Nach Bundesliga-Abstieg : "Ich bin müde" – die Gefühlswelt eines HSV-Fans

<p>Der HSV ist nach 55 Jahren abgestiegen. </p>

Der HSV ist nach 55 Jahren abgestiegen.

Es wirklich passiert, der HSV ist abgestiegen – ein "Abschiedsbrief" eines müden Fans.

svz.de von
12. Mai 2018, 20:08 Uhr

Hamburg | Mein liebster HSV,

nun ist es soweit: du – beziehungsweise wir – sind abgestiegen. Zum ersten Mal in der Bundesliga-Geschichte. Natürlich bin ich traurig, natürlich hätte ich es mir anders gewünscht. Aber sind wir mal ehrlich: es wurde Zeit. Die vergangenen fünf Jahre haben Nerven, Geduld und unglaublich viel Kraft gekostet. Mein Akku als 31-Jähriger HSV-Fan ist fast leer, ich bin müde. Bitte verstehe mich nicht falsch. Ich werde dich weiterhin lieben, auch in der 2. Bundesliga. Aber unsere Beziehung ist einseitig geworden. Ich verfolge jedes deiner Spiele, ich leide mit dir. Aber in dieser Saison kam ein Gefühl auf, das ich so nicht vorher mit dir in Verbindung bringen konnte, ja nicht wollte: Resignation.

"Ich habe Pleiten einfach hingenommen, völlig emotionslos"

Nach einer Niederlage, wie die Heimpleite gegen Köln, trank ich nach dem Abpfiff mein Bier aus, klärte mit meinen befreundeten HSV-Fans die weiteren Pläne des Abends, setzte mich in die Bahn und war gedanklich schon nicht mehr beim Bundesliga-Dino. Ich erwischte mich, wie mich diese Erkenntnis überraschte. Was war los mit mir? In den Spielzeiten zuvor hätte mich eine solche folgenschwere Niederlage noch das ganze Wochenende beschäftigt. Aber in dieser Saison: Niederlage zur Kenntnis genommen, weitermachen. Ich habe Pleite um Pleite einfach hingenommen, völlig emotionslos. Es war ja abzusehen.

 

Der Glaube fehlte. Jedes Mal, wenn dein "Großvater" Klaus-Michael Kühne dir Geld zugesteckt hatte, wurdest du ganz nervös und hast es für Spieler wie Walace oder Halilovic rausgeworfen. Und das sind nur die jüngsten Fehlgriffe. Du kannst nicht mit Geld umgehen, du hast offensichtlich eine ganz, ganz miese Scouting-Abteilung. Während unsere (jetzt ehemaligen) Bundesliga-Mitstreiter komplett unbekannte Spieler ausgraben und diese zu Spitzenleistungen formen, kaufst du in der Regel schlechte Duplikate von ehemals namhaften Spielern. Da stirbt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Das tut weh.

Jedes Mal, wenn ich neue Leute kennenlerne, kommt irgendwann das Thema Fußball auf den Tisch. Auf die Feststellung „ich bin HSV-Fan“ folgt in der Regel ein betretenes Schweigen. Ein ungläubiger Blick, ein kleines Schmunzeln gefolgt von einem mitleidigen „oh“ sind die Reaktionen. Ich habe keine Lust mehr auf Mitleid. Ich bin es schlichtweg leid. Das Problem: Die Leute haben recht. Uns HSV-Fans kann man nur bemitleiden. Das ist nicht unsere Schuld, die liegt ohne Wenn und Aber bei dir. Ich spreche nicht vom letzten Auftritt gegen Borussia Mönchengladbach, die Leistung war klasse. Viel mehr spreche ich von den vergangenen Jahren.

Ich wurde quasi zum HSV-Fan erzogen, geboren. Sowas sucht man sich nicht aus. Durch Rucksack-Affären, Kühne-Angriffe und das jährliche „Wie-hoch-verliert-der-HSV-dieses-Mal-bei-den-Bayern“-Gespräch hast du dich zum Clown der Bundesliga gemacht. Jeder durfte lachen, jeder durfte meinen geliebten HSV aufs Korn nehmen – völlig zurecht. Genau deshalb wurde es Zeit, dass wir absteigen. 

Kim Patrick von Harling

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