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Radsport : Traum vom „Amstel“ und der Tour

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Der gebürtige Rostocker Radprofi Paul Martens möchte einmal die Tour de France fahren und beim Amstel Gold Race vorne landen

svz.de von
erstellt am 10.Jun.2014 | 10:20 Uhr

Die Tour de France wird Radprofi Paul Martens auch in diesem Jahr nicht fahren, dennoch gibt der gebürtige Rostocker seinen sportlichen Traum nicht auf. „Die Tour ist natürlich das größte Rennen. Ich möchte sie in meiner Karriere wenigstens einmal fahren“, so der 30-Jährige, der für das niederländische Belkin-Team – 1996 bis 2012 unter dem Namen Rabobank bekannt – an den Start geht. Seit 2008 steht der Klassiker-Spezialist bei der Pro-Tour-Mannschaft (höchste Kategorie im Radsport) unter Vertrag. Keine Selbstverständlichkeit in diesem harten Geschäft. Zweimal hat er seitdem die anderen beiden dreiwöchigen Landesrundfahrten Giro d’Italia und Vuelta a España absolviert. Auch diesmal wird Martens im September wieder die Vuelta fahren, sich im Juli während der Tour intensiv auf Spanien vorbereiten. „Man sitzt sicher an sechs von sieben Tagen in der Woche auf dem Rad. In der Hochphase der Vorbereitung, gerade auch in den Wintermonaten, kommen dann schon 30 bis 35 Stunden zusammen. Während der Pausen zwischen den Rennen wird es aber auch deutlich weniger. Dann sind es etwa nur noch 15 Stunden“, erklärt Paul Martens, der von seinem Team fünf Fahrräder pro Saison erhält: „Die dürfen wir aber nicht behalten, sondern müssen sie nach der Saison wieder abgeben. Ich habe also nicht unzählige Fahrräder in der Garage stehen.“ Außerdem hat der Profi aber noch ein Crossrad, ein Mountainbike, ein Zeitfahrrad sowie ein altes Teamrad, dass zum Rennrad seiner Frau Carla, einer Niederländerin, wurde.

Kennengelernt haben sich die Zwei „eher zufällig bei einem Radrennen“, so Martens, der damals noch in Freiburg wohnte: „Wenn es halten sollte, war relativ schnell klar, dass ich zu ihr ziehen müsste. Ich hatte gerade meinen ersten Profivertrag beim niederländischen Team Skil-Shimano unterschrieben und eh an einen Umzug gedacht. So habe ich dann eine Wohnung von einem ehemaligen Teamkollegen übernommen.“

Mittlerweile lebt die kleine Familie, zu der auch Tochter Alena (dreieinhalb Jahre) gehört, seit zwei Jahren in einem neu gebauten Haus im belgischen Lanaken nahe der holländischen Grenze (Maastricht). Gemeinsame Radtouren gehören aber nicht zum Alltag. „Ich fahre auf einem normalen Rad keine 20 Kilometer. Wenn man sonst Geschwindigkeiten zwischen 35 und 40 Stundenkilometer gewöhnt ist, dann würde man denken, man steht“, so Paul Martens. Bei kurzen Strecken in die Stadt nutzt er aber schon den Drahtesel. „Wenn wir unsere Tochter in die Vorschule bringen und es mir zu langsam ist, dann schiebe ich sie an“, erzählt der Musikfan, der über Pfingsten auf dem Pinkpop-Festival in Landgraaf weilte: „Neben dem Training und der Familie bleibt ja nicht soviel Zeit. Aber wenn Metallica kommt, kann man sich das nicht entgehen lassen.“

In seine Geburtsstadt Rostock hält er regelmäßig Kontakt: „Meine Großeltern wohnen in der Südstadt, wir telefonieren einmal in der Woche.“ Zu Besuch ist er aber eher selten, versucht jedoch wenigstens einmal im Jahr vorbeizuschauen, hauptsächlich, wenn Jubiläen oder Geburtstage anstehen und die ganze Familie zusammenkommt. „Neben Lanaken ist Rostock die Stadt, in der ich am längsten gelebt habe. Durch Gespräche mit Bekannten und der Familie bin ich schon auf dem Laufenden und weiß, was sich verändert hat, welches Haus modernisiert wurde“, so Paul Martens, der mit seinen Eltern kurz nach der Wende nach Hamburg übersiedelte (1991). Dort fand Martens auch den Weg zum Radsport. Sein Entdecker und Förderer war Lothar Hafemann (Blau-Weiß Buchholz).

