Abgesang mit Wehmut und Moral : Das 80. Derby - unnötig wie ein Kropf

Foto: Dietmar Albrecht
1 von 4
Foto: Dietmar Albrecht

Beim HC Empor Rostock verlor die insolvente Rumpftruppe des SV Post – mit nur noch einem Wechselspieler – das 80. und vorerst letzte Mecklenburg-Derby denkbar knapp mit 26:27. Doch das Ergebnis blieb zweitrangig.

von
30. September 2012, 08:09 Uhr

Rostock | Die musikalische Einstimmung beim 80. Mecklenburg-Derby im Männerhandball gestern Nachmittag in der Rostocker Stadthalle zwischen dem gastgebenden HC Empor sowie dem SV Post war wie immer. Die noch verbliebenen neun Schweriner liefen kurz vor 16.30 Uhr ein, winkten höflich ins Publikum. Es war gute Mine zum bösen Spiel. Dann waren die Mannen von der Waterkant an der Reihe. Alles wie gehabt und doch wirkte es neun Tage nach dem Insolvenzantrag für den Wirtschaftsträger beim Schweriner Zweitligisten einfach surreal.

Dieses 80. brauchte nun wirklich keiner - außer vielleicht HCE-Geschäftsführer Norbert Henke, der seine 10 000 Euro für die Hallenmiete nicht gänzlich im Schornstein sehen wollte. Dieser 30. September 2012 hat seinen Platz in der Mecklenburger Handball-Geschichte sicher, wenn auch auf eine Art, die sich keiner wünscht. Mit Derby-Rasse, Leidenschaft und stets gesunder Rivalität zwischen den beiden Vereinen hat das Ganze nun wirklich nichts gemein. Da würde man die 79. Duelle zuvor geradezu beleidigen!

Das Häuflein mitgereister Post-Fans hängte ein Plakat auf: "Wir geben das letzte Hemd". Und Hallensprecher Klaus-Jürgen "Struppi" Strupp rief zu Beginn die Fans auf: "Ich würde mich mächtig freuen, wenn wir heute beide Mannschaften anfeuern, als Zeichen von Rostock nach Schwerin." Wehmut allerorten lag über diesem 80. Derby.

Begonnen hatte alles fast auf den Tag genau vor 42 Jahren. Die BSG Post Schwerin war in die DDR-Oberliga aufgestiegen und traf gleich am 1. Spieltag auf den großen Nachbarn, den SC Empor Rostock. 3400 Zuschauer in der Sport- und Kongresshalle sahen ein 13:21 der Betriebssportler gegen den goßen Klub. Der erste Post-Sieg folgte zwei Jahre später, es sollte bis heute 21 weitere geben. Rostock stand bis zur gestrigen Begegnung bei 50. Das Derby aller Derbys in Meckpomm - ja, es gibt kein zweites auf dieser sportlichen Ebene - kannte Halbheiten nie. Vielleicht gab es darum auch lediglich sieben Remis?!

Geschichte und Geschichten. So etwa in der Saison 1994/95: Der SVP gewann beim 50. Duell knapp mit 16:15 in Schwerin und danach auch erstmals überhaupt in der "Höhle des Löwen". Nach dem 20:17 in der Stadthalle titelte eine Rostocker Zeitung: "Gegen Jeden kann man verlieren, aber nicht gegen Schwerin!" Den Landeshauptstadt-Entscheid nach der Wende hatte man an der Küste noch immer nicht verknust… All die Jahre davor und danach hatten ihre Derby-Story. Erst im Mai dieses Jahres sorgten die seinerzeit bereits im sicheren Zweitligahafen befindlichen Postler beim 20:27 nach lockerer 8:4-Führung dafür, dass der HCE die Klasse hielt und die Derby-Tradition weitergeht.

Die wird nun jäh unterbrochen. Frühestens im Herbst 2014 kann es das nächte Meckpomm-Derby geben, denn nach der Insolvenz muss Post zumindest eine Extrarunde in den Niederungen drehen, einen sofortigen Wiederaufstieg verbieten die Lizenzierungsregeln.

Für all das hatten die neun wackeren Post-Akteure, die gestern nochmals in Rostock auflaufen mussten, verständlicherweise keinen Nerv. Geht es doch für sie um die nackte Existenz. Die Schweriner Mannschaft wird sich die nächsten Wochen in alle Winde verstreuen. Und vielleicht sehen wir einige Akteure demnächst gar in Rostock wieder. Es halten sich hartnäckig Gerüchte, wonach der HC Empor Interesse an Torwart Robert Wetzel (der jüngere Bruder Tom spielt bereits dort) sowie an Kreisläufer Stephan Riediger hat. Beide Positionen würden passen, da gibt es beim HCE Nachlegebedarf. Die Spieler dementierten im Vorfeld Kontakte, normal. Wenn auch das letzte Schweriner Handball-Urgestein, dessen Vater Lothar zu DDR-Oberligazeiten bereits das Post-Trikot trug, von Bord ginge - wer würde es dem Stammspieler verübeln…

Gestern hängten sich die Landeshauptstädter nochmals richtig rein und wollten es allen beweisen. Am Ende unterlag man unglücklich mit 26:27 bei einer eigenartigen Stimmung. Es war eben kein richtiges Derby. Toll, dass die Trommler beider Fanlager verabredet hatten, die letzten zehn Minuten aufzuhören - als Signal der Trauer über die Katastrophe in Schwerin.

Und als dann nach Abpfiff auch noch "Es tut mir leid, es ist vorbei" der Gruppe Juli erklang, war alles gesagt.

Zum Abschied gekämpft

Sportlich war das Spiel und damit auch das Ergebnis (27:26 für Empor) absolut belanglos, obwohl beide Seiten sich nichts schenkten. Die Erstliga-Schiedsrichter wollten ihren Teil beitragen, dass wenigtens etwas Farbe in die triste Angelegenheit kommt. Nach sechs Minuten hagelte es bereits vier Zeitstrafen. Ansonsten konnten - abgesehen von der Startphase (3:1 für Post/5.) - die Gastgeber wenig gefordert ihr Pensum runterspielen. Nach 18 Minuten (11:7) nahm Schwerins Trainer Christian Prokop bereits seine zweite Auszeit. Es nützte nichts, Außen von Gruchalla verlor gleich zweimal beim Wurfversuch den Ball.

Doch Post wollte sich nicht abschlachten lassen und legte nach dem 10:16 (28.) eine Schippe drauf. Am Ende war ein Punkt drin, doch auch das sollte Post in diesen Horror-Tagen nicht vergönnt sein...

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen