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Rudern : Der Achter ist schon „abgereist“

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Obwohl die Weltmeisterschaften im Rudern erst am 24. September beginnen Im Container geht es per Schiff vier Wochen über den Atlantik nach Florida

Der Mecklenburger Schlagmann Hannes Ocik und seine Kameraden sind noch da – ihr Deutschland-Achter aber ist dann mal weg: Die Ruder-Weltmeisterschaften in Sarasota (Florida) beginnen zwar erst am 24. September, doch ein Großteil der deutschen Flotte ist bereits unterwegs.

Vorigen Mittwoch ging ein Transport vom Bundesstützpunkt Dortmund nach Eberbach am Neckar zur Bootswerft Empacher. Die ist Hersteller aller WM-Boote des Deutschen Ruderverbandes. 22 an der Zahl – inklusive jener für die Ersatzleute (zu denen Malte Daberkow vom ORC Rostock gehört) – werden dort in Baden-Württemberg für die lange Reise über den Atlantik „eingepackt“. Es fehlen nur noch die Leichtgewichts-Boote, die sich derzeit im Trainingslager in Bled (Slowenien) im Einsatz befinden. Sie werden bis Dienstag oder Mittwoch nachgeliefert. Ende nächster Woche geht dann die Reise richtig los – mit dem Schiff.

„Ein Übersee-Container reicht für uns leider nicht aus, wir brauchen knapp anderthalb. Aber die Firma Empacher betreut ja nicht nur uns, die packt dann andere Nationen mit dazu. So wird ein kostengünstiger Schuh daraus“, berichtet Bootsmeister Markus Schmitz.

In Kooperation mit einer Spedition werde der weitere Werdegang abgestimmt. „In welchem der in Frage kommenden Häfen die Container nachher verschifft werden, ob in Rotterdam, Hamburg oder Bremerhaven, das entscheidet sich kurzfristig“, informiert Schmitz. Auf die Alternative Flugzeug werde nur bei Olympischen Spielen zurückgegriffen: „Viel zu teuer.“

Wenn der Deutschland-Achter auf Reisen geht, wird er übrigens „halbiert“. Das 17,63 Meter lange Flaggschiff ist (bei ganzen 55 Zentimetern Breite) nur unwesentlich kürzer als ein Gelenkbus der Rostocker Straßenbahn AG. Auf deutschen Straßen sind aber eigentlich nur Anhänger mit einer Maximallänge von zwölf Metern statthaft. Dennoch ist der Transport so eines Großbootes mittels Ausnahmegenehmigung durchaus auch unzerteilt möglich; das Problem, damit die Kurven zu kriegen, hat der Fahrer…

Die leichtere Handhabung ist das eine. Der Hauptgrund aber, weshalb das Großboot in zwei Teile auseinandergeschraubt wird, ist, „dass kein Container einen kompletten Achter aufnehmen kann. Der passt da nicht rein“, verrät Schmitz.

Um den 10. September herum sollte die wertvolle Fracht – weit über eine Viertelmillion Euro allein an Materialwert der Einer, Zweier, Vierer und Achter – nach etwa vier Wochen „Schifffahrt“ in einem Hafen an der Ostküste der Vereinigten Staaten „anlanden“. Von dort werden die Container per Tieflader direkt zum Nathan Benderson Park in Sarasota gebracht.

Dort wird der Bootsmeister – der am 16. September, zwei Tage vor der Nationalmannschaft, über den Großen Teich fliegt – schon mal das Lager aufschlagen. Dann kommen, wenn es ans Ausladen der anderthalb DRV-Behälter geht, nicht nur die sorgfältig „verschnürten“ Bootshüllen zum Vorschein. Auch über die Riemen und Skulls der Sportler sowie die gepolsterten Taschen für jeden einzelnen Ausleger geht das Equipment weit hinaus. Markus Schmitz: „Wir haben Massagebänke, das Material für die Physiotherapeuten und Ersatzteil-Kisten eingepackt. Und Bierzeltgarnituren: Tische, die im vergangenen Jahr für Olympia extra Schwarz-Rot-Gold gestrichen wurden, Bänke und Klappstühle ebenfalls in den Deutschland-Farben.“

Apropos Bierzeltgarnitur: Nein, er trinke auch bei passender Gelegenheit eher kein kühles Pils zusammen mit den Ruderern. „Aber natürlich haben wir ein enges Verhältnis, gehen auch ab und zu zusammen zum Fußball ins Stadion. Und dann wird auch mal gefrotzelt. Ich bin ja Fan von Borussia Dortmund, aber Hannes zum Beispiel ist für Bayern München“, outet Markus Schmitz den für die Schweriner Rudergesellschaft von 1874/75 startenden Rostocker.

Bleibt noch eine Frage zu klären: Was machen die Männer vom Deutschland-Achter und das gesamte Nationalmannschafts-Kollegium in den bevorstehenden Camps in Österreich (7. August bis 24. August in Völkermarkt/ die Skuller sind in Weißensee, ebenfalls Bundesland Kärnten) sowie in Ratzeburg (4. bis 15. September) eigentlich ohne ihre Boote? Antwort: Sie rudern. Was sonst?! Es gibt schließlich eine komplette Reserveflotte.

DAS BOOT IN ZAHLEN UND FAKTEN

48 000 Euro kostet der Deutschland-Achter in seiner aktuellen Version (Modell C86 von Empacher, Einzelanfertigung).

Die „Nahtstelle“ des aus zwei Teilen bestehenden Bootes befindet sich zwischen Platz sechs und sieben. Das heißt, das Heck-Stück (ungefähr sieben Meter) ist kürzer als das andere (knapp elf Meter).

Der Bootskörper besteht zu über 90 Prozent aus Karbon und wiegt 96 Kilogramm. Schlagmann Hannes Ocik allein bringt kaum weniger auf die Waage.

Die traditionelle Farbe der bereits seit 1923 existierenden Bootswerft Empacher ist Gelb. Der Deutschland-Achter ist jedoch in Grün

lackiert, der Farbe seines Hauptsponsors Wilo.

20 Minuten dauert die Zerlegung des Bootes, wenn alle acht bzw. neun Mann mit anpacken. Chef ist auch hier der Steuermann: Er ist der Herr über die Kombischlüssel, mit denen die Schrauben und Muttern gelöst oder bei der Montage festgezogen werden.

DER BOOTSMEISTER: MARKUS SCHMITZ

Die Person

Markus Schmitz hat in Krefeld zunächst Segelboote zu bauen gelernt, „vorwiegend aus Mahagoni und Teak, ganz wenig Kunststoff“. Später war er im Motorboot-Bereich tätig: „Drei Meter lang war das kleinste und dann bis zu 6,30.“ Seit 2006 ist er als Bootsmeister am Bundesstützpunkt Dortmund des Deutschen Ruderverbandes tätig. Größter sportlicher Erfolg des 41-Jährigen: der (wenn auch
indirekte) Olympiasieg 2012 in London mit dem Achter. Mit dem in Ratzeburg „stationierten“ Kay-Uwe Brodersen gibt es beim DRV noch einen zweiten Bootsmeister.

Das Zitat

„Der Markus ist der wichtigste Mann im DRV. Ohne ihn geht gar nichts. Er ist die gute Seele der Mannschaft.“

Hannes Ocik, Schlagmann des Deutschland-Achters








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erstellt am 07.Aug.2017 | 13:53 Uhr

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