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Hansa Rostock-Boss am Telefon : Neue Schulden bedrohen die Existenz

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Hansa-Vorstands-Chef Chris Müller beantwortet Leserfragen und kündigt harte Einschnitte an – noch härtere als vorher: „Dieser Schritt ist unvermeidbar“

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erstellt am 13.Okt.2015 | 19:20 Uhr

90 Minuten lang hat Rostocks Finanzsenator Chris Müller, kommissarischer Vorstandsvorsitzender  des FC Hansa, gestern während seines Besuchs  bei den Norddeutschen Neuesten Nachrichten Fragen der Lesrinnen und Leser rund um den FC Hansa beantwortet. 

Der amtierende Vorstand hat drei Arbeitsblöcke definiert. Welche sind das?

Erstens: Der Verein drohte ohne Vorstand dazustehen, als Herr Dahlmann zurücktrat. Die beiden anderen bisherigen Vorstandsmitglieder waren von  den Ereignissen auch nicht unberührt geblieben und standen nur noch für wenige Tage zur Verfügung. Und wäre nur noch ein Mitglied aus dem Aufsichtsrat zurückgetreten, wäre er nicht mehr beschlussfähig gewesen. Es drohte das Szenario, dass Hansa auf einmal ohne Führung dasteht. Das wäre eine Katastrophe gewesen. Wir haben  es mit dem  neuen Vorstand mit einer Reihe von Prüfaufträgen, einer Mitarbeiterversammlung und vielen Einzelgesprächen erst mal gut hingekriegt, dass das Tagesgeschäft läuft.  Das Zweite sind die Altverbindlichkeiten aus der Stadionfinanzierung. Die Stadionbelastung für die 3. Liga ist einfach zu groß. Es ist unsere Aufgabe, das, was mit Investor Rolf Elgeti begonnen wurde, weiterzuverhandeln mit dem Ziel, möglichst viele Schulden über Bord zu werfen, um eine Zukunftsperspektive zu haben. Der dritte Block  – und der hat mich zugegebenermaßen etwas überrascht, weil ich ja auch nicht nah genug dran war und die Bücher nicht kannte – sind die laufenden Defizite. Das heißt, wir haben eine Deckungslücke ertragsmäßig von dreieinhalb Millionen Euro zum Sommer nächsten Jahres. Wir produzieren also neue Schulden, und das bedroht die Existenz des Vereins mindestens genauso.

Was wird dagegen getan?

Wir sind dabei, ein Sparkonzept bzw. einen Businessplan zu entwickeln im personellen, organisatorischen und sachlichen Bereich, wie muss der Verein aufgestellt sein, damit er überlebensfähig ist. Es wird da von uns Vorschläge geben für harte Einschnitte, denn wir müssen anders als in den vergangenen Jahren die eigenen Hausaufgaben machen. Man kann nicht immer darauf hoffen, dass von außen einer kommt und sagt, ich helfe dir, sondern wir müssen mal einen Eigenbeitrag leisten, um den Verein wieder auf gesunde Füße zu stellen. Das wird weh tun, das wird man gut kommunizieren müssen, dafür wird man viel Konsens brauchen, dass das notwendig ist, und man wird einen absolut langen Atem haben müssen, um das umzusetzen. Diesen Weg muss der FC Hansa einschlagen, denn wenn wir nichts ändern werden, produzieren wir neue Schulden. Wir haben liquiditätsmäßig durch den Vier-Millionen-Euro-Kredit mit Herrn Elgeti kein Problem. Der trägt uns sozusagen durch dieses und durchs nächste Jahr. Aber wir verbrauchen Eigenkapital. Trotz der höheren Zuschauerzahlen sind die Erträge nach jetzigem Erkenntnisstand dreieinhalb Millionen Euro niedriger als die Aufwendungen, die wir machen.

Ist die Geschäftsstelle  in dem jetzigen Maße noch weiter zu stemmen?

Nein, ist sie nicht. Wir werden uns personell verschlanken müssen, wir werden alle Dienstleistungsverträge ertrags- und kostenseitig überprüfen, wir werden über die Dimension des Nachwuchsbereiches nachdenken. Wir werden jeden Stein umdrehen. Wir müssen anderthalb bis zwei Millionen Euro Ergebnisverbesserung erzielen. Wie gesagt, ich lasse von unabhängigen Fachleuten links und rechts noch mal alles prüfen. Das gehört einfach zum Prozess dazu, dass wir alles transparent offenlegen, und ich hoffe, bis zum 1. 11. bereits Vorstellungen zu Spar- und Strukturmaßnahmen hinzubekommen. Es wird auf jeden Fall harte Einschnitte geben –  noch härtere als vorher. Man wird auch Mitarbeiter enttäuschen müssen. Es wird nicht ohne Schmerzen gehen.   Dieser Schritt ist  unvermeidbar.

