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Parchimer ist Kunstflugweltmeister : Männchen machen in der Luft

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Die Freiheit ist über den Wolken grenzenlos. Aber auch weit darunter reizen erfahrene Piloten ihr Können aus. Zum Beispiel im Kunstflug. Was dem Laien ein flaues Gefühl in der Magengegend beschert.

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erstellt am 22.Jul.2013 | 12:16 Uhr

Neustadt-Glewe | Die Freiheit ist nicht nur über den Wolken grenzenlos. Auch weit darunter reizen erfahrene Piloten ihr Können aus. Zum Beispiel im Kunstflug. Was dem Laien mitunter ein flaues Gefühl in der Magengegend beschert, ist für Falko Wünschkowski Leidenschaft pur: Der 42-Jährige steht auf Loopings, Schrauben und die "kubanische Acht". Er trudelt, stürzt in die Tiefe und macht "Männchen" - mit einem Flugzeug, beim Kunstflug. Wünschkowski holte in dieser Disziplin in der Klasse "Sportman", also bei den Neueinsteigern, jetzt in Stendal die deutsche Meisterschaft in seinen Heimatverein nach Neustadt-Glewe.

"Dabei werden in einem Luftraum von 1000 mal 1000 mal 1000 Metern Figuren geflogen. Das Pflichtprogramm im Wettkampf gibt zwölf Figuren vor, die in der so genannten Box zu absolvieren sind. Viel reizvoller ist natürlich die Kür. Da kann man alles einbringen, was man drauf hat. Am schwersten ist die dritte Herausforderung - die Unbekannte. Wie der Name schon sagt, ist das eine Aufgabenfolge mit Überraschungseffekt, die nach Bekanntgabe nicht mehr geübt werden darf", sagt Falko Wünschkowski. Mehr als 174 Punkte betrug sein Abstand zum Vizemeister am Ende - eine echte Überraschung, vor allem auch für die mitgereisten Teamkollegen. Sie können nach Vize- und Meisterehren auf Bundesebene mit dem WM-erprobten 3-Fly-Team im Freefly erneut einen nationalen Titel feiern.

50 Flugstunden als DM-Vorbereitung

"Natürlich habe ich mich auf meine erste Teilnahme an einer deutschen Meisterschaft gut vorbereitet. 50 Flugstunden waren es mindestens. Es lief in Stendal einfach klasse und mich hat der Ehrgeiz gepackt. Dann habe ich mich zum Sieg gekämpft", erzählt Falko Wünschkowski. Der gebürtige Parchimer hat mit 18 Jahren in seiner Heimatstadt den Segelflug für sich entdeckt. "Wer fliegt, der will auch irgendwann springen. Das ging in Neustadt-Glewe - quasi gleich um die Ecke." Mehr als 3000 mal ist der auch beruflich der Luftfahrt verbundene, inzwischen in Hamburg lebende Mecklenburger nun schon mit Fallschirm "ausgestiegen". Eine Qualifikation im Motorflug brachte ihm 2006 die Lizenz, auch größeres Gerät fliegen zu dürfen. Seither steht er den Kameraden im Luftsportverein Neustadt-Glewe als erfahrener Absetzpilot zur Seite, derzeit gerade wieder im jährlichen Vereins-Sommerlager auf Usedom.

"Mit immer größerer Flug-Erfahrung war die Verlockung da, bis an die Grenzen zu gehen." Diese Grenzen lagen für Falko Wünschkowski da, wo aus dem Fliegen eine Kunst wird. Verständnis für Technik, aerodynamische Vorgänge und Flugmechanik waren für den begeisterten Flugsportler längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Die vollkommene Beherrschung des Fluggeräts in jeder nur erdenklichen Situation - das sollte die neue Herausforderung werden. "Mit einer Kunstflug-Maschine vom Typ Zlin-526, die in unserem Verein für historische Luftfahrzeuge liebevoll gepflegt wird, habe ich vor vier Jahren die ersten Figuren in Angriff genommen. Die 1971 in Tschechien vom damals weltweit führenden Hersteller gebaute Maschine ist absolut zuverlässig. Wir passen optimal zueinander - vom Alter, von der Liebe zur Ästhetik und dem Hang zur Perfektion."

Aber der Kunstflug hat seine Besonderheiten. "Er ist eine Sache des Kopfes", beschreibt der Amateur. "Ich habe es ganz allein in der Hand zu entscheiden, welche Belastungen die Maschine und auch ich bewältigen können. Gerade bei einer unbekannten Figurenfolge ist ein Höchstmaß an Konzentration gefragt. Das ist mentale Schwerstarbeit."


Mit dem Sechsfachen des Gewichts in den Sitz gedrückt

Schwerstarbeit muss allerdings auch der Körper des Piloten leisten. Auch im Cockpit ist man mit dem flauen Gefühl in der Magengegend vertraut, räumt der Familienvater ein. Dazu gesellen sich Anspannung und ungeheure Kräfte, die auf Männer und auch Frauen am Steuerknüppel einwirken. "Es gibt Figuren, da wird man mit bis zu sechs G, also dem Sechsfachen des eigenen Gewichtes, in den Sitz gedrückt oder mit immerhin der Hälfte dessen in den Gurt gepresst", erklärt der Flugsportler. Diese Empfindungen haben während des Fluges natürlich keinen Platz in der zweisitzigen Maschine, die übrigens auch für Ausbildungszwecke genutzt wird.

Eine weitere Besonderheit des Kunstfluges liegt in der brillanten Präsenz. Den Flug in der Box vergleicht Falko Wünschkowski gern mit einer Theaterbühne. Man möchte sich präsentieren, Aufmerksamkeit wecken. Spektakuläre Aktionen seien ebenso wie anmutige Abläufe und perfekte Ausführung gefragt, um bei den acht Wertungsrichtern Punkte einzuheimsen.

Und das gelingt dem neuen Titelträger im Cockpit seiner blau- gelben Zlin. Er checkt Windeinflüsse, die Mindestflughöhe, die Position im Kunstflugraum und den Energiegehalt, den seine Bewegungen mit der Maschine haben. Erst wenn alles perfekt ist, setzt er zum Turn an und geht senkrecht in die Höhe. Interessierte können das gern beobachten. Der Luftsportverein in Neustadt-Glewe freut sich über Besucher.

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