Korruption bei der Fifa : Der Selbstbedienungsladen

Ex-Präsidenten Joseph Blatter und Ex-Generalsekretär Jerome Valcke
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Ex-Präsidenten Joseph Blatter und Ex-Generalsekretär Jerome Valcke

Korruption und kein Ende: Der von Skandalen erschütterte Fußball-Weltverband Fifa ist in die Offensive gegangen und wirft seinem Ex-Präsidenten Joseph Blatter und Ex-Generalsekretär Jerome Valcke. Bereicherung im großen Stil vor.

svz.de von
03. Juni 2016, 20:00 Uhr

WM-Bonuszahlungen in astronomischer Höhe, saftige Gehaltserhöhungen und rechtswidrige Vertragsabschlüsse: Ein Funktionärs-Trio um den ehemaligen „Alleinherrscher“ Joseph Blatter hat sich bei der Fifa offenbar wie in einem Selbstbedienungsladen um mehr als 79 Millionen Schweizer Franken (rund 71,3 Millionen Euro) bereichert. Das gab der Fußball-Weltverband nach einer internen Untersuchung gestern bekannt.

Der skandalumwitterte Schweizer, der entlassene Generalsekretär Jerome Valcke (Frankreich) und der erst kürzlich gefeuerte Finanzchef Markus Kattner (Bayreuth): Einen Tag nachdem Schweizer Ermittler erneut zu einer Razzia in die Fifa-Zentrale auf dem Zürichberg eingerückt waren, stellte die Fifa das Trio an den Pranger. Dabei stellten die bekannt gewordenen Summen und Vorgehensweisen alle bisher schon schockierenden Korruptionsvorgänge in den Schatten. „Die Beweise offenbaren abgestimmte Bemühungen von drei früheren Fifa-Spitzenfunktionären, sich durch jährliche Gehaltserhöhungen, Bonuszahlungen für WM-Turniere und andere Prämien oder Gratifikationen in Höhe von 79 Millionen Schweizer Franken selbst zu bereichern – und das nur in den fünf vergangenen Jahren“, erklärte Fifa-Anwalt Bill Burck von der seit dem Vorjahr im Verbandsauftrag intern ermittelnden US-Kanzlei Quinn Emanuel zu den vorgelegten Verträgen und Vertragszusätzen. Demnach handelten Blatter, der im Herbst 2015 gesperrt und im Februar von Landsmann Gianni Infantino als Fifa-Boss abgelöst wurde, und seine beiden Claqueure mit unvorstellbarer Gier, machten sich insbesondere über WM-Boni die Taschen voll. Für die mit Milliarden-Gewinnen durchgeführten Endrunden 2010 in Südafrika und 2014 in Brasilien genehmigten sich die Herren gegenseitig für Blatter 20,7 Milionen Euro, für Valcke 17,1 Millionen, für Kattner noch 6,3 Millionen Euro.

Fifa-Chef Infantino darf nicht ins IOC
Blatters Nachfolger als Fifa-Präsident, Gianni Infantino, muss sich nach nicht einmal 100 Tagen im Amt schon Vorwürfen wegen angeblich unsauberer Amtsführung erwehren. Dafür erhielt der Schweizer gestern vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine sportpolitische Ohrfeige. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten wurde Infantino wie auch Sebastian Coe, der Präsident des ebenfalls tief in Skandale verstrickten Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, von der IOC-Exekutive nicht für die Aufnahme in das IOC vorgeschlagen. Blatter hatte über viele Jahre dem IOC angehört und erst im Zuge der Korruptionsvorwürfe seinen Sitz abgegeben.

Den Gipfel der Unverschämtheit indes erlaubte sich – beinahe erwartungsgemäß – Blatter persönlich: Ganze drei Tage nach der Verhaftung der ersten Fifa-Vorstandskollegen bei der Razzia in einem Züricher Hotel und nicht einmal 24 Stunden nach seiner Wiederwahl gönnte er sich eine Erhöhung seines Bruttogrundgehaltes von 1,8 auf 2,7 Millionen Euro. Die Polizei war dabei buchstäblich noch fast im Haus, drei Tage später kündigte Blatter seinen baldigen Rücktritt an. Doch auch Valcke und Kattner kamen nicht zu kurz: Blatter verlängerte 2011 angesichts seiner zunächst nicht sicheren Wiederwahl die Verträge seiner Vasallen quasi per Dekret gleich um acht Jahre bis 2019 – inklusive voller Bezüge und Bonuszahlungen bei vorzeitiger Beendigung ihrer Tätigkeiten sowie Übernahme sämtlicher Anwalts- und Rechtsfolgekosten für den Fall von Schadenersatzforderungen.

Durch die Enthüllungen erscheinen auch die Turbulenzen bei der Fifa der vergangenen Wochen weitgehend in einem neuen Licht. Kattners Entlassung dürfte in direktem Zusammenhang mit den aufgefundenen Vertragswerken stehen. Ob er vor seiner Entlassung durch angeblich massive Vorwürfe gegen Infantino letztlich nur die Aufdeckung der Machenschaften verhindern wollte, ist unklar, aber denkbar. Dennoch bleiben Fragezeichen – auch hinter Infantinos Amtsführung. Manche Attacke gegen ihn könnte sich noch als eine Intrige des abgewickelten Blatter-Clans erweisen, andererseits haben Gerüchte über Infantinos Gehaltsforderungen und seinen Einfluss auf den Rücktritt des Fifa-Chefaufsehers Domenico Scala vor Monatsfrist für erste Kratzer am Lack des selbsternannten Erneuerers gesorgt.

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