Sportgeschichte : Vom etwas schwierigen Umgang mit Rudolf Harbig

Rudolf Harbig
Rudolf Harbig

Vor 70 Jahren starb Deutschlands „Wunderläufer“ an der Ostfront / Eine Betrachtung von Eckhard Rosentreter

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05. März 2014, 06:00 Uhr

In Güstrow trug die frühere Kongresshalle seit 1959 den Namen des Dresdener „Wunderläufers“ Rudolf Harbig, bis sie nach der Wende den heutigen Namen „Sport- und Kongresshalle“ bekam. Jetzt, da Stadtvertreter Burkhard Bauer (Die Linke) ein Erinnern an den Traditionsnamen forderte, prallen die Kontroversen aufeinander. Vom „tadellosen Sportsmann“ bis zum „Nazisportler“ reichte die Palette der Wertungen über den Leichtathleten, der drei Weltrekorde (400m, 800m, 1000m) gleichzeitig inne hatte. Sicherlich sind pauschale Urteile schwierig zu fällen, wenngleich Fakten zu beachten sind. Fakten unterliegen aber auch Wertungen, und die fallen oft genug, je nach Blickwinkel, unterschiedlich aus. Was kann dran sein an verschiedenen Vorwürfen, die heute über Harbig kommen?

Rudolf Harbig war Mitglied der NSDAP, wie rund 11 Millionen Deutsche. Seine Mitgliedsnummer 5 878 331, ausgestellt am 1. Mai 1937, ist unbestritten. Anders als etwa Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (der seine Parteimitgliedschaft bestreitet) oder andere Prominente wie Schriftsteller Erich Loest (der „selbstverständlich“ drin war) kann Harbig sich dazu nicht mehr erklären.

Nicht mit einer Mitgliedskarte, aber auf Fotos nachgewiesen ist Harbig als SA-Sturmmann, der zweitniedrigste Rang dieser paramilitärischen Organisation, in die viele Leistungssportler im Dritten Reich eingebunden wurden.

Harbig wird in Literatur über seine zeitweise Braunschweiger Zeit als „hochdekorierter“ Oberfeldwebel bezeichnet. Auf einem Foto, das kurz vor seinem Tode aufgenommen worden sein muss, sind mehrere Abzeichen zu erkennen. Das Fallschirmschützenabzeichen, das keine Auszeichnung ist, sondern eine Qualifikation ausweist. Das Erdkampfabzeichen der Luftwaffe, das für „tapfere“ Teilnahme an mindestens drei Sturmangriffen oder Nahkampfhandlungen verliehen wurde. Das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse – das mit rund 6 Millionen Verleihungen zur Massenware verkam. Das Verwundetenabzeichen, das eher eine traurige „Auszeichnung“ darstellt. Tatsächlich „hoch dekoriert“ wurde Harbig erst nach seinem offiziellen Tod, postum mit dem Deutschen Kreuz in Gold, was offensichtlich auch aus propagandistischen Gründen erfolgte.

Unterstellt werden Harbig durch seinen Trainer Woldemar Gerschler antisemitische Äußerungen. Die Frage ist, von welchem authentischen Wert Gerschlers Darstellung sein kann, die der im Jahr 1939 – gewiss zum Wohlgefallen der Machthaber – machte.

Gerschler – noch so ein dunkler Fleck, der aus heutiger Sicht gerne auf Harbigs Sportdress projiziert wird. Der Trainer, unter dessen Regie Harbig die größten Leistungssprünge machte, war nach dem Krieg an dem für Dopingforschung berüchtigten Freiburger Institut tätig. Offenbar daraus und aus den Leistungen Harbigs, die heute mit Usain Bolts Vorsprung vor der Konkurrenz vergleichbar wären, speisen sich solch nebulöse Verdächtigungen. Kann das reichen, um Harbigs Leistungen – ähnlich wie die der 1954er-Fußballweltmeister – infrage zu stellen?

Für viele Sportler bleibt Rudolf Harbig ein großer, auf der Aschenbahn stets untadeliger Sportsmann, dessen größter Traum – fest „eingeplante“ Olympiasiege bei den durch den Krieg verhinderten Spielen 1940 in Helsinki – sich nicht erfüllte. Seit dem 5. März 1944 wird Harbig nach einem Gefecht in der Ukraine vermisst.

Mit seinem Erbe tut man sich schwer. Hier fand Harbig Aufnahme in die „Hall of Fame des deutschen Sports“ und gibt es mit seinem Namen den höchsten Ehrenpreis des Deutschen Leichtathletikverbandes. Dort fand seine Heimatstadt Dresden erst mit dem 100. Geburtstag (8.11.2013) wieder eine bescheidene Würdigung für einen ihrer größten Söhne des 20. Jahrhunderts – mit einem Stück Weg am Ostragehege. Beim dort beheimateten DSC hatte Harbig seine sportliche Heimstatt. Das neue Stadion auf dem Gelände der alten Ilgen-Kampfbahn, auf der Harbig einen seiner Weltrekorde lief und das die Dresdener immer noch neben der Bezeichnung „Dynamostadion“ auch als „Harbigstadion“ benennen, trägt, dem heute modern gewordenen Kommerz geschuldet, den Namen eines Energieversorgers.

Und Güstrow, mit seiner „Harbighalle“? Irgendein spezieller Bezug Harbigs zu Güstrow ist nicht bekannt. Er ist hier wohl nie gelaufen. Gleichwohl gibt es in Laage eine Harbigstraße, in Ribnitz-Damgarten eine Harbigschule, in Fürstenwalde ein Harbigstadion… Der Kultur- und Sportausschuss der Stadt macht nun einen Vorschlag: Der Name „Sport- und Kongresshalle“ soll bleiben, in der Halle jedoch eine Tafel angebracht werden, mit der auf Rudolf Harbig als früheren Namensgeber verwiesen wird. „Damit wäre ich vollkommen zufrieden“, sagt Burkhard Bauer.

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