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Eishockey : US-Boy lässt auf dem Eis die Muskeln spielen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Kantig, ehrgeizig, einsatzstark: Wie Josh Rabbani den Rostocker EC zum Titel in der Oberliga Nord führen will

Einsam dreht ein Läufer im Leichtathletikstadion seine Runden. Er ist im Dunkeln kaum auszumachen. Auch Dirk Weiemann, der seinen Schützling zwischen Eishalle und Laufbahn gesucht hat, kann ihn nicht erkennen. „Die Jungs absolvieren vor dem Eis-Training ein individuelles Programm. Keine Ahnung, wo sie sich rumtreiben“, sagt der Geschäftsstellenleiter des Rostocker EC. Erst als sich ein kräftiger Typ beim Treppenlauf auf der Tribüne nähert, ist sich Weiemann sicher: „Josh, come to me, Interview for the press“, ruft er dem US-Boy zu. Dem rinnt der Schweiß von der Stirn.

Josh Rabbani ist in dieser Eishockey-Saison einer von fünf Neuzugängen bei den Rostock Piranhas. Der US-Amerikaner verstärkt den Oberligisten auf der Spielmacher-Position. „Als ich das erste Mal in die Kabine kam, wurde ich gut aufgenommen. Dadurch war es leicht für mich, Teil des Teams zu werden“, sagt der 25-Jährige. Auch privat hat sich der gebürtige Kalifornier an der Ostseeküste gut eingelebt. „Rostock ist schön. Einige der Jungs wohnen in Warnemünde. Wir fahren dann in die City ins Einkaufszentrum. Wir waren auch schon auf dem Weihnachtsmarkt, da hat es mir besonders gefallen“, sagt der Stürmer, der vor allem die Spiele in der heimischen Eishalle Schillingallee genießt. „Die Atmosphäre ist großartig.“ Besonders das Teddybär-Match, als die Zuschauer nach dem ersten Tor des REC hunderte Teddybären für einen guten Zweck auf die Eisfläche warfen, sei „atemberaubend“ gewesen.

Josh Rabbani lässt im Kraftraum die Muskeln spielen. Er legt sich auf die Hantelbank und stemmt die Gewichte, als wären sie Luftballons. Seine 95 Kilo Körpermasse sind auf 1,80 Meter ordentlich verteilt. „Im College haben sie mich ‚Rambow’ gerufen“, sagt der Modellathlet in Anspielung auf seine Physis und seine körperbetonte Art, Eishockey zu spielen. Dass er auf dem Eis kein Kind von Traurigkeit ist, belegt ein Internet-Video. Bei einer Partie seines damaligen College-Teams R.P.I. Engineers rammte er seinen Gegenspieler so rustikal um, dass dieser minutenlang benommen liegenblieb und vom Eis getragen werden musste. Kein Wunder, dass sein damaliger Trainer Seth Appert über das Talent sagte: „Er ist stark wie ein Ochse.“

Josh Rabbani lächelt, als er diesen Satz hört. Abseits der Eisfläche wirkt er zurückhaltend, bescheiden. Überhaupt passt der Afro-Amerikaner, der in Los Angeles aufwuchs, nicht ins Muster eines typischen Hockey-Spielers aus den Staaten. Als er fünf Jahre alt war, nahm ihn ein Freund mit zu den Spielen der L.A. Kings um ihren Superstar Wayne Gretzky. „Ich hatte Glück, dass ich in der Nähe der Trainingsstätte der Kings wohnte. Von da an gab es für mich nur noch Eishockey“, erinnert sich Rabbani. Später ging er aufs College, spielte für St. Louis und für R.P.I. im Staat New York. „Dort machte ich meinen Abschluss in Business Management. Morgens war Unterricht, nachmittags Training, das war eine aufregende, lustige Zeit“, sagt Rabbani.

Warum er anschließend keine Profi-Laufbahn in seiner Heimat anvisierte, darüber will er nicht groß sprechen. Offenbar erhielt Rabbani unterhalb der Elite-Liga NHL (National Hockey League) keine Angebote. „Ich wollte in Deutschland spielen. Mein Vater ist in Frankfurt/Main geboren und aufgewachsen. Ein Großteil meiner Familie lebt dort und schickte mir eine Weihnachtskarte vom DEL-Club Frankfurt Lions, von dem sie große Fans sind“, freut sich Rabbani, der auch einen deutschen Pass besitzt.

Trainer-Fuchs Wolfgang Wünsche biegt auf den Parkplatz an der Geschäftsstelle ein. Auf seinem „Dienstwagen“ prangt das Logo der Piranhas. „Schön, dass ihr auch mal was über uns schreibt“, poltert der 75-Jährige los – im Spaß. Dann aber gibt der dienstälteste aktive Eishockey-Trainer Deutschlands gerne Auskunft zu seinem Neuzugang. „Wir haben Josh als Spielmacher geholt. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten hat er sich zu einer tragenden Säule im Team entwickelt. Dennoch hat er sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft“, übt Wünsche Lob und Kritik an seinem US-Boy. Dass sich Rabbani auf dem Eis recht unkonventionell bewegt, ist für den Coach kein Problem. „Er läuft den typisch amerikanischen Schlittschuhstil und steht breitfüßiger auf dem Eis. Das führt dazu, dass er den Kopf oben behält und nicht so schnell hinfällt. Eishockey ist wie Boxen. Wer nach einem Zweikampf unten liegt, hat verloren.“

Josh Rabbani lässt die Krafteinheit mit ein paar Bauchmuskel-Übungen ausklingen. Nach gut der Hälfte der Saison hat es der Stürmer für den REC auf zehn Tore und 16 Vorlagen gebracht. Kein schlechter, aber auch nicht überragender Wert. „Ich bin eher der Vorbereiter und versuche, meine Mitspieler in Szene zu setzen“, sagt Rabbani, der mit seiner robusten Spielweise immer etwas im Schatten der Edeltechniker und Top-Scorer Petr Sulcik und Karol Bartanus steht. Dennoch ist er ehrgeizig genug, um mit den Piranhas ganz vorne mitmischen zu wollen. „Ziel muss es sein, so viele Spiele wie möglich zu gewinnen und Nord-Meister zu werden. Die richtige Herausforderung folgt aber in den Play-offs und in den Duellen mit den Teams der anderen Ligen.“

Ob der sympathische Deutsch-Ami, der beim REC einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieben hat, den Rostockern über die Saison hinaus erhalten bleibt, wird sich zeigen. „Ich will ein gutes Jahr absolvieren, Erfahrungen sammeln und am Ball bleiben. Es ist immer das Ziel, am Limit zu spielen, vielleicht auch in einer höheren Liga“, hält sich Rabbani seine Zukunft offen. Dann verschwindet das Kraftpaket wieder im Dunkeln des Leichtathletikstadions, um einsam seine Runden zu drehen.

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