Handball : Eine klebrige Angelegenheit

dsc_7073
1 von 3

Handballer schwören auf Haftmittel, um das Spiel schneller und attraktiver zu machen – stoßen aber nicht überall auf Gegenliebe

23-43472080_23-66108349_1416395191.JPG von
13. Februar 2020, 05:00 Uhr

Rollt der Ball beim Training der Schweriner Grün-Weiß-Handballerinnen auf dem Boden der Reiferbahnhalle entlang, kommt er meist nicht weit. Das mit „Backe“ übersäte Spielgerät bleibt im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden kleben. Der Grund ist ein Haftmittel, das in kleinen Töpfen am Seitenrand steht. Dort greifen die Spielerinnen rein und schmieren sich die Hände und den Ball mit einem Kunstharz ein. Bei Spielen stehen diese Töpfe immer in unmittelbarer Nähe der Auswechselbank. Ohne Haftmittel geht meist nicht viel, es gehört für Ball und Hände bei den Erwachsenen einfach dazu. „Haftmittel macht das Spiel schneller und genauer“, sagt Grün-Weiß-Spielerin Vivien Erdmann. Sie kann zwar auch ohne „Backe“ Tore werfen, verzichten möchte die Rückraumspielerin darauf aber nicht. Die ehemalige Bützower Spielmacherin Julia Kretschmer oder aber auch Außen Lea Schmidtke haben zudem mit kleinen Händen „zu kämpfen“. Da ist die klebrige Masse aus dem Topf ein beliebtes Hilfsmittel. Mit genügend Haftmittel können Handballer gar die Schwerkraft austricksen, bleibt der Ball doch an der Handinnenfläche kleben, ohne ihn wirklich festzuhalten.

Dass beim Handball überhaupt ein Haftmittel zum Einsatz kommen darf, ist in den internationalen Handballregeln festgelegt. Regel 4.9 besagt dort: Harz ist erlaubt. Der Deutsche Handballbund (DHB) hätte das Recht, diese Regelung einzuschränken, tut das aber nicht. So kommt das Haftmittel in den ersten drei Ligen Deutschlands praktisch immer zum Einsatz. Darunter – also ab der Oberliga – wird es dagegen etwas komplizierter. Dort können die Landesverbände ein generelles Haftmittelverbot aussprechen. Der Hamburger Verband hat das für seinen Spielbetrieb zum Beispiel gemacht. Der Handballverband Mecklenburg-Vorpommerns dagegen nicht. In MV wird von Halle zu Halle und von Kommune zu Kommune entschieden, ob mit oder ohne Harz gespielt werden darf.

Die Stadt Bützow hat mit der Wilhelm-Schröder Sporthalle für den TSV Bützow ihre größte Halle für Haftmittel freigegeben, in Schwaan herrscht für die Beke-Sporthalle eine Ausnahmeregelung. „Immer montags in aller früh kommt eine Reinigungsfirma und putzt den Hallenboden“, erklärt Pressewart Jörg Ullrich. Das kostet den Verein, insbesondere die erste Männermannschaft, eine Menge Geld. „2500 bis 3500 Euro kommen dabei jährlich zusammen“, erklärt Ullrich. Doch die wöchentliche Grundreinigung allein reicht nicht. Immer nach dem Training oder nach den Spielen legen auch die Spieler selbst noch einmal Hand an. Mit einer von der Stadt gestellten Putzmaschine sowie Sprühflaschen, Spachteln und Lappen geht es dem Haftmittel an den Kragen. „Das ist natürlich ziemlich aufwendig und zeitintensiv“, sagt Jörg Ullrich. Je nachdem, wie viele Spieler helfen und je nachdem, wie verdreckt der Boden ist, dauert die individuelle Reinigung zwischen 30 bis 60 Minuten. Doch nur so bekommt der Schwaaner SV die Erlaubnis, die Beke-Sporthalle mit „Backe“ zu bespielen.

Das heutige Haftmittel ist ein Kunstharz und lässt sich etwas besser von Kleidung und Böden entfernen, als sein Vorgänger. Noch Mitte der 90er haben die Handballer Natur-Harz an Finger und Spielgerät geschmiert. Mit speziellen Harzentfernern und Maschinen lassen sich die Böden heutzutage ordentlich reinigen, wenn auch zeitintensiv. Für die Hände der Spielerinnen und Spieler liegt immer etwas Babyöl parat, so lässt sich das Haftmittel leicht entfernen.

Die Grün-Weiß-Damen dürfen sich in zahlreichen Fällen auswärts gar kein Haftmittel an die Hände schmieren. In der Ostsee-Spree-Oberliga bekommen es die Schwerinerinnen mit Mannschaften aus Brandenburg und Berlin zu tun. Vor allem in der Bundeshauptstadt verbieten die Hausordnungen der Hallen den geliebten „Kleber“. „Wenn wir dort ohne Backe spielen, greift man sich dennoch intuitiv an den Fuß“, sagt Vivien Erdmann. Denn normalerweise kleben sich einige Spieler einen Tape-Streifen an den Schuh und packen darauf ein wenig Haftmittel. So haben sie zu jeder Zeit und jeder Gelegenheit ein kleines Depot parat. In Berlin entfällt das allerdings, Spiele dort sind für die Grün-Weiß-Damen immer ungewohnt und schwer zu gewinnen. Anders herum gilt das auch für die Mannschaften aus der Bundeshauptstadt, die dann in Schwerin erstmals mit Haftmittel spielen und sich daran erst gewöhnen müssen.

Immer wieder wurde übrigens in den vergangenen Jahren über ein generelles Harz-Verbot auf allen Ebenen von der Weltmeisterschaft bis zur Kreisliga diskutiert. Getan hat sich bislang nichts. Versuche mit selbsthaftenden Bällen oder aber Klebe-Spray sind gescheitert beziehungsweise kamen bei Spielerinnen und Spielern nicht sonderlich an. Aus gutem Grund, ist doch Harz für so ziemlich jeden erwachsenen Spieler ein wenig wie der Himmel auf Handballer-Erden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen