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Extremsport : Die persönliche Grenzen verschoben

vom
Aus der Redaktion des Güstrower Anzeiger

Der Zapkendorfer Jens Weise berichtet vom 2. „Getting Tough Race“, dem vermutlich härtesten Extrem-Hindernislauf in Deutschland

Es war noch bevor der Winter richtig einbrach, und doch hielt auch das Wetter, was es für einen Extrem-Wettkampf versprechen muss. In seiner alten Heimat, dem thüringischen Rudolstadt, stellte sich der Zapkendorfer Jens Weise, im normalen Leben Leiter der Versicherungsabteilung bei der VR-Bank in Güstrow, auf das härteste Rennen seines Lebens ein. Begleitet wurde er von dem ebenfalls 49-jährigen Dachdecker Gert Plump aus Kossow. Seit knapp zehn Jahren läuft Weise, weil er sich an seinem 40. vorgenommen hatte, sportlicher zu leben. Etwas mit Laufen sollte es sein, nicht unbedingt in einem Verein, aber auch einige Highlights habe er mitnehmen wollen. So stieß er, weil in seiner Heimatstadt ausgetragen, auf „Gettingtouch – The Race“, was die Veranstalter als „härtestes Hindernisrennen Kontinentaleuropas“ anpriesen. 23 Kilometer seien zu bewältigen, annähernd 900 Höhenmeter auszugleichen, und es wartete natürlich eine Vielzahl Hindernisse, was die Extremsportler „an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Leistungsfähigkeit“ bringen werde. So die gedruckte Ankündigung. Jens Weise schildert, was und wie das Duo aus Zapkendorf und Kossow den Tag in Rudolstadt erlebte:

 

Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und leichtem Schneefall gingen über 1200 Sportler an den Start. Lediglich 800 von ihnen, dies vorausgeschickt, würden das Ziel erreichten. Über 400 Sportler gaben entkräftet, unterkühlt oder verletzt auf. Die 23 Kilometer lange und mit über 100 natürlichen und künstlichen Hindernissen präparierte Strecke war teilweise extrem steil. Wir zwei Sportler aus dem Landkreis Rostock hatten uns in den letzten vier Monaten durch intensives Training auf solch einen extremen Cross-Hindernislauf gut eingestellt. Denn ohne eine gute Vorbereitung ist solch ein Rennen nicht zu absolvieren und birgt hohe gesundheitliche Risiken. Aber einmal so ein hartes Rennen zu finishen war unser Ziel. Und das Einzige, was uns für eine noch bessere Vorbereitung gefehlt hatte, war das Bergtraining. Doch nach fast fünf Stunden gab es mit dem Zieleinlauf den Lohn für die vielen harten Trainingseinheiten der letzten Wochen. Mit einer Zeit von 3:55 h waren Gert Plump und auch ich mit 3:58 im Ziel unseres bisher anspruchsvollsten Rennens und um eine sportliche Herausforderung reicher. Dafür musste jeder von uns an seine physischen und psychischen Leistungsgrenzen gehen und eine Tortur von körperlichen Anstrengungen, ausgesetzt der Kälte, Wasser und Dreck, auf sich nehmen.

Schon nach dem Start und Europas größtem Kriechhindernis wurde man beim Überqueren von zwei Wassergräben mit 1,80 Tiefe das erste Mal völlig nass und schlammig. Teamarbeit war hier angesagt, um da wieder raus zu kommen. Spätestens nach der Querung der Saale wusste man, wie kalt Wasser sein kann! Danach ging es über stetige und teilweise sehr steile Anstiege von bis zu 32 Prozent auf den Kulmberg, wobei uns zwischendurch noch zu tragende Autoreifen auf neue Art das Gehen lehrten. Wenigsten wurde man davon wieder etwas wärmer… Doch die nasse Kleidung und die Außentemperaturen kühlten alles auch schnell wieder herunter. Bergab lauerte dann permanent Rutsch- und Stolper-Gefahr auf dem matschigen und teilweise vereisten Untergrund. Da hieß es hellwach zu sein um keine Verletzung zu riskieren!


Die ersten 18 Kilometer waren erst der Auftakt


Wer nun dachte, nach einem an sich schon extremen Berglauf von 18 km und nur noch schlappen 5 km bis ins Ziel sei das Rennen so gut wie gelaufen, der hatte sich mächtig getäuscht! Die Tortur ging mit einer massiven Ansammlung von Hindernis-Parcours und Wasser-Passagen noch über zwei Stunden weiter. Nach dem Durchwaten eines 150 Meter langen, verschlammten Wassergrabens wurde auf einer alten Sturmbahn gekrochen, gesprungen und gehangelt. Die Beine wurden immer härter, und erste Krämpfe in Waden und Oberschenkel stellten sich spätestens hier ein.

Dann erst aber kam der ultimative Scharfrichter des Rennens: ein Freibad mit Tauch- und Wasserhindernissen. Hier, so kurz vor dem Ziel, stiegen sehr viele Teilnehmer wegen Entkräftung und Unterkühlung aus. Auch für uns war das eine Erfahrung, die wir nicht so schnell noch einmal machen möchten! Wir hatten ebenfalls Mühe, uns für das letzte Viertel des Rennens und das große Finale zu motivieren. Es gelang, aber zum Glück wusste ich da noch nicht, was noch auf mich und meinen Mitstreiter Gert zukommen würde.

Das Ziel vor Augen und keine 1000 Meter mehr – und nochmals, weil es so „schön“ war, ein Abstecher in die Saale. Und alles was vorher war, war nur der Auftakt zu der vor uns stehenden massiven Ansammlung von Hindernissen! Ein Parcours der Extraklasse, der sich Runde um Runde dem Ziel näherte. Woher jetzt noch die Motivation und vor allem die Kraft für solch eine Anstrengung nehmen? Ob Kriechtunnel, Betonelemente, Holzwände, Langholztransporter, Panzer, Wasserhindernisse, Reifenstapel oder 6 Meter hohe Holzpyramiden, die es zu überwinden galt – jedes einzelne Hindernis konnte jetzt das Aus bedeuten. Doch tausende Zuschauer feuerten uns Wettkämpfer begeistert an, halfen auf den letzten Metern den völlig entkräfteten Sportlern über die Hindernisse. Eine wunderbare Kulisse, wie man sie bei heutigen Sportveranstaltungen nur noch selten erlebt.

Und dann war es da, das ersehnte Ziel und das Ende des härtesten Rennens, was Gert Plump und ich in unserem Sportlerleben bisher erlebt haben. Total durchnässt, dreckig, entkräftet, mit zittrigen Händen und etlichen Blessuren, aber glücklich über unser Durchhaltevermögen. Nur noch ein Weg war jetzt zu bewältigen – der zu den heißen Duschen…

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