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Brendel der „König der Canadier“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Olympiasieger aus Potsdam hat bei den Kanu-Weltmeisterschaften in Moskau kräftig abgeräumt

von
erstellt am 11.Aug.2014 | 10:57 Uhr

Sebastian Brendel hockte wie ein begossener Pudel im Rettungsboot. Der 26-Jährige war zu ausgepumpt zum Jubeln. Wenige Augenblicke zuvor war der Canadier-Olympiasieger mit einem fulminanten Schlussspurt und Weltbestzeit zu seinem ersten WM-Titel auf einer olympischen Strecke gepaddelt, nach der Zieldurchfahrt aber völlig entkräftet ins Wasser gestürzt. Der Potsdamer konnte die Freude über seinen Triumph erst nach einigen Minuten auskosten.

„Nach dem Ziel hatte ich absolute Sauerstoffnot, da musste ich mich erst mal ins Wasser retten“, sagte Brendel nach seinem Parforceritt auf der Krylazkoje-Regattastrecke. Die Uhr stoppte nach 3:44,578 Minuten - so schnell war noch kein Canadier-Fahrer vor ihm gewesen. „Weltbestzeit, die wollte ich schon immer knacken“, sagte Brendel, bevor er mit einem mächtigen Satz aufs Siegerpodest sprang und vom deutschen Verbandspräsidenten Thomas Konietzko die Goldmedaille um den Hals gehängt bekam.

Die Zeremonie wiederholte sich einige Stunden später, als Brendel seinen Titel über die nicht-olympische 5000-m-Langstrecke erfolgreich verteidigte und sein zweites Gold an Land zog. Über die nicht-olympischen 500 m ließ er noch Silber folgen und avancierte damit endgültig zum „König der Canadier“. Brendel lauschte der Nationalhymne ebenso überglücklich wie Reiner Kießler. „Das war ein Rennen für die Geschichtsbücher“, sagte der Cheftrainer des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) über die packende 1000-m-Entscheidung.

Bis wenige Meter vor dem Ziel sah es nach einem Sieg des Brasilianers Isaquias Queiroz Dos Santos aus, ehe der in dieser Saison über den Kilometer noch ungeschlagene Brendel in unnachahmlicher Manier vorbeizog. Der Südamerikaner war dermaßen entkräftet, dass er kurz vor der Ziellinie kenterte und daher sogar aus der Wertung genommen wurde. „Es war ein super Rennen. Ich bin einfach nur gefahren, gefahren, gefahren und war nach dem Rennen noch nie so fertig wie heute. Mein erster WM-Titel über 1000 m - es ist einfach ein tolles Gefühl“, sagte Brendel und schickte einen Dank an seinen Trainer hinterher: „Ihm vertraue ich voll. Wir hatten vorher abgesprochen, wie ich fahren soll, und es ist voll aufgegangen.“

Während andere Leistungsträger in der erfolgsverwöhnten DKV-Flotte schwächelten, war auf Brendel wieder Verlass. Der Bundespolizist hatte schon die gesamte Saison über die 1000 m dominiert. Drei Weltcupsiege in drei Rennen und der Titel bei der Heim-EM in Brandenburg gab es zuvor. In der russischen Hauptstadt folgte die Krönung. „Mein Anspruch ist es immer, der Beste zu sein“, hatte Brendel vor dem ersten Start in Moskau erklärt.

Er hielt dem Druck stand. Dafür habe er lange und hart gearbeitet, betonte Brendel, der im Vorfeld der WM um mehr Aufmerksamkeit für den Kanusport geworben hatte. „Nach wie vor betreiben wir unseren Sport unter Ausschluss der Öffentlichkeit und bekommen nur alle vier Jahre, zu den Olympischen Spielen, angemessene Beachtung geschenkt“, hatte Brendel erklärt und mehr Wettkämpfe abseits der Großveranstaltungen gefordert: „Da reichen die Übertragungen von EM und WM nicht aus, um uns einem breiten Publikum präsentieren zu können. Hier muss sich unbedingt etwas am Weltcup-Programm ändern. Drei Weltcups in einem Jahr sind einfach viel zu wenig.“ Zudem kritisierte er auch die öffentlich-rechtlichen Sender, die keine Livebilder anboten. „Bei ARD oder ZDF haben wir es leider nicht ins Programm geschafft, ist ja auch nur eine WM“, schrieb er bei Facebook.

Trotz eines überragenden Brendel haben die deutschen Kanuten die Weltmeisterschaftenin Moskau mit dem schlechtesten Ergebnis seit der Wiedervereinigung beendet. Die erfolgsverwöhnte Flotte gewann in den zwölf olympischen Klassen nur eine Gold-, eine Silber- und eine Bronzemedaille. Sechs Medaillen und zwei Titel lautete die Zielsetzung des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV). „Wir haben die eigenen Erwartungen nicht erfüllt und viel Schatten und wenig Licht gesehen. Wir hatten gehofft, dass unsere Trümpfe stechen. Wir werden jetzt in aller Ruhe und ohne Hektik analysieren, wo Fehler gemacht worden sind“, sagte Thomas Konietzko nach dem enttäuschenden vierten Platz im Medaillenspiegel. In allen Wettbewerben verzeichnete der DKV zwei Gold-, fünf Silber- und eine Bronzemedaille. Neben den wichtigen olympischen Klassen holten die Europameister Ronald Rauhe/Tom Liebscher (Potsdam/Dresden) Silber im Kajak-Zweier über 200 m und Yul Oeltze/Ronald Verch (Magdeburg/Potsdam) Bronze im Canadier-Zweier über 1000 m. Bei der Heim-WM im vergangenen Jahr in Duisburg waren es noch 17 Medaillen (8-6-3) gewesen.

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