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20. Oktober 2017 | 23:55 Uhr

Armstrong wollte Obama erpressen

vom

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2012 | 06:19 Uhr

Köln | Immer neue Enthüllungen im Fall Lance Armstrong überlagern die Bemühungen um einen glaubwürdigen Neubeginn im Radsport. Nicht einmal vor der Erpressung des heutigen US-Präsidenten Barack Obama soll der skrupellose Doping-Betrüger Recherchen einer preisgekrönten US-Starpublizistin zufolge auf dem Höhepunkt seiner erschlichenen Popularität zurückgeschreckt sein.

Unbhängig davon ringt die Szene vor dem morgigen Gipfeltreffen des Weltverbandes UCI um wirkungsvolle Maßnahmen zur Bewältigung der düsteren Vergangenheit. "Der Radsport ist noch zu retten, dafür sind aber gewaltige Anstrengungen nötig", sagte Deutschlands frühere Radsport-Chefin Sylvia Schenk: "Man muss radikal denken."

Geradezu unvorstellbar radikal ging Armstrong anscheinend nicht nur im Sattel bei der Verfolgung seiner Ziele vor. Laut Recherchen der Journalistin Selena Roberts, die 2003 schon den spektakulären Baseball-Dopingfall Alex Rodriguez enthüllt hatte, wollte Armstrong im Sommer 2008 offenbar in einem Gefühl der Allmächtigkeit Obamas Teilnahme an einer Veranstaltung seiner Livestrong-Stiftung erzwingen. Nachdem der damalige Präsidentschafts-Kandidat der Demokraten wegen seiner Europa-Reise abgesagt hatte, soll Armstrong in einer Mail an dessen Parteifreund John Kerry gedroht haben, gegen den Hoffnungsträger der Demokraten mobil zu machen. "Wenn Krebs für die Demokratische Partei kein Thema ist, gehen wir in die Livestrong-Datenbank mit ihren Millionen von registrierten Mitgliedern und lassen alle wissen, wo die Demokratische Partei in dieser Frage steht", hieß es laut Roberts in Armstrongs Nachricht an Kerry.

Roberts spekuliert in ihrem Online-Report weiter, Armstrong habe bis zuletzt seinen Einfluss in der Politik zum eigenen Vorteil genutzt. So soll die überraschende Einstellung der staatlichen Ermittlungen gegen den Texaner auf Druck des früheren US-Präsidenten Bill Clinton beim zuständigen Staatsanwalt Andre Briotte zurückzuführen sein. Roberts weist diesbezüglich darauf hin, dass Armstrong just zum Zeitpunkt der Verfahrenseinstellung 100 000 Dollar für eine von Clintons Demokraten unterstützte Krebshilfe-Organisation gespendet hat.

Unterdessen sucht der Radsport weiter nach Wegen aus der tiefsten Krise seiner Geschichte. Gestern, am Tag der Vorstellung der 100. Tour de France im kommenden Jahr, nahm Schenk dabei besonders die Macher der "Großen Schleife" in die Pflicht.

Radsport sucht Wege aus der tiefsten Krise seiner Geschichte

"Die Tour ist der Schlüssel dazu, dass der Radsport wieder sauber wird", sagte die heutige Sportbeauftragte der Antikorruptions-Organisation Transparency International in einem Radiointerview mit WDR2. Die Vorgängerin von Rudolf Scharping an der Spitze des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) forderte für die nächste Frankreich-Rundfahrt einschneidende Verschärfungen der Anti-Doping-Maßnahmen. "Man muss dafür sorgen, dass niemand von außen in die Hotels gelangen kann, und es müssen sich alle bereiterklären, dass jederzeit in den Hotels Kontrollen in den Zimmern durchgeführt werden können. Man könnte eine Menge machen, wenn alle mitspielen und sagen: Wir wollen zeigen, dass nicht mehr gedopt wird", sagte Schenk.

Die Effektivität der bisherigen Doping-Bekämpfung im Radsport will die Vereinigung der Profi-Teams (AIGCP) von einer unabhängigen Kommission überprüfen lassen. "An diesem kritischen Punkt ist es am besten, dass sich Außenstehende das System anschauen und uns helfen, die Fehler der vergangenen 20 Jahre in Zukunft zu vermeiden", begründete AIGCP-Chef John Vaughters die einstimmige Forderung der Rennställe. Seinen Angaben zufolge wollen sich die Teams an den Kosten der Untersuchung beteiligen: "Wir hoffen, dass die UCI ebenfalls ihren Beitrag leistet und Dritte in ihre Abläufe hineinschauen lässt."

Der Weltverband bereitet sich zunächst jedoch auf sein Meeting zur Aufarbeitung der Folgen des größten Dopingskandals der Sportgeschichte vor. Zu den wichtigsten Fragen gehört auch, ob Armstrongs aberkannte Tour-Titel nachträglich an ebenfalls verdächtige Zweitplatzierte wie den veurteilten Doping-Sünder Jan Ullrich (2000, 2001 und 2003) vergeben werden sollen oder können. Für Schenk eine delikate Frage: "Wenn die zweitplatzierten Fahrer nicht nachrücken, ist sehr spannend, dass dadurch ja auch die Unschuldsvermutung aufgehoben wird, und wie der Radsport dann erklären will, dass niemand nachrückt und gegen diese Fahrer keine Schritte eingeleitet werden sollen."

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