FC Hansa : Profis gehen hinter Gittern auf Tuchfühlung

Gegen Hansa-Profi Manfred Starke (rechts) konnten die Kicker vom FC Neustrelitz 07 ihr Talent beweisen.   Fotos: Oliver Kramer
Gegen Hansa-Profi Manfred Starke (rechts) konnten die Kicker vom FC Neustrelitz 07 ihr Talent beweisen. Fotos: Oliver Kramer

Traditionsclub schiebt Präventionsprojekt in Jugendanstalt Neustrelitz an / Pekovic und Starke absolvieren mit Häftlingen Einheit

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14. März 2014, 10:00 Uhr

Langsam legt sich eine Staubwolke über den Hartplatz. Milorad Pekovic und Manfred Starke verteilen in Straßenschuhen und Jeans die Bälle. Die Hansa-Spieler halten sich gegen die Freizeitkicker etwas zurück, wollen sie sich doch vor der wichtigen Partie gegen Darmstadt nicht verletzen. Dennoch ist für die Profis die kurze „Trainingseinheit“ alles andere als ein PR-Termin – schließlich sind sie von Gittern, Stacheldraht und meterhohen Mauern umgeben.

Die Fußballer besuchen gestern erstmals die Justizvollzugsanstalt in Neustrelitz. Eine neue Erfahrung für die Profis, aber auch für die Insassen, von denen viele die Kogge im Herzen tragen. Im einzigen Jugendgefängnis in MV sitzen derzeit 200 junge Männer zwischen 14 und 27 Jahren ein. „Im Durchschnitt sind sie anderthalb Jahre hier“, erklärt Jugendanstaltsleiter Bernd Eggert.

Der Nachmittag ist Teil des Präventionsprojektes „Hansa Rostock und ich“, das 2013 gestartet wurde und jetzt mit Leben erfüllt werden soll. „Wir haben eine Reihe von Angeboten geschaffen, darunter in Schulen und Jugendclubs“, erklärt Hansas Kursleiter Christian Falkenberg. Seine Ansätze sind stets gleich: mit jungen Leuten ins Gespräch kommen und über Fairplay, Teamgeist und Rassismus diskutieren. Themen, die auch im Vollzug ein Rolle spielen.

„Peko“ und „Manni“ betreten die moderne Sporthalle, die es den Häftlingen ermöglicht, sich auch im Winter sportlich zu betätigen. Auf den Bänken haben bereits 19 Insassen Platz genommen, meist Freigänger und Häftlinge, die kurz vor ihrer Entlassung stehen. Die Stimmung ist angespannt, ehe Falkenberg das Eis bricht: „Los geht’s, Ihr könnt die Spieler alles fragen.“ Langsam legen sie los: „Was war gegen Chemnitz los? Was rechnet Ihr Euch gegen Darmstadt aus?“ Dann wird es interessant: „Was verdient man als Profi? Gibt es bei Hansa Spieler, die rauchen oder trinken?“ Milorad Pekovic antwortet so ehrlich wie möglich, vor allem auf die letzte Frage: „In Montenegro ist Schnaps Medizin. Ab und zu gemeinsam einen zu trinken, ist gut für den Kopf und für den Teamgeist.“

Während Profis und Häftlinge plaudern, ergeben sich erstaunliche Gemeinsamkeiten: So werden beide Seiten regelmäßig zur Dopingprobe gebeten, wobei die Häftlinge nicht aus sportlichen Gründen nachweisen müssen, dass sie „sauber“ sind.

„Wer sich im Vollzug gut führt, bekommt eine Chance in unserer Mannschaft“, erklärt Trainer Ingo Böttcher. Sein Team ist längst dem Status der abgeschotteten Knasttruppe entwachsen. Seit 2007 nehmen die Hobbykicker am Spielbetrieb der Kreisklasse Mecklenburger Seenplatte teil. Mit großem Erfolg: Bislang errang die Mannschaft, die naturgemäß nur Heimspiele bestreitet, drei Meistertitel. Seit letzter Saison ist der FC Neustrelitz 07 ein eingetragener Verein.

„Leider dürfen wir nicht aufsteigen“, muss Coach Böttcher manch einen seiner ehrgeizigen Jungs enttäuschen. Vielmehr geht es darum, Angebote hinter Gittern zu schaffen und Werte zu vermitteln. „Damit sie nach all den Problemen, die sie draußen hatten, mal Anerkennung ernten“, betont Anstaltsleiter Eggert, der gerne langfristig und über diesen Sommer hinaus mit Hansa zusammenarbeiten würde.

Auf dem Hartplatz hinter hohen Mauern geht es zur Sache, wollen die Kicker vom FC Neustrelitz 07 den Hansa-Profis ihr Talent beweisen. Abseits unterhält sich der Mitinitiator des Projektes, Uwe Schröder, mit einem Häftling. „Ich betreue auch Einzelfälle, helfe ihnen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche nach ihrer Zeit hier“, erklärt Schröder, für den die Aufgabe eine Herzensangelegenheit ist: „Viele Häftlinge vertrauen mir, weil ich von Hansa bin. Vielleicht können wir mit dem Projekt einen Brückenschlag ins alltägliche Leben schaffen.“ Ein Anfang ist gemacht.

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