zur Navigation springen
Sportticker

24. August 2017 | 03:16 Uhr

Das letzte Aufgebot

vom

Berlin | Vor 20 Jahren trat die Nationalelf der DDR zu ihrem letzten Länderspiel in Belgien an. Die meisten Stars blieben lieber zu Hause. Wer dennoch nach Brüssel reiste, dem ging es um die Ehre oder darum, entdeckt zu werden.

Die Nationalelf eines Landes wird abgewickelt

Als ob die Belgier den letzten Nationalspielern der DDR diesen Moment ein bisschen länger gönnen wollen. Nur hätten sie ja etwas sagen können. So verlässt Matthias Sammer die Aufstellung an der Stelle, wo die Hymne bislang noch in jedem Stadion zu Ende war. Der Kapitän motiviert ein letztes Mal seine Mitspieler, winkt ins Publikum. Da merkt Sammer, dass man in Brüssel eine lange Version von "Auferstanden aus Ruinen" aufgelegt hat. Oft wird sie ja nicht mehr zu hören sein, die Hymne der DDR. Es ist der 12. September 1990. Das 293. Länderspiel wird das letzte sein. Ein paar Tage noch und das Land ist Geschichte.

10 000 Zuschauer kommen ins Stadion. Schwarz-rot-gold sind die einzigen Farben, nur meist in anderer, in belgischer Reihenfolge. Wenigstens ein paar Fans aus Dresden üben Treue bis zum Schluss und halten die DDR-Flagge und eine der SG Dynamo in die Kamera. Und selbst als am Abend Hajo Friedrichs in den Tagesthemen den Bericht zum Abgang der DDR-Elf anmoderiert, schwingt ein wenig Wehmut mit. Wann hat es so etwas auch schon gegeben? Die Nationalelf eines Landes wird abgewickelt.

Vor dem Anpfiff darf ein ARD-Team sogar in die Kabine. Die Stimmung ist eigenartig, Abschied liegt in der Luft. Alles wird anders, auch im Fußball. Einigen Spielern ist anzumerken, wie ungewiss sie in ihre Zukunft sehen. Werden sie sich im vereinten Fußballdeutschland durchsetzen können? Der 21-jährige Cottbuser Jörg Schwanke ist das erste Mal für die DDR-Elf nominiert. Alles will er geben, so sagt er in die Kamera, "damit wir uns im letzten Spiel ordentlich aus der Affäre ziehen." Und er hofft, dass ein paar Scouts zuschauen, die ihm vielleicht den Weg gen Westen ermöglichen.

Das Spiel gegen Belgien sollte eigentlich eines im Rahmen der EM-Qualifikation für 1992 sein. Als die Auslosung im Frühsommer 1990 stattfand, war eine Wiedervereinigung zwar bereits absehbar. Doch noch ist die DDR ein souveräner Staat mit einer souveränen Mannschaft und wird in die Gruppe fünf gelost. Neben Belgien, Wales und Luxemburg hätte dort die DFB-Elf als Gegner gewartet. Doch das für November angesetzte deutsch-deutsche Derby erledigt der Lauf der Geschichte. Dass es sich beim Spiel in Brüssel um einen historischen Moment handelt, sehen nicht alle Spieler so. Warum noch einmal den Dress der DDR überstreifen? Warum noch einmal für ein Land spielen, das es nur noch knapp drei Wochen geben wird?

Absage um Absage: Mit Rumpftruppe zum Spiel

Lange ist deshalb nicht klar, ob Trainer Eduard Geyer überhaupt eine Elf zusammenbringt. Absage um Absage holt er sich ab. Vor allem die Spieler, die bereits in der Bundesliga kicken, geben Geyer einen Korb. Mit Ulf Kirsten, Andreas Thom und Thomas Doll gehören große Namen dazu. Weitere sechs sagen ab. Mit 14 Mann reist Geyer schließlich nach Brüssel. Dass es nicht mehr sind, liegt für den Trainer auch an den Bundesligaclubs, die ihre Spieler nicht freigaben, weil die Saison bereits angelaufen war.

Geyer stellt in jedem Interview klar, dass er die Absagen keinesfalls akzeptieren oder gar verstehen kann. Für ihn ist jedes Spiel eine ernste Sache, auch wenn es das letzte ist. Oder gerade dann. Er appelliert an die Ehre der Spieler, doch selbst Matthias Sammer hat zunächst Bedenken, als er von den Absagen hört. Als sich die Truppe in Berlin trifft, will er deshalb gleich nach Stuttgart zurück, wo er inzwischen beim VfB sein Geld verdient. Doch kein Flieger geht mehr und nach eindringlichen Worten Geyers entscheidet Sammer sich um. Dass er damit Geschichte schreiben wird, weiß er da noch nicht.

Auch wenn die meisten Leistungsträger fehlen, man will seine Haut so teuer wie möglich verkaufen. Das, so sagen sich die Spieler, ist eine Frage der Ehre. Und Kapitän Sammer motiviert seine Mitspieler außerdem mit einer möglichen Entdeckung durch einen Westclub. Schließlich würden "viele interessante Leute auf der Tribüne sitzen".

Den 14 Aufrechten gelingt eine Sensation

Die Fachwelt erwartet eine Niederlage, zu schwer wiegen die Absagen. Hinzu kommt, dass Belgien noch wer ist im Fußball. Mit Enzo Scifo haben sie einen absoluten Weltklassestürmer. Bei der WM wenige Monate zuvor sind sie nur unglücklich gegen England im Achtelfinale ausgeschieden. Niemand geht davon aus, dass die ostdeutsche Rumpftruppe Belgien schlagen würde.

Doch die 14 Aufrechten und ihr Trainer sorgen für eine Sensation und siegen 2:0, auch wenn die Belgier bei dem nun als Freundschaftsspiel deklarierten Match wohl nicht mit vollem Einsatz spielen. Was das Rampenlicht angeht, in das man sich nach Auffassung von Matthias Sammer hätte schieben können, so gelingt das nur dem Spieler, der das am wenigsten nötig gehabt hätte. Es ist der Kapitän selbst. Als Schütze beider Tore, darunter dem 500. einer DDR-Elf, sorgt Sammer für den historischen Sieg im letzten Spiel. Im Dezember 1990 wird er das erste Mal für die DFB-Elf auflaufen.

Keinem anderen gelingt der große Durchbruch. Die Späher der Bundesliga brauchen dieses Länderspiel nicht, um nach ostdeutschen Talenten zu suchen. Längst sind die Besten im Westen. Nur Dariusz Wosz und Heiko Scholz streifen sich später auch das DFB-Trikot über. Und so bleibt es denn auch für Jörg Schwanke bei diesem einen Länderspiel, das allerdings zumindest ein wirklich besonderes ist.

Belgien - DDR 0:2 (0:0)

Belgien: Preudhomme - Staelens, Demol (46. Albert), Plovie, de Wolf, Broeckaert, Scifo (46. De Gryse), van der Elst, Versavel (68. Boffin), Vandenbergh, Ceulemans (46. Wilmots).

DDR: Schmidt (90. Adler) - Peschke - Wagenhaus, Schößler - Schwanke, Stübner (26. Böger), Sammer, Bonan - Scholz (87. Kracht), Wosz, Rösler.

SR: Blankenstein (NL). Z.: 10 000 im Brüsseler Heysel-Stadion. Tore: 0:1 Sammer (74.), 0:2 Sammer (89.).

zur Startseite

von
erstellt am 10.Sep.2010 | 07:08 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen