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Eisschnelllauf : Kreis schließt sich in der Eishalle

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Horst Freese, Olympia-Teilnehmer im Eisschnelllauf 1976 in Innsbruck, ist über Berlin, Köln und Hamburg nach Rostock zurückgekehrt

Kurz bevor in der Halle Schillingallee das Eis zu tauen begann, sah man sie noch gemeinsam ein paar Runden drehen: Arian Nachbar, Olympia-Teilnehmer im Shorttrack in Nagano 1998, Salt Lake City 2002 sowie Turin 2006, und Horst Freese, Olympia-Starter im Eisschnelllauf 1976 in Innsbruck.

Der 1944 in Graal-Müritz geborene Horst Freese, der sich zunächst bei Motor Rostock im Handball versuchte, fand 1958 zum Eisschnelllaufen, tat auf der 133-Meter-Bahn des Eisstadions (inzwischen eingeebnet, an der Stelle hinter der Süd-Tribüne der DKB-Arena befindet sich heute einer der Trainingsplätze des FC Hansa) seine ersten Schritte bei Empor.

Wettkämpfe, erinnert er sich, fanden seinerzeit nicht nur auf dem Kunsteis, sondern z. B. in Crimmitschau und Geising auch auf zugefrorenen Seen statt.

Als der junge Mann von der Küste 1963 in Berlin Maschinenbau zu studieren begann, wechselte er zum dortigen TSC. Doch 1967 fiel Horst Freese in Ungnade: „Ich wurde wegen unerlaubter Westkontakte gesperrt, durfte nicht mal mehr nach Polen. Ich hatte zwar drüben Verwandtschaft, aber das ,Problem’ war wohl meine jetzige Frau, die auch aus Rostock stammt und mit der ich schon zusammen zur Schule ging. Sie war mit ihrer Mutter 1960 in den Westen gezogen, kam dann immer im Sommer zu Besuch. Man hat mir unterstellt, ich wollte abhauen. Dabei hätte es auch sein können, dass sie zurückkommt.“

Abgeschoben zur BSG Einheit Berliner Bär, „rächte“ sich der auch aus der Nationalmannschaft Verstoßene 1968, indem er ohne Zugehörigkeit zu einem der Leistungssport-Clubs zum insgesamt siebenten Mal DDR-Meister wurde.

Im Jahr darauf kam ziemlich viel zusammen: Fluchthelfer schafften den damals 25-Jährigen von Ost- nach Westberlin, er heiratete seine Heide Marie, beide zogen von Köln nach Hamburg. Und ebenfalls 1969 stieg Horst Freese wieder in die Schlittschuhe: „Ich hatte zwangsweise aufgehört und wollte eigentlich nicht noch mal anfangen. Aber als ich dann in der Nähe der Alster auf einer Eisbahn zum Spaß ein paar Runden drehte, wurde ich zum zweiten Mal entdeckt.“

Kein Geringerer als der zweimalige Olympiasieger Erhard Keller überredete seinen gleichaltrigen Sportkameraden aus dem Osten zum Weitermachen. Für den Altonaer Schlittschuhläufer-Verein holte Horst Freese zwischen 1973 und 1976 fünf weitere Meister-Titel. Die Olympischen Spiele 1972 in Sapporo kamen für den „Republikflüchtling“ noch zu früh. Er war nicht lange genug Bundesbürger und durfte deshalb – und weil die DDR-Verantwortlichen sich quer stellten – nur als Tourist in Japan dabeisein. Doch nach Starts bei Welt- und Europameisterschaften war ihm schließlich 1976 in Innsbruck mit mittlerweile schon 32 Jahren eine Olympia-Teilnahme vergönnt. Wenn er dabei auch kein Glück hatte: Auf den 500 Metern, wo ihm durchaus gute Aussichten bescheinigt wurden, stürzte er und verschwand auf einmal hinter einer Werbebande. Drei Tage später belegte er über 1000 m Platz neun.

Es dauerte bis nach der Wende, ehe der heute 70-Jährige erstmals die Eishalle in der Schillingallee erblickte. Die stand seinerzeit, als er die DDR verließ, noch nicht, wurde erst 1971 eröffnet. In diesem „Baudenkmal“ ist er mittlerweile als Gast des ESV Turbine regelmäßig zu finden. Denn Ende 2007, zeitgleich mit dem Wechsel des Maschinenbau-Ingenieurs vom Berufsleben in den Vorruhestand, kehrte das mit zwei Töchtern und drei Enkeln gesegnete Ehepaar Freese nach Rostock zurück.

Wenn, wie jetzt, keine Eis-Saison ist, macht Horst Freese sportlich übrigens – nichts. Außer Gartenarbeit. „Meine Frau“, berichtet er, „hat im Nordic Walking ihre Sportart gefunden.“ Vielleicht überlegt er es sich ja auch noch. Jetzt, wo er die hartnäckige Bronchitis endlich wieder los ist.


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erstellt am 08.Apr.2014 | 10:07 Uhr

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