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Fußball : Friedel schaut seit sechs Jahrzehnten zu

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Aus der Redaktion der Gadebusch-Rehnaer Zeitung

Gadebuscher Siegfried Schlien schaut seit 1952 Fußball von der Tribüne und erfreut sich am Spiel mit dem runden Leder in Gadebusch

Lässig die Hände über das weiße, zum Teil mit einigen Rostflecken besetzte Geländer legend, mit den Augen jede Bewegung der Fußballer auf dem Rasen verfolgend, sitzt Siegfried Schlien auf der alten Holzbank. Es ist sein Stammplatz etwas erhöht am Waldrand des Gadebuscher Stadtwaldes. Von der Stelle aus hat er einen guten Überblick auf den Sportplatz und ist von den Bäumen etwas geschützt. Denn mit 77 Jahren fällt der etwa 100 Meter lange Gang bergauf zu seinem Stammplatz von Monat zu Monat schwerer. Manchmal geht es gar nicht mehr. Dann, wenn die Kälte die Knochen nicht mehr in Schwung kommen lässt.

Seit mehr als 60 Jahren kommt „Friedel“, unter diesem Namen kennen ihn selbst die Nachwuchsfußballer, auf dem Jahn-Sportplatz. Er schaut, ob sich die jungen Kicker unten auf dem Rasen Mühe geben oder nicht. „Fußball ist ein Teamsport, manchmal glaube ich allerdings, hier will sich einer alleine beweisen. So funktioniert das dann nicht“, sagt das Gadebuscher Fußball-Urgestein, das niemals ernsthaft selbst auf Torejagd gegangen ist. „Wir haben früher zwar auch Fußball gespielt, aber dann sind wir in ein anderes Dorf mit dem Fahrrad gefahren. Jeder durfte eine Strecke mit dem Fahrrad fahren, die anderen sind zu Fuß gegangen“, erinnert sich „Friedel“ Schlien noch genau an die 1950er-Jahre. Erst 1958 kamen er und seine Familie, wozu auch sein Zwillingsbruder Dietrich gehört, aus der Nähe von Crivitz nach Gadebusch. „Ich habe mir damals ab 1952 immer Crivitz angeschaut. Zusammen mit meinem Bruder“, sagt der 77-Jährige. In Gadebusch war das nicht mehr möglich, doch zufällig spielen sowohl Einheit Gadebusch (später TSG) als auch Crivitz in einer Liga. „Da habe ich mich erkundigt, wann das los geht und dann bin ich hingegangen“, weiß der Gadebuscher noch genau.

Diese Leidenschaft hat ihn bis heute nicht losgelassen. „Mein Bruder und ich kommen gerne hierher. Ich bin froh, wenn ich dem Verein mein Eintrittsgeld geben kann, denn die brauchen es für viele Sachen“, sagt der Gadebuscher Edelfan. Wieviel Eintrittsgeld er in der Zeit ausgegeben hat oder wieviele Spiele er gesehen hat, weiß er nicht mehr. „Aber es sind beides wohl einige tausend“, vermutet „Friedel“ Schlien. Lässt es die Gesundheit zu, ist er auch schon am Freitagabend auf dem Sportplatz. Dann spielen die Alten Herren. Einige kennt er schon mehr als 40 Jahre lang. „Mein Bruder schaut sich immer nur die erste Mannschaft an. Ich komme auch schon mal zum Nachwuchs“, sagt Schlien.

Dabei läuft das Ritual immer gleich ab. Nachdem das Fahrrad weggestellt und der Eintritt bezahlt ist, gibt es einen Kaffee in der Sportlerklause. Dann gehts hoch zu seinem Platz. „Früher habe ich auch in der Halbzeit einen Kaffee getrunken, aber das schaffe ich heute nicht mehr“, sagt der Gadebuscher. Dafür braucht er seinen Kaffee und die Bockwurst nach dem Spiel gar nicht mehr bestellen. Die hat Kneiper Günther Manegold schon fertig auf dem Teller. „Die Leute schauen mich dann immer verdutzt an, wenn ich reinkomme und sofort alles bekomme. Aber so ist das nunmal“, erzählt „Friedel“ lachend. Nur eines macht der Fußballfan nie: „Ich trinke kein Bier auf dem Sportplatz. Das ist Sport und für mich passt das nicht zusammen. Auch wenn ich nur zuschaue“, sagt der 77-Jährige und geht mit gutem Beispiel voran.

Die meisten Gadebuscher Fußballer wissen, dass sie einen treuen Fan haben, und bedankten sich auch schon für die Unterstützung von den Rängen. Ein Trikot mit allen Unterschriften einer früheren TSG-Mannschaft sowie ein gemeinsames Bild zieren die Wohnzimmerwand des Rentners, der in der Zeit als junger Mann aber auch sehr emotional werden konnte und fast schon aus der Anlage geworfen worden wäre. „Ein Schiedsrichter wollte mir mal eine Rote Karte geben, weil ich auf den Platz gelaufen bin. Das ist zwar schon ein paar Jahrzehnte her, aber ich kann mich noch gut daran erinnern“, erzählt Schlien, der sich schon auf die neue Halbserie freut. „Ende März geht es wieder los. Ich hoffe, dass ich dann wieder etwas besser laufen kann. Im Moment geht es nicht.“ Doch dann will der 77-Jährige auf jeden Fall wieder dabei sein und „seiner“ TSG die Daumen drücken.

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erstellt am 28.Jan.2014 | 00:33 Uhr

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