allerdings, da Armstrong den jahrelangen Kampf gegen Dopingbeschuldigungen aufgegeben hat, stellt sich die Frage, ob die Erfolgsbiografie des vermeintlichen Saubermanns nicht doch auf Fiktion beruhte.

Lance Armstrong ist ein Sportler, der Millionen fasziniert. Seine Autobiografie wurde ein internationaler Bestseller. Alle wollten wissen: Wie tickt dieser Mann? Einblick in seine Seele gewährte er allerdings nicht. Die Memoiren des heute 40-jährigen Texaners sind eine Aneinanderreihung von Erfolgsgeschichten.

Und wenn mal etwas misslang, so wie die Traum-Ehe mit der Langstreckenläuferin Kristin Richard, ging Armstrong lapidar darüber hinweg: "Auseinandergelebt" hätten sie sich einfach. Für den europäischen Geschmack trat er immer etwas zu selbstbewusst auf, weshalb er dort ein ungeliebter Held geblieben ist. "Ich weiß, dass ich polarisiere", gab er zu.

In einem Punkt sind sich Fans und Kritiker einig: Armstrongs beherrschender Charakterzug ist die Erfolgsbesessenheit. Sein Credo lautet: "Schmerz ist vergänglich, Aufgeben hält ewig." Er fürchte nur den Misserfolg, sagt er, und das darf man ihm glauben. Am deutlichsten zeigte es sich, als 1996 bei ihm Hodenkrebs in fortgeschrittenem Stadium festgestellt wurde. "Mir wurde eine Überlebenschance unter 40 Prozent gegeben", zitierte ihn die "Ärzte Zeitung". Dennoch wählte er seine Chemotherapie danach aus, dass sie die Lungen am wenigsten schädigen durfte, sonst hätte er kein Rennen mehr fahren können. Die Angst vor dem Verlieren war größer als die Angst vor dem Tod.

Armstrongs unbedingter Erfolgswille lässt sich bis in seine Kindheit zurückverfolgen. Als er zwei Jahre alt war, verließ sein Vater die Familie, der Stiefvater soll ihn immer wieder durchgeprügelt haben. Sein Fluchtweg waren endlose Radtouren. "Wenn ich nur lang genug radle, dann führt mich diese Straße aus meinem Elend heraus" - diesen Gedanken habe er schon als Kind gehabt, erinnerte er sich später. Als sich die ersten sportlichen Erfolge einstellten, erfuhr er zum ersten Mal im Leben Anerkennung. Damals muss er verinnerlicht haben, dass man sich im Leben abstrampeln muss, um geliebt zu werden.

Stunden nach Armstrongs Erklärung sperrt die USADA ihn lebenslang und erkennt alle Tour-de-France-Siege ab. Was bleibt, ist nicht mehr der erfolgreichste Tour-Starter aller Zeiten, sondern der größte Skandal der Radsportgeschichte.

Ausgerechnet dem schuldig gesprochenen Dopingsünder Jan Ullrich aus Rostock könnte jetzt nachträglich drei Tour-Siege zugesprochen bekommen. In den Jahren 2000, 2001 und 2003 wurde er Zweiter der Tour-de-France hinter Lance Armstrong. Aber dessen insgesamt sieben Tour-Siege sind aus Sicht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) nichts mehr wert. Auch Ullrichs Landsmann Andreas Klöden kann sich Hoffnungen auf nachträgliche Tour-Triumphe machen.

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