zur Navigation springen

Fussball : „Eine bodenlose Frechheit“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Nach Spielabbruch in Demerthin: Schiedsrichter Thomas tritt zurück

Der Spielabbruch der Kreisoberliga-Partie zwischen dem SV Demerthin und dem Lindower SV schlägt weiter hohe Wellen. Nach dem Sportgerichtsurteil des Fußballkreises Prignitz/Ruppin (Fünf Jahre Sperre für SVD-Spieler Kevin Grund) und der Neuansetzung des Spiels hat Schiedsrichter Marcel Thomas seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Im Interview mit dem Internetportal FuPa Brandenburg mit Sven Bock kritisiert er das Verfahren und die Verantwortlichen scharf.


Herr Thomas, Ihr Rücktritt sorgt für viel Gesprächsstoff auf Facebook.
Marcel Thomas: Ja, es scheint auf Zuspruch zu stoßen. Wahrscheinlich liegt es auch daran, dass ich der Erste bin, der endlich mal den Mund aufmacht. Ich habe vorher in Niedersachsen gepfiffen. Aber was ich jetzt in den zwei Jahren im Fußballkreis Prignitz/Ruppin erlebt habe, geht auf keine Kuhhaut mehr. Was hier für handelnde Personen aktiv sind, ist mir unverständlich.
Was regt Sie konkret auf?
Mich regt die Art und Weise auf, wie nach dem Spielabbruch verfahren wurde. Ich als Schiedsrichter der Partie wurde nicht zum Sportgerichtsverfahren eingeladen, weder per Mail noch telefonisch. Während der Verhandlung soll aber behauptet worden sein, dass ich eingeladen sei. Das stimmt nicht. Auch von meinem Schiedsrichteransetzer gibt es bislang keinerlei Reaktion auf meinen Rücktritt.
Sie stört außerdem, dass das Spiel neu angesetzt wird.
Ja, es gehört schon einiges dazu, wenn ein Trainer von einem Spieler angegriffen wird und dieser für eine 20-minütige Spielunterbrechung sorgt. Laut Begründung des Sportgerichts, die mir leider nicht vorliegt, hätte das Spiel aber nicht abgebrochen werden dürfen, da es zuvor mindestens zwei Mal unterbrochen hätte sein müssen. Das ging in diesem Fall aber gar nicht, da der Abbruch in die Halbzeitpause fiel und zu dem Zeitpunkt die Partie ohnehin unterbrochen war. Außerdem hätte im meinem Sonderbericht nicht gestanden, dass wir als Gespann verängstigt gewesen seien wegen der Attacke des Spielers. Als Schiedsrichter habe ich in einem Sonderbericht aber keinerlei Wertung abzugeben und muss den Vorfall sachlich darstellen. Verängstigt wäre aber eine Wertung und gehört nicht in den Bericht.
Aus Ihrer Sicht dürfte die Partie also nicht wiederholt werden?
Nein, Demerthin wäre mit einem 0:1-Rückstand und zwei Spielern weniger in die Halbzeit gegangen. Mit dem Wiederholungsspiel werden sie dafür aber jetzt quasi noch belohnt. Dazu darf auch der bereits vorher vom Platz gestellte Spieler im nächsten Spiel wieder mitwirken.
Hatten Sie mit solchen Problemen vorher gerechnet?
Nein. Ich wusste zwar, dass Demerthin ein schwieriger Gegner sein kann. Auch Lindows Trainer Sebastian Ruthert ist kein Unschuldsengel, das gibt er auch selbst zu. Er war aber in diesem Spiel völlig ruhig und hat niemanden provoziert. Die Unruhe ging einzig und alleine vom Spieler Kevin Grund aus. Er hat ein totales Chaos verursacht. Deswegen will ich nicht wissen, was jetzt im Wiederholungsspiel passieren wird, wenn es nochmal angesetzt wird. Das hat die nächsthöhere Instanz zu entscheiden, da Lindow gegen das Urteil Einspruch eingelegt hat.
Wann fiel für Sie die Entscheidung zum Rücktritt?
Nach dem Urteil habe ich mich dazu entschieden. Wie hier mit den Schiedsrichtern umgegangen wird, ist ein Unding. Da braucht man sich auch nicht wundern, dass nichts nach kommt. In Prignitz/Ruppin sind offenbar schon sehr lange Zeit Menschen am Werk, die keine Ahnung davon haben und seit Ewigkeiten nur ihr Programm abspulen. Die älteren Kollegen machen ihren Mund nicht auf, weil sie ihre Ruhe haben wollen. Und die Förderung von jungen Unparteiischen ist miserabel. Ich habe mehrfach angeboten, in der Richtung etwas zu tun, weil das in Niedersachsen hervorragend lief. Aber es gab keine Reaktionen darauf.
Würden Sie heute wieder so entscheiden?
Jederzeit. Ich bin mir auch relativ sicher, dass ich beim Abbruch richtig entschieden habe. Wenn ein Spieler einen Trainer schlägt, würde ich meine Mannschaft nicht wieder auf den Platz zurückschicken. Schiedsrichter, Spieler und Trainer sind kein Freiwild. Ähnliche negative Entwicklungen gab es in vielen Kreisen in den letzten Jahren. Jeder denkt, dass er alles auf dem Platz machen kann. Was wir uns als Unparteiische da anhören müssen, geht gar nicht. Dazu verläuft auch danach die Diskussion zum Beispiel bei Facebook oft unter der Gürtellinie.
Fällt Ihnen der Rücktritt schwer?
Es ist schon schade, weil ich durch die Schiedsrichterei viel herumgekommen bin und es mir immer Spaß gemacht hat. Aber wenn ich jetzt weitergepfiffen hätte, könnte ich mir das noch monatelang anhören. Den Fall kennt inzwischen im Kreis und Land jeder. Ich lasse mich aber nicht zum Freiwild erklären. Für mich ist es ein Schritt nach vorne, da ich mich während des Verfahrens absichtlich zurückgehalten habe. Aber irgendwann ist Schluss. Anderen Schiedsrichtern geht es sicher nicht anders, die bislang aber immer die Klappe gehalten haben. Im Schiedsrichterwesen darf man so wenig wie möglich anecken, wenn man nach oben kommen will.

zur Startseite

von
erstellt am 20.Mai.2016 | 23:55 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen