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Profiboxtrainer Karsten Röwer : „Es ist nicht so, dass ich aufhören wollte“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Profiboxtrainer Karsten Röwer über die Umstände seines Abschieds vom Sauerland-Stall, seine Pläne für die Zukunft und über Perspektiven des Boxsports

von
erstellt am 24.Mär.2017 | 20:55 Uhr

Acht Jahre hat Karsten Röwer sehr erfolgreich als Profitrainer für den Sauerland-Stall gearbeitet, hatte mit Sebastian Sylvester und Jürgen Brähmer zwei Weltmeister unter seinen Fittichen. Nun ist der 54-Jährige zurück in Schwerin. Im Interview mit SVZ-Redakteur Ralf Herbst zieht er Bilanz und schaut nach vorn.

Herr Röwer, mit dem Sieg Enrico Köllings in Südafrika über Lokalmatador Ryno Liebenberg haben Sie Anfang Februar Ihre Trainertätigkeit für den Sauerland-Profiboxstall erfolgreich beendet. Wie geht es Ihnen heute, was machen Sie?
Der Kampf in Südafrika erfolgte ja, als ich bereits arbeitslos war. Ich habe dafür extra Urlaub angemeldet. Aber für Enrico habe ich das gern gemacht – und er hat es mit einer sehr guten Leistung gedankt.

Mir geht es den Umständen entsprechend. Ohne Arbeit zu sein, ist kein schönes Gefühl. Ich habe seit 1985 als Trainer gearbeitet. Wenn das vorbei ist, geht schon etwas kaputt. Aber es hat mich nicht völlig unvorbereitet getroffen. Mein Vertrag war bis Ende 2016 datiert und bei der Lage des Profiboxens mit immer geringeren TV-Einnahmen waren Änderungen zu erwarten.

Andererseits habe ich jede Menge zu tun. In unserem Haus in Schwerin blieb im Laufe der Jahre viel liegen, im Garten, im Haus selbst. Das gilt es jetzt aufzuarbeiten. Dabei kann ich endlich mal runterfahren und den Kopf freikriegen. Denn es waren stressige Jahre als Trainer, aber auch sehr schöne, für die ich Sauerland-Promotion dankbar bin. Es gab Höhen und Tiefen, aber das Positive überwiegt.

Warum haben Sie aufgehört und keinen neuen Vertrag unterzeichnet?
Es ist nicht so, dass ich aufhören wollte. Aber mit der Begründung, dass die Einnahmen aus dem neuen SAT.1-Vertrag geringer ausfallen als beim alten und die laufenden Kosten zu hoch seien, wurde mir kein neuer Vertrag als angestellter Trainer angeboten. Stattdessen kam der Vorschlag, dass ich mich als Trainer selbstständig machen sollte, was in England übrigens ein gängiges Modell ist. Dabei hätte ich mich über die Kampfbörsen finanziert. Aber der übliche Traineranteil an den Börsen beläuft sich auf unter zehn Prozent. Hinzu kommt, dass heute hier längst nicht mehr verdient wird wie zu Maskes oder Abrahams großen Zeiten, auch weil es an medienträchtigen Boxern fehlt. Andererseits sollte ich die Kosten für unsere Trainingshalle tragen. Das will mit 54 Jahren gut überlegt sein. Und ich sagte mir: Das kannst du nicht machen.

Ulli Wegner macht auch mit knapp 75 Jahren weiter. Jürgen Brähmer stieg im vorigen Jahr parallel zu seiner Profilaufbahn in Schwerin ins Trainergeschäft ein. Was läuft da anders?
Ullis Vertrag läuft wohl noch zwei Jahre. Aber schon heute muss auch er aus Kostengründen auf seinen langjährigen Co-Trainer Georg Bramowski verzichten, der ebenfalls keinen Vertrag mehr erhielt.

Und Jürgen geht seinen eigenen Weg. Als langjährig erfolgreicher Profi hat er dafür sicherlich auch einen sehr soliden finanziellen Hintergrund.

Was wäre für Sie annehmbar gewesen?
Aufgrund der Lage die Bezüge herunterzusetzen, das hätte ich bis zu einem gewissen Grad mitgetragen. Aber über so etwas wurde leider gar nicht gesprochen.

Kann es sein, dass Sauerland sich langsam aus dem Profiboxen verabschiedet?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Dazu sind die Sauerlands viel zu boxverrückt. Aber durch schmalere TV-Verträge und sinkende Börsen werden sie kleinere Brötchen backen müssen.

Kürzlich hat der olympische Weltverband AIBA ein Zusammengehen mit den etablierten Profiverbänden verkündet. Demnach können Amateure und Profis in den jeweils anderen Status hin- und herwechseln, Olympische Spiele sollen allen Boxern offenstehen… Was halten Sie von diesem Weg?
Enge Kooperation scheint mir der richtige Weg zu sein. Länder wie Frankreich oder England handhaben das schon lange so, mit Erfolg. Das Amateurboxen findet ja leider nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. So profitieren die Amateure, wenn sie sich zum Beispiel im Rahmen von Profiveranstaltungen präsentieren können. Wechsel zu den Profis sollten aber sehr behutsam, vor allem nicht zu früh erfolgen. Denn das A und O für eine Profikarriere ist und bleibt eine solide Amateurausbildung.

Wie kann das Schweriner Boxen Ihrer Meinung nach von diesem Weg profitieren?
Schwerins Amateure und die Sauerland-Profis profitieren ja längst vom gemeinsamen Sparring. Wir waren oft zum Training hier. Gut ist, dass Denis Radovan und Araik Marutjan als Profis in Schwerin bleiben, auch als Vorbild für die Nachrückenden.

Hier ist in den letzten Jahren viel passiert. Michael Timm leistet mit seinen Trainern tolle Arbeit und sie haben sehr gute Jungs. Der Bundesstützpunkt profitiert auch davon, dass Hamburger Jungs dazustoßen, wie die Harutyunyan-Brüder, Peter Kadiru oder bis vor Kurzem Albon Pervizaj. Das Ergebnis sieht man: Bronze bei Olympia, wie es Artem Harutyunyan in Rio gewann, wann hatten wir das zuletzt?

Wo sehen Sie Ihre Zukunft?
Froh bin ich, wieder zu Hause in Schwerin zu sein, und ich möchte auch nicht mehr weg. Im Moment bin ich auf Jobsuche. Gelernt habe ich ja „nur“ Boxtrainer, das würde ich gern weitermachen, warum nicht auch im Nachwuchs? Aber ich könnte auch als Lehrer arbeiten. Mal sehen!
 

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