WBO-Weltmeister im Cruisergewicht : „Hätte heute vieles anders gemacht“

Ralf Rocchigiani signierte bei seinem Treffen mit dem Nachwuchs des BSV Veritas Wittenberge auch diese Boxhandschuhe.
Ralf Rocchigiani signierte bei seinem Treffen mit dem Nachwuchs des BSV Veritas Wittenberge auch diese Boxhandschuhe.

Der ehemalige WBO-Weltmeister im Cruisergewicht, Ralf Rocchigiani, plaudert vor Wittenberger Nachwuchsboxern aus seinem Leben

svz.de von
10. Dezember 2013, 00:36 Uhr

Schmunzelnd sieht sich Ralf Rocchigiani, der die mittlerweile leicht ergrauten Haare mit einem roten Basecap versteckt, zusammen mit den Wittenberger Nachwuchsboxern Szenen aus seiner zweiten Titelverteidigungen gegen den US-Amerikaner Dan Ward auf Video an. Beruflich hatte der 50-Jährige in Wittenberge zu tun. Logisch, dass der hiesige Boxsportverein Veritas sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ und den ehemalige Box-Champion zu einer Gesprächsrunde ins Hotel „Alte Ölmühle“ Wittenberge einlud.

Ralf Rocchigiani war einst Box-Weltmeister der Profis und verdiente Millionen. 1995 hatte der ältere Bruder von Graciano „Rocky“ Rocchigiani in Manchester überraschend den WBO-Titel im Cruisergewicht gegen den Briten Carl Thompson geholt. Er war mit seinem ersten internationalen Titelgewinn nach Max Schmeling erst der zweite deutsche Boxer, der einen Weltmeistertitel im Ausland gewann. Seinen WM-Gürtel verteidigte „Ralle“ insgesamt sechsmal erfolgreich, ehe er 1997 den Rückkampf gegen Thompson verlor. 1999 beendete er dann seine aktive sportliche Karriere und arbeitete anschließend als Box-Trainer und TV-Kommentator.

Der sportliche Ruhm ist mittlerweile verblasst, das verdiente Geld längst weg. Und auf der Straße wird er nach eigenen Angaben immer seltener erkannt. „Ick arbeite jetzt uff`n Bau“, antwortet Ralf Rocchigiani im besten berlinerischen Dialekt auf die Frage, womit er denn heute seinen Lebensunterhalt verdiene. Der Berliner wirkt entspannt, auch wenn es in seinem Leben nicht so gelaufen ist, wie er sich das vorgestellt hatte. „Ich hätte heute sicher vieles anders gemacht“, so die Selbsteinschätzung des früheren Weltmeisters.

58 Kämpfe (42 Siege, davon 17 durch K.o.-, 9 Niederlagen, 7 Unentschieden) stehen in seiner Bilanz als Profiboxer. „Ich bin in meiner ganzen Karriere nur einmal zu Boden gegangen. Das war 1995, als ich Weltmeister geworden bin. Ick war der ,ES’, der Eisenschädel“, grinst Rocchigiani. Seinen 49. Profikampf am 10. Juni 1995 gegen den Engländer Carl Thompson um den WBO-Gürtel bezeichnete Rocky II, wie er als der ursprünglich weniger erfolgreiche der Rocchigiani-Brüder genannt wird, selbst als seinen besten Kampf. Nach Punkten im Rückstand, kassierte Ralf in der fünften Runde einen Volltreffer des Briten und musst in den Ringstaub. „Ich hab danach richtig auf ihn eingedroschen“, erinnert sich Rocchigiani. Zur zwölften Runde trat der Engländer dann nicht mehr an. Offiziell wegen ein Schulterverletzung.

Sechs Titelverteidigungen folgten. Alle mit Fritz Sdunek als Trainer in der Ringecke. Ausgerechnet Sdunek, ehemaliger Meistertrainer aus Schweriner Amateur-Glanzzeiten und ein Coach, der auf Disziplin setzt. „Ralf war eine wertvolle Lebenserfahrung. Vom Wesen her nach meinen Maßstäben als Profi unbrauchbar, hat er mir Toleranz beigebracht. Ein Typ, der Sachen schaffte, die er mit seinem körperlichen Zustand, seiner Berufsauffassung nicht hätte schaffen können“, sagte Fritz Sdunek einmal über seinen ehemaligen Schützling.

„Mit Fritz bin ick gleich klar gekommen“, der hatte sich in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen ja schon etwas an die Gegebenheiten im Westen gewöhnt“, erzählt Rocchigiani. Anders sieht das mit einem anderen Coach aus. „Uli Wegner mag ich privat sehr gern. Aber als Trainer? Nee. Wie der manchmal mit seinen Boxern umspringt geht ja gar nicht.“ Nach seinem Karriereende trainierte Ralf Rocchigiani seinen Bruder Graciano und kommentierte darüber hinaus Boxkämpfe im Pay-TV. Außerdem bewirtschaftete Rocchigiani seine Kneipe am Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg, die er 2007 aufgeben musste. Als Trainer hatte er unter anderem auch Thomas Ulrich unter seinen Fittichen. „Der hat mir den letzten Nerv geraubt. Bei dem wusste man nicht, ob der Kampf überhaupt stattfindet, obwohl er schon in der Halle war“, plaudert er aus dem Nähkästchen.


Dem Boxsport komplett den Rücken gekehrt


Während sein Bruder Graciano heute wieder als Trainer arbeitet, hat sich Ralf nach eigenen Angaben komplett aus dem Sport zurückgezogen. „Ich mach nüscht mehr“, sagt Rocky II, der als Elfjähriger mit dem Boxen angefangen und in seinen zehn Jahren als Amateur insgesamt 125 Kämpfe bestritten hatte. „Ich hab auch mal ein Turnier in Schwerin gewonnen. Von meinem damaligen Finalgegner hab ich aber nie wieder watt gehört. Der war wohl Kaderboxer und wurde nach der Niederlage gegen einen BRD-Boxer wohl aus dem Verkehr gezogen.“

Als Vorbild für den Nachwuchs dürfte Ralf Rocchigiani allerdings nicht in die Analen eingehen. „Der Trainingsfleißigste war ick nie. Später, als die Mädels dazu kamen, wurde das noch unwichtiger“, so der Berliner, der auch während seiner aktiven Laufbahn gern und oft zur Zigarette griff, über seine laxe Trainingseinstellung.

Ob er denn einen Tipp für den Boxnachwuchs parat hätte, wurde der Gast gefragt? „Sucht euch `ne andere Sportart“, grinst Rocky II. „Nee im Ernst: trainieren, trainieren, trainieren. Dann muss man auch Glück haben und einen Trainer, der dich nicht verheizt.“ Für die Wittenberger Nachwuchsboxer war der Abend mit dem prominenten Gast sicher ein Erlebnis. Erinnerungsfotos, signierte Boxhandschuhe und Autogrammkarten gab es gratis dazu.


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