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Sport in der Prignitz

24. Oktober 2017 | 06:14 Uhr

Public Viewing zum Geburtstag

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Fußball-Weltmeisterschaften hinten und vorn, oben und unten, links und rechts: Die ganz persönliche Vorrundenchronik einer erklärten Fußballverächterin

von
erstellt am 26.Jun.2014 | 17:14 Uhr

Schwer vorstellbar, aber es gibt sie: Menschen – Frauen meist – die das Fußball-WM-Fieber nicht erfasst hat, die im Gegenteil höllisch angenervt sind vom derzeit tagtäglichen Hype um das runde Leder. Unsere Autorin Katja Haescher ist so ein Mensch. Was sie in den vergangenen zwei Wochen zu durchleiden hatte, lesen Sie hier:

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12. Juni: Es geht los. Brasilien-Kroatien, heute Abend. In den nächsten Wochen wird alles anders sein. Straßenbahnen und Busse fahren jetzt mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen. Die winken – wenn man Bus oder Bahn verpasst hat – höhnisch hinterher.

Männer, die morgens nie aus dem Bett kommen, um das Kind zur Schule zu schicken, (schschbbbinnnochsssoomüde, kannst du nicht aufstehen?) schaffen es, sogar noch den Anstoß beim Spiel Elfenbeinküste - Japan zu sehen, das um 3 Uhr übertragen wird.

Und ich vertreibe mir ein bisschen mit Schreiben die Zeit, weil mein Mann und meine Söhne in den nächsten Wochen mit Sicherheit keine haben werden.

13. Juni, 9 Uhr: Heute ist Freitag, der 13. Ich hatte ja gehofft, dass der Fernseher kaputtgeht, aber dieser ganze Aberglaube ist auch nur blödes Gewäsch.

13. Juni, 19 Uhr: Ich bin auf der Treppe umgeknickt und muss auf der Couch mein Bein hochlegen. Mein Mann tröstet mich: Um 21 Uhr läuft Spanien – Niederlande, das wird sicher spannend.

14. Juni, 11 Uhr: Meine Nachbarin fährt in den Urlaub. Allein. Ihr Mann wird in den nächsten Wochen zwischen sich und dem Bildschirm lediglich eine Maximalentfernung von drei Metern tolerieren, was eine Tour auf den Darß schwierig macht.

16. Juni, 9 Uhr: Mein Kollege sitzt am Schreibtisch gegenüber und überlegt, wie das Spiel Deutschland – Portugal ausgehen könnte. 3:0! Je näher der Anstoß rückt, um so größer wird seine Euphorie. 11.27 Uhr 4:0, 12.07 Uhr 5:0, 13.31 Uhr 6:0. Um 16.56 Uhr murmelt er vor sich hin: „Warum soll 7:0 nicht auch möglich sein? Gut, dass bald Feierabend ist, sonst müssten die Jungs Handball spielen.

16. Juni, 17.30 Uhr: Ich fahre zu meiner Schwiegermutter. Bestimmt sind die Straßen leer, das macht es entspannt, dazu noch schöne Musik aus dem Radio…

17.35 Uhr: Nachdem ich zum dritten Mal umgeschaltet habe, stelle ich fest: Die Musik spielt heute woanders. Es gibt nur ein Thema, selbst wenn die Erde aufhörte, sich zu drehen, würde ich es wohl erst in 90 Minuten erfahren.

17. Juni, 9 Uhr: E-Mails checken. Eine Krankenkasse fragt: Tappt die Nation in die Schlaf-Falle? Es folgen Tipps, die Müdigkeit im Büro nach dem Fußballabend zu überwinden – durch Gymnastik zum Beispiel. Auf Ratgeberfotos sehe ich Menschen, die kopfüber in ihren Drehstühlen hängen beziehungsweise im Schneidersitz darauf hocken. Ich glaube, es würde mich weniger beunruhigen, wenn mein Tischnachbar einfach ein kleines Nickerchen einlegte.

18. Juni, 23 Uhr: Spanien ist aus dem Turnier ausgeschieden. Ob das Auswirkungen auf unseren geplanten Sommerurlaub in Andalusien hat? Auf jeden Fall werde ich mein weiß-rot-blaues Kleid zu Hause lassen – nicht, dass nachher noch jemand denkt, wir seien Chilenen.

19. Juni, 11 Uhr: Meine Kollegin sagt, dass sie Fußball nur mag, wenn der Ball wirklich schnell hin- und hergespielt wird und nicht ständig feststeckt. „Neulich gab es da mal ein echt gutes Spiel bei der WM.“ Wer gegen wen? „Keine Ahnung. Aber wirklich spannend, mit Toren.“ Es ist wichtig, Prioritäten zu setzen.

20. Juni, 8 Uhr: Vor dem Bäcker steht ein Riesenschlitten, über dessen Kühlerhaubenstern ein selbstgehäkeltes schwarz-rot-goldenes Häubchen gezogen wurde. Und ich dachte immer, diese Außenspiegelschoner wären seltsam.

21. Juni, 23 Uhr: Draußen vor der Tür knallen ein paar Silvesterböller. Aha, die Deutschen haben also gewonnen. Nein, klärt mich meine Familie auf. Unentschieden. Aber wenn die USA zum Beispiel Portugal schlägt und Portugal später Ghana ... Es ist ein Satz mit viel „Wenn“. Na, wenn’s denn hilft.

24. Juni, 20.30 Uhr: Der Tag war anstrengend und ich gehe mit einer Freundin zum Italiener, da mein Mann – wieder einmal – verhindert ist. Irgendwas mit Uruguay. Die Stimmung im Lokal ist ein wenig gedrückt. Der Kellner schaut uns an, als kämen wir von der Hygiene und der Koch hat eindeutig zu viel Salz an die Nudeln getan. Was ist hier bloß los?

26. Juni, noch 10 Stunden bis zum Anstoß: Jetzt fangen sie tatsächlich schon vormittags an, den Countdown zu zählen. Soll das jetzt etwa immer so gehen? Noch 360 Stunden bis zu den großen Ferien. 4444 bis Weihnachten. Und 16 392 bis zur EM 2016.

27. Juni: Die Vorrunde ist überstanden. War ja doch alles gar nicht so schlimm. Außerdem hat mir mein Liebster versprochen, dass wir zu meinem Geburtstag am 13. Juli richtig schick ausgehen. Wenn alles klappt zum Public Viewing.


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