Neubrandenburgs Kugelstoß-Koloss : Bartels auf einem ganz harten Weg

Neubrandenburgs Kugelstoß-Recke Ralf Bartels (r.) kann im Ernstfall für Jungspund und Weltmeister David Storl in London eine große moralische Unterstützung sein. dpa
Neubrandenburgs Kugelstoß-Recke Ralf Bartels (r.) kann im Ernstfall für Jungspund und Weltmeister David Storl in London eine große moralische Unterstützung sein. dpa

Für Ralf Bartels kam es 2012 ganz dicke: Nach Wettkämpfen ohne London-Norm knieverletzt auf dem OP-Tisch - und Olympia plötzlich weit weg. Doch der Deutsche Sportbund gab ihm den Startbonus für Olympia.

svz.de von
25. Juli 2012, 04:59 Uhr

Für Ralf Bartels kam es 2012 ganz dicke: Nach zwei Wettkämpfen (20,30 und 20,20 Meter) ohne London-Norm (20,50) knieverletzt auf dem OP-Tisch - und Olympia plötzlich ganz weit weg. Aber der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) gab dem 34-jährigen Kugelstoßer nach den in all den Jahren gezeigten herausragenden Leistungen und den immerhin 20,30 Meter den Startbonus für Olympia. Vielleicht auch deshalb, weil die DOSB-Oberen wissen, dass Kumpel Ralf dem Spund David Storl, dem jungen Weltmeister und London-Gefährten, im "Ernstfall" immer eine große moralische Hilfe ist.

Mit eisernem Willen hat sich der gebürtige Stavenhagener dem brutalen Mix aus sehr spezieller Physiotherapie und ständiger Steigerung der Trainingsbelastung unterworfen. "Ich staune immer wieder, mit welch gewaltiger Energie Ralf diese für ihn völlig ungewohnte Situation zu meistern versucht", sagt Trainer Gerald Bergmann.

Eine gefährliche Gratwanderung: Hartes Training bis an die Grenze des derzeit Möglichen - und immer der Blick auf das rechte Knie. "Es darf nicht dick werden. Und es darf kein Reizknie entstehen. Dann ist möglicherweise alles aus. Und das gilt bis nach dem Wettbewerb in London", so der Kugelstoßer. Über 19,74 und 19,58 ging es inzwischen wieder auf genau 20 Meter. Erleichterung. "Bin zufrieden, aber es reicht noch nicht." Für das London-Finale der besten Zwölf sind nach bisherigen Erfahrungen mindestens 20,10 Meter nötig. Immerhin, das ist zu schaffen. Und dann muss man sehen. "Mein Traum ist, es noch einmal in den Endkampf, also unter die besten Acht zu gelangen. Aber das wird unheimlich schwer", so Bartels.

Es werden die dritten Spiele für den sympathischen Athleten vom SC Neubrandenburg. 2004 war der Sportsoldat Achter geworden; 2008 war er nach Peking gereist, hatte sich dort aber zwei Tage vor dem Wettkampf verletzt. "Es werden meine letzten Sommerspiele sein. Das gab und gibt mir die Kraft, all die Anstrengungen auf mich zu nehmen."

Zeitweise kam der Viertorestädter wegen der Schmerzen nicht in den Schlaf. Er schoss Geld aus eigener Tasche vor, um schneller bestimmte Medikamente zur Verfügung zu haben, um den Wettlauf mit der Zeit doch noch zu gewinnen. Für Bartels eine verrückte Situation: "Ich kam nicht die Treppe hoch, wollte und musste aber 20 Meter stoßen."

Alle Saisonpläne zunichte gemacht, nur noch zum Wegschmeißen, der Trainingsaufbau komplett anders: Viel Fantasie war von Trainer und Athlet gefragt, um überhaupt ein paar Übungen hinzukriegen. Verboten waren Sprints, Sprünge und alle klassischen Kraftübungen. Dafür gab’s zum Beispiel Kugelstoßen im Sitzen. "Ich habe trotz alledem die Kugel nie ganz aus der Hand gelegt", erzählt Bartels.

Für Bergmann war 2012 zwischenzeitlich "ein echtes Seuchenjahr". Christian Jagusch war an der rechten Hand verletzt, Dennis Lewke konnte mit Rückenproblemen lange nicht trainieren, Filip Burmeister brach sich das Wadenbein - und dann verletzte sich die Leitfigur des Wurf/Stoß-Bereiches vom SCN kurz vor Olympia. "Das habe ich in den 29 Jahren als SCN-Trainer so noch nicht erlebt. Die Nominierung von Ralf ist großartig und ich merke wie gesagt, dass der richtig Gas gibt, das in ihn gesetzte Vertrauen unbedingt rechtfertigen will."

Am 3. August muss der Neubrandenburger Bartels um 10 Uhr in die "Quali", um 20.30 Uhr steigt am selben Tag das Finale. Doch die Gedanken des Hallen-Europameisters eilen schon voraus: "Das sind meine letzten Spiele. Doch so kann ich nicht aufhören. Nicht nach so einer verkorksten, brutalen Saison. Ein Jahr hänge ich auf alle Fälle noch ran. Ganz klar. Es könnte natürlich sein, dass 2013 das Jahr meiner Abschiedstournee wird." Und der WM-Dritte von 2009 ist dann wieder besonders motiviert: Da der Chemnitzer David Storl bei der WM in Daegu den Titel holte, hat er für die Weltmeisterschaft 2013 in Moskau eine Wildcard. Das bedeutet, dass der deutsche Verband vier Athleten für die Kugelstoß-Wettbewerbe stellen darf. Diese Chance will Bartels unbedingt nutzen.

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