Box-Bundestrainer Michael Timm : „Bisher wurde nur zusammengestrichen“

In Sachen Boxen ist er engagiert bis in die Fingerspitzen: Meistermacher Michael Timm.
In Sachen Boxen ist er engagiert bis in die Fingerspitzen: Meistermacher Michael Timm.

Box-Bundestrainer Michael Timm im Interview über notwendige, aber kaum existente Förderung sowie über Wege und Perspektiven des Boxsports

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15. September 2017, 21:00 Uhr

Michael Timm war Box-Europameister, er hat Weltmeister bei den Profis geformt, ist heute Cheftrainer in Schwerin und DBV-Bundestrainer. Im Interview mit Ralf Herbst spricht der 54-Jährige über den Stand des deutschen Boxsports, über notwendige, aber bislang ausbleibende Förderung und sein Herz für den Nachwuchs.

Herr Timm, Sie fungierten bei der WM in Hamburg als verantwortlicher Bundestrainer. Wie schätzen Sie das Abschneiden der deutschen Faustkämpfer dort ein?

Michael Timm: Erfreulich war, dass sechs unserer Jungs ins Viertelfinale vorstießen – und das mit guten Leistungen. Traurig bin ich, dass es bei der einen Bronzemedaille von Abass Baraou blieb. Allerdings verloren drei unserer Viertelfinalisten gegen die späteren Weltmeister, die anderen beiden gegen den Vize.

Und wie beurteilen Sie den WM-Auftritt von Artem Harutyunyan, den Sie 2016 zu Olympia-Bronze führten?

Er hatte einen starken Auftaktkampf gegen den Engländer McCormack. Auch im Viertelfinale gegen Kholdarov, den späteren Vizeweltmeister, war ich mir als Sekundant am Ring aufgrund der zwei Verwarnungen gegen den Usbeken absolut sicher, dass es für Artem gereicht hätte. Ich verstand die Welt nicht mehr, als dem nicht so war. Am nächsten Tag jedoch, mit etwas emotionalem Abstand und vor allem nach dem Video-Studium, sah ich die Sache anders. Kholdarov hat viel öfter und variabler geschlagen und verdient gewonnen. Letztlich rächte sich, dass Artem seit Olympia zu wenige Kämpfe absolviert hatte.

Artem trainiert inzwischen bei seinem Schwiegervater Artur Grigorian in Hamburg. Sie sind quasi „nur“ noch für die Trainingsplanung zuständig. Ist dieses Konstrukt zukunftsfähig?

Ich bin ein Trainer, der generell gern am Mann arbeitet. Und ich denke, dass Kaderboxer am Bundesstützpunkt trainieren sollten. Für den Norden ist das Schwerin.

Über Artems Training eine Aussage zu treffen, ist schwer aus der Ferne. Mir liegt es auch fern, Arturs Arbeit schlechtzureden. Eines aber weiß ich: Er trainiert sonst nur Profis. Das ist definitiv von Nachteil, denn Profi- und Amateurboxen sind doch recht verschieden.

Andererseits hat Artem in Hamburg eine Wohnung bezogen, will dort bald heiraten… Wäre für Sie auch ein Kompromiss denkbar?

Ja, natürlich. Ein möglicher Kompromiss könnte darin liegen, alle paar Wochen zum Blocktraining nach Schwerin zu kommen. Dann wissen wir, wo Artem leistungsmäßig steht und an welchen Stellschrauben wir drehen müssen.

Wie müssen generell die Stellschrauben im deutschen Boxen justiert werden?

Um das angestrebte Ziel für Tokio 2020 von sechs bis acht Olympiastartplätzen zu erreichen – Männer- und Frauenbereich zusammengerechnet –, müssen wir uns um die Nationalmannschaft ernsthaft Gedanken machen. Wir müssen regelmäßig zum Blocktraining an den Stützpunkten zusammenkommen, mal hier, mal da. Und wir müssen uns mit den Besten messen, sprich: gemeinsam trainieren mit Top-Nationen wie Kuba, den USA, Kasachstan, mit denen wir das seit zwei Jahren schon erfolgreich praktizieren, und auch den Usbeken, die seit 2012 einen riesigen Leistungssprung gemacht haben und heute zusammen mit den Kubanern das Weltniveau bestimmen.

Kann der Deutsche Box-Verband solche Maßnahmen überhaupt stemmen?