Ganz aus Rostock weg war Paul damit aber nicht. So fuhr er um die Jahrtausendwende gemeinsam mit dem ebenfalls gebürtigen Rostocker André Greipel (jetzt Top-Sprinter bei Lotto-Belisol) und Robert Wagner (Teamkollege bei Belkin) in der Bundesliga für das Team Greese, das von Peter Sager – heute noch Jugendtrainer in Rostock – geführt wurde. „Diese Mannschaft bestand aber nur zwei Jahre. Es war eine Renngemeinschaft von Sportlern aus Hamburg, Rostock und Cottbus“, erzählt Paul Martens, der weiterhin guten Kontakt zu seinen Mitstreitern hat: „Die Gespräche sind schon etwas intensiver und persönlicher als mit den anderen Profis.“

Neben der Tour-Teilnahme hat der Radprofi, der wegen seines Wohnortes mit einer belgischen Lizenz fährt, noch einen weiteren großen Traum: einmal bei einem Ardennen-Klassiker, Lüttich – Bastogne – Lüttich oder Amstel Gold Race, ganz vorne zu landen. „Zu beiden Startorten kann ich mit dem Rad fahren. Bis zum ,Amstel’ sind es knapp fünf Kilometer. Das ist so etwas wie mein Heimrennen. Ich weiß, was ich kann. Wenn ich gute Beine habe und das Glück passt, kann ich ganz vorne reinfahren“, sagt Paul Martens, der bisher zweimal Zehnter wurde (2010 und 2011).

Das neue Selbstvertrauen hat sich der Profi in den vergangenen Jahren mit dem Gesamtsieg bei der Luxemburg-Rundfahrt 2013 oder dem Gewinn der Schlussetappe der Belgien-Rundfahrt 2014 geholt. „Im Radsport zählt eigentlich nur ein Sieg. Wer Zweiter wird, spielt schon keine Rolle mehr. Ehrenplätze sind natürlich auch wichtig, um zu merken, dass man dran ist. Doch lieber bringt man drei Monate nichts auf die Kette, wenn man dafür dann einen Sieg einfährt. Ich habe gemerkt, dass ich Eintagesrennen und kleinere Rundfahrten gewinnen kann. Das hat mir für das Training noch einmal einen Extra-Schub gegeben. Es ist schon etwas anderes, wenn man am Start steht und weiß, dass man um den Sieg mitkämpfen kann“, so Martens, der sich mit einer illustren Trainingsgruppe – bestehend zum Beispiel aus Karsten Kroon (Tinkhoff-Saxo), Laurens ten Dam, Bram Tankink (beide Belkin) – auf die Rennen vorbereitet. „Hier in Lanaken wohnt im Umkreis von fünf Kilometern ein Dutzend Pro-Tour-Fahrer. Man kann eben alles trainieren. Kurze und lange Anstiege in den Ardennen und der Eifel, aber auch auf ganz flachem Gelände fahren. Zudem gibt es viele Flughäfen in der Nähe, so dass ich eigentlich immer eine gute Verbindung finde, um zu den Wettkämpfen zu kommen.“

Für Paul Martens geht es Mitte des Monats zur Ster ZLM Tour, einer Fünf-Tage-Rundfahrt durch Holland und Belgien (18. bis 22. Juni). „Ich freue mich auf dieses Rennen, bin es schon lange nicht mehr gefahren. In den vergangenen Jahren nutzten immer wieder Top-Sprinter wie André Greipel, Marc Cavendish oder Marcel Kittel diese Rundfahrt als Vorbereitung auf die Tour de France. Da wird es sicherlich hart zur Sache gehen“, so der Allrounder, der sich heimisch fühlt in Belgien. „Der Radsport hat hier den gleichen Stellenwert wie Fußball. Es gibt viele Experten, die auch wirklich Ahnung haben“, so Martens, der sich auf der Straße dennoch frei bewegen kann, nicht gleich erkannt wird: „Deshalb bin ich aber auch kein Profi geworden, sondern ich will mich mit anderen messen und mich behaupten. Außerdem fahren wir ja immer mit Helm und Brille, so dass eigentlich kaum jemand weiß, wie wir wirklich aussehen.“

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