"Bei mir ist nie einer umgefallen"

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13. August 2010, 10:56 Uhr

Schwerin | Zum Höhepunkt seiner Karriere hat Box-Referee Gustav Baumgardt sogar Sport-Geschichte geschrieben. Im olympischen Finale der Superschweren in Seoul 1988 hatte er als Ringrichter Riddick Bowe (USA) nach zwei schweren Treffern aus dem Kampf genommen. Der Kanadier Lennox Lewis - wie Bowe später Profi-Weltmeister - wurde Olympiasieger. Und die DDR blieb mit 37 Goldmedaillen vor den USA, die es auf 36 brachte, hinter der Sowjetunion Zweiter der Medaillenwertung. "Ein paar Leute haben das sicher so gesehen", sagt der Schweriner, der heute mit zahlreichen Wegbegleitern seinen 75. Geburtstag feiert und Gleiches morgen im Kreise der Familie wiederholt. "Bei mir aber haben solche Überlegungen überhaupt keine Rolle gespielt. Bowe war ordentlich ,angeklingelt. Ich musste ihn rausnehmen - schon allein, um ihn zu schützen. Es war eine rein sportliche Entscheidung", erinnert sich Baumgardt und muss noch heute über das Lob grinsen, das ihm damals von politischer Seite für seinen "Anteil am erfolgreichen Olympia-Abschneiden der DDR" zuteil wurde.

In Havanna von Felix Savon nach Hause eingeladen

Besonders, weil ihn ein Jahr zuvor eine andere sportliche Entscheidung beinahe zu Fall gebracht hätte. Im Schwergewichts-Finale der EM 1987 in Turin zwischen Ramzan Sebijew (UdSSR) und Arnold Vanderlijde (NL) gab der Mecklenburger Sebijew eine Verwarnung, "weil er sie ganz einfach verdient hatte". Der Holländer gewann - nicht zuletzt dank der Verwarnung - mit 4:1-Richterstimmen. Noch in Turin wurde von der DDR-Delegationsleitung die Frage aufgeworfen, ob Baumgardt nicht wisse, wo er hingehöre. Aber er stand eben nicht als Politiker im Ring, sondern als Referee des Box-Weltverbandes AIBA. "Als solcher hatte ich richtig gehandelt, sportlich fair."

Dieser Fairness und seines Fingerspitzengefühls wegen galt Gustav Baumgardt in Expertenkreisen als einer der besten, wenn nicht gar der weltbeste Ringrichter im Amateurboxen seiner Zeit. Er war einer, dem neben dem Sieger eines Kampfes in den allermeisten Fällen auch der Verlierer ehrlichen Herzens dankte. "Ich hatte sie alle im Ring. Alle, die Rang und Namen hatten. Viele spätere Profis ebenso wie die Russen oder die starken Kubaner um Teofilo Stevenson und Felix Savon, der mich in Havanna sogar mal zu sich nach Hause einlud. Ich bekam übrigens oft die Schweren. Und bei mir ist nie einer umgefallen", sagt der umsichtige Ringrichter nicht ohne Stolz.

Viele Freundschaften sind durch den Sport entstanden, wovon zahlreiche Bilder und Erinnerungsstücke in der Laube zeugen, die der Bau-Fachmann bis hin zu den Möbeln selbst gebaut hat. Er verstand sich prächtig mit Max Schmeling, "der 1949 bei einem Vergleich unserer Schweriner Lok-Staffel in Hamburg Ringrichter in meinem Kampf gewesen war". Er hat Muhammad Ali getroffen und wurde zum väterlichen Freund für Schwerins Weltklasse-Boxer und -trainer, die er als Referee durch die ganze Welt - außer Australien - begleitete.

Viele alte Weggefährten zur Geburtstagsfeier erwartet

Viele von ihnen wird er heute Abend bei seiner Geburtstagsparty wiedersehen. "Bis auf Fritz Sdunek, der Felix Sturm auf einen Kampf vorbereitet, hat keiner abgesagt. Ich bin schon sehr gespannt", sagt Gustav Baumgardt und die Vorfreude ist ihm anzusehen. Nicht weniger wichtig ist ihm die Feier morgen mit der Familie. Neben Tochter Evelyn und den Enkeln Grit und Antje haben sich auch Schwester Christa sowie seine Brüder Günther und Hans angesagt. Dann wird es wieder jede Menge zu erzählen geben. Auch über Zukunftspläne. Denn ein Rentnerleben, das ist nichts für den Globetrotter. So steht in den nächsten Wochen für den Handwerker aus Leidenschaft ein Abbund bei einem uralten Haus in Parchim auf dem Programm. Originalgetreu, so wie die Zimmerer vor 500 Jahren gearbeitet haben.

Und auch in punkto Boxen hätte er einen großen Wunsch. "Ich würde gern Lennox Lewis wiedersehen. Der war damals ein feiner Kerl. Und ich glaube, das ist er auch geblieben."

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