Tja, das wüssten wir auch gern. Nach Olympia in Rio wollte die Politik ja eine Reform der Sportförderung auf den Weg bringen. Bisher wurde uns aber nur die Zahl der Kader, die Sporthilfe erhalten, von 60 auf 30 zusammengestrichen und Plätze in den Sportförderkompanien der Bundeswehr gibt es für DBV-Boxer und -Boxerinnen insgesamt ganze 24.

So kann das nichts werden. Einen Sportler zum Olympiakämpfer zu entwickeln, dauert zwei Olympiazyklen, also acht Jahre. Unsere erste Garde ist im Großen und Ganzen abgesichert, aber um erfolgreich zu sein – nicht nur im Boxen –, brauchst du nicht nur eine starke erste Reihe, sondern für die unbedingt notwendige Konkurrenz ebenso eine starke zweite und nach Möglichkeit sogar eine dritte.

Fakt ist: Mit Blick auf Olympia 2024 in Paris haben wir schon jetzt ein Jahr verloren, von Tokio 2020 gar nicht zu reden. Denn wie gesagt: Der Hahn wurde bisher eher zugedreht.

Wobei zum Beispiel?

Zum Beispiel in Bezug auf die EM im Juni in der Ukraine. Die 3000 Euro pro Kopf für unsere EM-Starter mussten die Landesverbände und Vereine aufbringen. Wir waren zwar mit einer kompletten Staffel in Charkow, aber nicht immer mit den besten Boxern. Zwei, drei Berliner konnten aus finanziellen Gründen nicht mit. Stattdessen hatten wir mit dem Heidelberger Weizmann einen Schwergewichtler mit der mageren Erfahrung von ganzen 26 Kämpfen im Ring. Und warum? Weil sein Start bezahlt werden konnte.

Schwerin musste Peter Kadirus Start finanzieren. Der ist Jugend-Olympiasieger, zweimal U19-, einmal U22-Europameister – wenn so ein Mann nicht gefördert wird, was wollen wir dann überhaupt?

Gibt es Hinweise, wie die Leistungssportförderung künftig aussehen könnte?

Ich habe noch nichts gesehen und nichts gehört. In der nächsten Woche ist aber in Potsdam ein Treffen der Bundestrainer aller Sportarten. Ich bin gespannt, was uns da erzählt wird.

Um das klarzustellen: Ich greife nicht den DOSB an. Der Sportbund würde schon gern, doch der Staat lässt uns hängen. Aber sich dann nach Olympia mit den Sport-Helden ablichten lassen und in die Kameras lächeln…

Und wie stellt sich die Situation in Schwerin im Bundes- und Landesleistungsstützpunkt dar?

Positiv. Ein ehrlich und ehrgeizig zusammenarbeitendes Team von Trainern und Übungsleitern erlebt hier einen großen Zulauf an Sportlern. Was der BC Traktor ins Leistungszentrum schickt, was aus Rostock kommt, was in Demmin passiert, in Altentreptow, Stralsund, Greifswald, Wismar, Ludwigslust – all das stimmt zuversichtlich. Überall bilden tolle Trainer neben ihrer Arbeit ehrenamtlich Kinder aus. Und ehrlich: Wenn ich sehe, wie sich die Kinder freuen, wenn sie gewürdigt werden, dann kriege ich mitunter feuchte Augen.

Mir wäre es lieb, wenn in den Vereinen ein hauptamtlicher Trainer wäre, aber das werden wir leider nicht hinkriegen. Da sind wir wieder beim Thema Förderung. Dabei wäre es doch viel vernünftiger, Geld für Pädagogen – vor allem auch im Sport – auszugeben, als es später in die Resozialisierung stecken zu müssen. Doch leider wird in Deutschland in Bezug auf Kinder das Pferd vom Schwanz aufgezäumt.

Dass Sie für den Sport brennen, wird in jedem Ihrer Sätze deutlich. Gibt es für Sie eigentlich auch ein Leben außerhalb des Sports?

Unbedingt! Das Wichtigste für mich ist meine Familie, für die ich leider viel zu wenig Zeit habe. Doch die nehme ich mir, wenn in Kürze die Hochzeit unserer älteren Tochter Julia ansteht. Sie lebt in Sydney, heiratet Ende Oktober aber in Delhi ihren „Manni“, wie er bei uns nur heißt. Er ist Inder und Australier. Das wird eine echte exotische Sikh-Hochzeit. Eine Woche lang wird gefeiert. Das wird hart. Aber als Boxer bin ich Härte ja gewohnt.

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