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Marcel Reif erfolgreichster Vertreter seiner Zunft : Aus der Schmollsituation zum Sportreporter

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erstellt am 19.Aug.2013 | 09:50 Uhr

Schwerin | Studiert hat er Publizistik, Politikwissenschaft und Amerikanistik. Aber daran und an seine zahlreichen Arbeiten für die ZDF-Sendungen "heute" und "heute-journal" erinnert sich heute kaum noch jemand. Und dass er von 1981 bis 1983 London-Korrespondent des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders war, wissen erst recht heute nur noch die wenigsten.

Aber gerade diese letztgenannte Station war für den damals 34-Jährigen der wohl wichtigste Schritt im Hinblick auf seine weitere, überaus von Erfolg gekrönte Laufbahn. "Ich war faktisch Studioleiter in London. Aber man wollte mir diesen Status nicht offiziell zuerkennen. Aus dieser Schmollsituation heraus bin ich in den Sport gewechselt", beschreibt Marcel Reif heute seine damalige Entscheidungsfindung. "Der ZDF-Sportchef Dieter Kuerten, der später mein großer Mentor wurde, sagte zu mir: ,Dann komm doch zu uns! Dabei hatte ich bestimmt keine Sehnsucht, Sportreporter zu werden. Sport sollte Hobby bleiben und nicht Beruf werden. Aber heute würde ich nicht mehr wechseln wollen - und auch nicht können."

WM-Finale 1994 als Krönung beim ZDF

1984 wurde der Wechsel vollzogen, Reif berichtete über Fußball und Eishockey, wurde Redaktionsleiter in der Magazin-Sendung "Sport-Spiegel" und krönte seine Tätigkeit für das ZDF mit der Kommentierung des Finales der Fußball-WM 1994 in den USA. Es folgte ein erneuter Wechsel: Der heute 63-Jährige ging zum Privatsender RTL, wo er als Chefkommentator vor allem Spiele der Champions League kommentierte.

In diese Phase fiel ein Auftritt, der Marcel Reif gemeinsam mit seinem Kumpel Günther Jauch zur Legende aufsteigen ließ: 76 Minuten lang kommentierten die beiden den "Tor-Fall von Madrid". Sekunden vor dem geplanten Anpfiff des Champions-League-Spiels zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund sackte ein Tor in sich zusammen - und es dauerte Ewigkeiten, bis Verantwortliche und Helfer das Problem in den Griff bekamen.

"Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute", lautete damals einer der heute legendären Sätze Marcel Reifs, während die Helfer auf dem Platz sich noch - bis zu dem Zeitpunkt erfolglos - abmühten. Der Rest ist Geschichte, der Bayerische Fernsehpreis ein Lohn für diese Leistung.

Seit 1999 ist der mehrfach ausgezeichnete Sportreporter beim Bezahlfernsehen, überträgt heutzutage rund 50 Fußballspiele pro Saison live für "Sky". Eines davon war gestern Abend die Partie zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Braunschweig. "Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich Braunschweig kenne", schilderte der Grimme-Preis-Träger (für die Berichterstattung von der Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea verliehen) das besondere Problem seiner persönlichen Spiel-Vorbereitung. "So viel wie nötig", schildert er den zeitlichen Umfang, den er dafür aufwendet. Für die Partie gestern Abend konnte das auch schon mal zwei Tage dauern. Da wird das Material gesichtet, das eine Agentur im Vorfeld zusammenstellt, und daraus ein zwei Seiten langer Auszug mit Fakten, die in den Kommentar einfließen können, gebildet. Und dann wird vor allem eins: Namen geübt, vor allem mit Hilfe der Aussprache-Liste, die jeder Erst- und Zweitligist allen Reportern zur Verfügung stellt.

Richtige Aussprache Frage des Respekts

"Es ist eine Frage des Respekts, dass man die Spielernamen richtig ausspricht", lautet Reifs Devise. Und da haben die Dortmunder in dieser noch jungen Saison den einen oder anderen Fallstrick bei den Neuzugängen bereit. Pierre-Emerick Aubameyang - das geht ja noch an, zumal der sich am vergangenen Wochenende schon äußerst erfolgreich mit drei Treffern in Augsburg in die Eliteklasse eingeführt hat.

Henrich Mchitarjan, der teuerste Spieler in der Geschichte des deutschen Fußball-Vizemeisters, wartet noch darauf. Bislang musste der Armenier wegen einer Verletzung pausieren, sollte aber gegen Braunschweig auflaufen. "Bis Sonntag habe ich den Namen drauf!", versprach Reif im Vorfeld während eines Besuchs im Sky-Service-Center in Schwerin. Er hatte…

Seit diesem Frühjahr Schweizer Staatsbürger

Wann der 63-Jährige, der seit diesem Frühjahr die schweizerische Staatsbürgerschaft besitzt und mit seiner Ehefrau, einer in München tätigen Medizinprofessorin, in der Nähe von Zürich lebt, wieder den FC Bayern kommentieren wird, kann er noch nicht sagen. Aber der deutsche Rekordmeister haftet dem Star-Reporter an: "Zieht dem Reif doch endlich das Bayern-Trikot aus", lautete ein Facebook-Eintrag während der Saison-Auftakt-Partie zwischen den Münchnern und Borussia Mönchengladbach.

Bayern: Wertschätzung - aber kein Fan

Marcel Reif scheint das durchaus zu beschäftigen, denn aus freien Stücken kommt er zum Ende unseres Gesprächs auf das Thema zu sprechen. "Ich bin kein Bayern-Fan", stellt er unmissverständlich fest, um gleich anzufügen: "Aber ich empfinde für diesen Verein eine große Wertschätzung. Die Bayern haben in den letzten Jahrzehnten für den Fußball in Deutschland und sogar weltweit großartig gewirtschaftet und sich eine enorme soziale Kompetenz erworben. Aber Fan - vielleicht, wenn es gegen Chelsea geht, aber nicht in der Bundesliga…"

Da käme eher der 1. FC Kaiserslautern infrage, bei dem Klein-Marcel als Achtjähriger die Töppen schnürte. Ein Mal hat er ein Spiel seines Vereins schon übertragen, damit war er gar nicht zufrieden. "Ich habe von der Mannschaft zu viel erwartet", schätzt er selbstkritisch ein - würde sich aber, schon aus alter Verbundenheit, wünschen, noch einmal einen Erstliga-Auftritt der "Roten Teufel" zu erleben.

Ein bisschen Zeit hat er ja noch, denn ans Aufhören denkt er noch lange nicht. "Ich mache das, solange es Spaß macht und ich glaube, dass ich das hinkriege. Ich werde nicht zu früh aufhören - aber auch nicht zu spät." Und die Zeichen, dass das Aufhören irgendwann in Diensten von "Sky" passiert und er bis dahin noch öfter beim Service-Center in Schwerin reinschaut, stehen gut.

"Es ist eines der Erfolgsrezepte, dass wir Fernsehmacher uns mit den Kundenberatern an einen Tisch setzen, uns in die Augen schauen. Hier werden entstehende Probleme gelöst, und wir können in Ruhe Fernsehen machen. Es ist wichtig, dass man sich ab und an sieht."

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