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Jürgen Brähmer : Spieler-Trainer, Geschäftsmann und rühriger Familienvater

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Aus der Onlineredaktion

Jürgen Brähmer boxt im Turnier um die Ali-Trophy um seinen wohl letzten großen Titel und hat schon für die Zukunft vorgebaut.

von
erstellt am 27.Okt.2017 | 12:00 Uhr

Jürgen Brähmer müsste längst in Rente sein. In Boxer-Rente. Wenn es nach seinen Gegnern ginge. Seit Jahren werden die nicht müde, dem Schweriner vor den Kämpfen in mehr oder weniger martialischen Worten die schmerzvolle Versetzung in den Box-Ruhestand anzukündigen. Wahrgemacht hat seine Drohung bislang keiner.

Stattdessen greift Brähmer – seit drei Wochen immerhin 39-jährig – selbst noch einmal an: sozusagen in der Champions League. So darf die World Boxing Super Series (WBSS) um die Muhammad-Ali-Trophy, die in Supermittel- und Cruisergewicht je acht der weltbesten Boxer am Start sah, wohl bezeichnet werden.

Heute Abend greifen Jürgen Brähmer und sein Widerpart Rob Brant aus den USA in der Schweriner Sport- und Kongresshalle in der letzten der acht Viertelfinalveranstaltungen ins Geschehen im Supermittelgewicht (76,203 kg) ein. Der Sieger dieses um 23 Uhr beginnenden Kampfes (live auf Sky und ranFIGHTING. de) erhält 1 Million Dollar (etwa 850 000 Euro), den Gewinnern der Ali-Trophies winken sogar je 7 Millionen Dollar. Beide Finals sollen im Mai 2018 in Las Vegas steigen.

So weit ist es noch lange nicht. „Einen Schritt nach dem anderen“, bügelt Brähmer Fragen nach seinen Chancen auf den Turniersieg ab. Angesichts der Klasse der drei qualifizierten Halbfinalisten, WBA-Superchampion George Groves, IBO-Weltmeister Chris Eubank sowie Callum Smith (allesamt Briten), sicherlich eine sinnvolle Antwort.

Zugleich auch Understatement. Denn natürlich muss sich ein Mann wie Brähmer nicht verstecken. Die schon 18 Jahre währende Profi-Karriere des gebürtigen Stralsunders basiert auf einer klasse Amateur-Ausbildung in Schwerin. Von 100 Amateurkämpfen verlor Brähmer, der als Kind über die Leichtathletik zum Sport gefunden hatte, ganze fünf. Bis auf eine Ausnahme kam er in allen Turnieren, die er bestritt, ins Finale. Und spätestens seit er 1996 in Havanna als einziger Nicht-Kubaner Juniorenweltmeister werden konnte, galt er als ein Ausnahmetalent.

In seinem Profikampfrekord mit 48 Siegen, davon 35 durch K.o., und 3 Niederlagen sind allein 11 WM-Kämpfe verzeichnet, von denen er lediglich den ersten – gegen den Argentinier Hugo Hernan Garay 2008 in Rostock – und den letzten – am 1. Oktober 2016 in Neubrandenburg gegen den Waliser Nathan Cleverly – verlor. Und Cleverly unterlag er bekanntlich nur, weil er den Kampf, nach Punkten in Führung liegend, wegen eines Muskelfaserrisses im Arm aufgeben musste. Dass er mit einem Bandscheibenvorfall in den Ring gestiegen war, weiß bis heute indessen kaum jemand.

13 Monate später sind beide Verletzungen völlig ausgeheilt. Dass er seit damals keinen Kampf mehr bestritten hat, ist aber keineswegs optimal.

Doch auch sein heutiger Gegner Rob Brant absolvierte in der Zeit nur einen einzigen seiner 22 (sämtlichst gewonnenen) Profikämpfe und boxte dabei im Januar gegen seinen Landsmann Alexis Hloros seinen 15. K.o. heraus. Hloros kennt kein Mensch. „Überhaupt hatte Brant noch keine großen Gegner. Das ist ein Nachteil“, schätzt Michael Timm ein, Brähmers Trainer in dessen Jugend sowie später bei den Hamburger Universum-Profis und auch nun wieder. Dennoch warnt der erfahrene Coach: „Der US-Boy ist erfolgshungrig und wird im Ring rotzfrech auftreten.“

Das glaubt auch Karsten Röwer, bis April 2016 Brähmers Trainer im Sauerland-Stall: „Der Junge ist schnell. Aber das sollte Jürgen mit seiner Erfahrung wettmachen.“

Im Ausland sieht man das offenbar anders. Dort wird Rob Brant als Favorit und Halbfinalgegner von Callum Smith gehandelt. Ungeachtet der Tatsache, dass Brant für dieses Turnier aus dem Mittelgewicht (72,574 kg) hochkletterte und gestern offizielle 75,3 kg auf die Waage brachte, während Brähmer aus dem Halbschwergewicht (79,378 kg) absolut problemlos auf gestrige 75,7 kg hinabstieg. „Es wird schwer für Rob, ganz schwer“, kommentierte Brähmer.

Obgleich Rob Brant ein viel zu netter Typ ist, um in den Chor der eingangs erwähnten Großmäuler einzustimmen und stattdessen seine Hochachtung vor seinem Gegner herausstreicht: Gewinnen will auch er unbedingt – und sollte das passieren, wäre das wohl in der Tat die Boxer-Rente für den Schweriner.

Doch der einstige Hallodri, dessen Profikarriere durch eine Haftstrafe von 2002 bis 2005 eine dreijährige Delle verzeichnet, ist gereift und längst in vielen Sätteln gerecht. Sozusagen als Spieler-Trainer, da er ja selbst noch boxt, hat sich der heutige Familienmensch und rührige Vater von Töchterchen Jasmin (5) und Söhnchen Joris (2) bereits einen Namen als Weltmeister-Coach von Tyron Zeuge gemacht. Eine Firma für Sicherheitstechnik, die er bereits für ein paar Jahre betrieb und die nach wie vor Anfragen erhält, liegt momentan zwar auf Eis, aber halt nur momentan. Und auch beim Ausbau von Ferienwohnungen hat der Boxer einen Fuß in der Tür. „So etwas zu managen, macht mir unheimlich Spaß“, verrät er. Ein Projekt in Prisannewitz wurde schon vor Jahren fertig, zu einem aktuellen hält er sich bedeckt. „Nur soviel: Es liegt auf dem Darß.“

Nicht, dass er auf die WBSS-Börse angewiesen wäre. Er hat als Profi lange und gut verdient. Helfen würden die 7 Millionen Dollar Siegergage bei seinen Plänen aber. Und mit der Ali-Trophy in der Hand ließe sich auch guten Gewissens in die Boxer-Rente gehen. Selbstbestimmt, ganz ohne fremdes Zutun.

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