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Fussball : „Der Vorbildwirkung bewusst sein“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Interview mit Siegfried Kirschen, dem Präsidenten des Fußball-Landesverbandes Brandenburg (FLB) / Teil I

von
erstellt am 19.Jan.2017 | 05:04 Uhr

Seit 1990 führt Siegfried Kirschen als Präsident den Fußball-Landesverband Brandenburg (FLB). Über den Jahreswechsel äußert er sich zu aktuellen Fußballthemen im Bund und im Land. Mit ihm sprach FLB-Mitarbeiterin Silke Wentingmann-Kovarik. Wir veröffentlichen das umfangreiche Interview in zwei Teilen.
Herr Präsident, das Jahr 2017 ist erst wenige Tage alt und die Geschehnisse im Jahr 2016 sind uns noch gut vor Augen. Woran denken Sie, wenn Sie auf die nationalen Ereignisse des vergangenen Jahres zurückblicken?
Siegfried Kirschen: In sportlicher Hinsicht natürlich an den Olympiasieg der deutschen Frauen-Mannschaft und der Freude, dass auch zwei Potsdamer Spielerinnen dabei waren. Aber auch die Silbermedaille der Männer war ein großartiges Ergebnis. Bei der EM in Frankreich konnten wir zwar nicht den angestrebten Titel holen, dennoch hat die Mannschaft nicht enttäuscht. Sportpolitisch stand das zurückliegende Jahr im Zeichen zweier DFB-Bundestage und der weiteren Aufarbeitung der
Vorkommnisse um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland. Es wäre schön, wenn dieses Kapitel bald und endgültig zu den Akten gelegt werden könnte. Doch dazu bedarf es, dass die Untersuchungen der Staatsanwaltschaften in der Schweiz und in Deutschland abgeschlossen werden und dass vor allem die Protagonisten von damals ihr Schweigen beenden.
Ein Stichwort, welches in diesem Zusammenhang immer häufiger fällt, ist Compliance. Ein Thema, welches auch für den FLB aktuell ist?
Selbstverständlich und ich meine es so, wie es dieses Wort aussagt. Denn unter Compliance verstehe ich tatsächlich Selbstverständlichkeiten in der Führung eines Verbandes wie auch jedes Unternehmens. Ich möchte dies an einigen Beispielen verdeutlichen. Die Auslosung der Spiele im AOK-Landespokal Brandenburg führen wir seit Beginn dieses Spieljahres live im Internet durch und gewährleisten damit eine uneingeschränkte Transparenz gegenüber unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr haben wir neue Finanzrichtlinien in Kraft gesetzt, außerdem wissen wir seit Jahren eine in Vereinsrechtsfragen erfahrene Steuer- und Anwaltskanzlei an unserer Seite. Ich halte diese Maßnahmen für alternativlos. Denn ob im Haupt- oder Ehrenamt: Wir müssen uns unserer Vorbildwirkung im Fußball bewusst sein, müssen Werte wie Respekt und Vertrauen, Fairness und Loyalität in unserer täglichen Arbeit mit Leben erfüllen, um als glaubwürdige Partner in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.
Dies sicher auch im Zusammenhang mit der Sicherstellung der Finanzierung des Verbandes. Die DFL hat beim Abschluss des neuen Grundlagenvertrages mit dem DFB auf die gestiegene Unterstützung des Amateurfußballs hingewiesen. Ein Segen auch für den FLB?
Wir sind auf die Zuschüsse des DFB angewiesen, um alle unsere Aufgaben und Verpflichtungen erfüllen zu können. In unserem Verband haben wir leider die Situation, dass wir keinen Lizenzverein im Spielbetrieb haben und uns deshalb die wesentliche Position, die die Landesverbände bei den Einnahmen haben, fehlt. Umso abhängiger sind wir von den Zuwendungen des DFB und des LSB sowie den Beiträgen unserer Partner und Sponsoren. Und nur durch diese finanzielle Unterstützung und unser eigenes Sparsamkeitsprinzip ist es uns gelungen, die Gebühren und Beiträge für unsere Vereine jahrelang auf einem sehr niedrigen Niveau stabil zu halten.
Sie sprachen es bereits an: Aktuell verfügt der FLB über keinen Bundesligisten im Verband. Ein Fakt, der auch auf die Ergebnisse der Landesauswahlmannschaften ausstrahlt?
Dieser Zusammenhang ist richtig, weil unsere Talente natürlich das Ziel vor Augen haben, nach der Juniorenzeit mindestens in der 3. Liga spielen zu wollen und deshalb uns schon frühzeitig die besten Spieler verlassen. Andererseits ist diese Tatsache keine Entschuldigung dafür, dass unsere Auswahlmannschaften bei den Turnieren im NOFV und beim DFB gerade im vergangenen Jahr so schlecht wie nie abgeschnitten haben. Ich habe deshalb in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt, die mich zu der Überzeugung geführt haben, dass wir die Strukturen unseres Verbundsystems noch besser nutzen müssen. Deshalb werden wir in diesem Jahr einigen Trainern, die mit ihren Mannschaften sehr gute Ergebnisse erzielen und deshalb auch die meisten Auswahlspieler haben, mehr Verantwortung auch für die Auswahlmannschaften übertragen.
Was für den FC Energie Cottbus eine Enttäuschung und für den SV Babelsberg 03 mittlerweile Normalität darstellt, erscheint für den FSV 63 Luckenwalde und den FSV Union Fürstenwalde fast schon als Sensation: die Regionalliga. Eine Einschätzung, die Sie teilen?
Unbedingt. Denn während in Cottbus nach wie vor unter Profi-Bedingungen gearbeitet wird und auch in Babelsberg professionelle Vereinsstrukturen existieren, ist es umso mehr zu würdigen, dass in Luckenwalde und Fürstenwalde ebenfalls Regionalliga-Fußball gespielt wird. Was in diesen beiden Vereinen und im Verbund mit den Städten geleistet wird, ist sensationell. Ich bin vor Weihnachten bei den Vereinen gewesen und bin optimistisch, dass beide den Klassenerhalt schaffen. Der FSV 63 Luckenwalde hat sehr unglücklich verloren und war keineswegs schlechter als der Gegner aus der Oberlausitz. Die Fürstenwalder haben gegen den BFC ein Riesenspiel gemacht. Ich übertreibe nicht, weil ich viele Regionalliga-Spiele gesehen habe, hätten sie diese Leistung in allen Spielen gebracht, würden sie ganz oben stehen. Für Energie Cottbus und für uns wünsche ich mir, dass die Aufstiegschance noch lange erhalten bleibt, auch wenn man es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen kann. Ein Kompliment möchte ich an dieser Stelle den Cottbuser Fans und Sponsoren machen, die auch nach dem Abstieg die Mannschaft toll unterstützen.


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