Wie wird mit der Mitgliedschaft von Frau Bachmann verfahren, die ja interne Dokumente in der Öffentlichkeit verbreitet hat?

Unabhängig von dem Namen, den Sie genannt haben, ist es nicht akzeptabel, dass vereinsinterne Papiere aus dem Geschäftsbereich des FC Hansa an die Öffentlichkeit dringen. Wir werden unsere IT-Systeme untersuchen, ob sie so sicher sind, wie wir glauben, und prüfen, ob wir Strafanzeige stellen gegen Unbekannt, weil interne Dokumente an die Öffentlichkeit gegeben wurden.

Finden Sie es günstig, wenn man sich auf nur einen Großinvestor stützt wie der FC Hansa auf Rolf Elgeti?

Bei allem negativen Beigeschmack, den die Leute empfinden, wenn sie das Wort Investor hören: Mir ist nicht bekannt, dass hinter Herrn Elgeti noch eine Schlange von sieben Leuten steht, die bereit sind, uns zu helfen. Insofern muss man die Entscheidung treffen, will man sich helfen lassen oder nicht, und es hat uns nur einer Hilfe angeboten.

Sind die Verträge mit Rolf Elgeti Knebelverträge?

Ich kann nicht erkennen, dass das Knebelverträge sind. Man muss auch ein Stück Verständnis haben für Herrn Elgeti. Ein Vertrag ist eine zweiseitige Angelegenheit, da müssen beide Partner am Ende mit den Vertragsbedingungen zufrieden sein. Für uns wird es darauf ankommen, möglichst viel von den 20,3 Millionen Euro Schulden aus dem Stadion loszuwerden unter möglichst wenig Bedingungen, und Herr Elgeti verfolgt  seine eigenen Interessen. Das ist völlig legitim, dass er sich Gedanken macht, was wird aus meinem Investment. Wir streben eine Gedankenfindung und Annäherung im geschlossenen Raum an, und am Schluss hat man entweder ein Ergebnis, das man freudestrahlend präsentieren kann, oder man schüttelt sich die Hände und sagt, man kam nicht zueinander. Schwierig wird es, wenn zwischendurch einzelne Bausteine nach draußen dringen, das macht die Verhandlungen für beide Seiten kompliziert. Für mich geht es jetzt einfach darum, wie kommen wir möglichst dicht an die 7,5 Millionen Euro (für diese Summe soll Elgeti den Stadionkredit bei der DKB abgelöst haben – d. Red.) ran.

Kann Rolf Elgeti noch mehr Geld geben, will man das überhaupt, oder steht die Frage, droht Hansa die Insolvenz, wenn Elgeti vollkommen aussteigt?

Ich weiß nicht, ob Herr Elgeti noch mehr Geld geben würde. Ich würde ihn das auf jeden Fall aus Fairnessgründen jetzt nicht fragen, denn wir müssen ja erst mal das eine Problem lösen. Und wenn uns Herr Elgeti hilft, von den 20,3 Millionen  mit einem großen Schnitt runterzukommen, wären wir schon weit vorangekommen. Das strukturelle Defizit muss weg, weil jeder neue Partner oder Sponsor uns fragen wird, wo geht denn das Geld hin und welche Perspektive hat das. Den Status quo 3. Liga muss man aus eigener Kraft schaffen, und dann kann man mit Sponsoren darüber sprechen, was muss man im sportlichen Bereich ausgeben, um eine Mannschaft zu haben, mit der man vielleicht von mehr träumen kann.  Die Strategie kann ja nicht sein, wir suchen uns  jedes Jahr im Mai jemanden, der uns die Lizenz rettet.

Was für ein Verhältnis haben Sie zu den Suptras?

Was die Fanszene und die damit im Zusammenhang stehenden Probleme betrifft, kann ich das nur aus der Ferne beurteilen. Es gehört meiner Meinung nach aber immer ein Dialog dazu,  genauso wie kritische Distanz. Das Thema kann jedoch im Moment nicht meine Baustelle sein. Ich beschäftige mich mit den Finanzen, das ist das größere, längerfristige Problem.

Ein Wort zur bevorstehenden Mitgliederversammlung. Es  wird erwartet, dass die organisierte Fanszene dort verstärkt in Erscheinung treten wird.

Der FC Hansa ist ein mitgliedergeführter Verein. Das kann einem gefallen oder auch nicht, das ist aber so. Insofern ist es ein ganz logischer Prozess, dass die Mitglieder unter anderem auch Personen in den Aufsichtsrat wählen, von denen sie glauben, dass sie ihre Interessen am besten vertreten. Da ist nichts Verwerfliches daran. Bei ein bisschen über 7000 stimmberechtigten Mitgliedern gibt es in aller Regel ja auch eine vernünftige Spreizung, dass der Aufsichtsrat im Idealfall die Mitglieder und Fans in ihrer gesamten Breite widerspiegelt. Wenn einige besser organisiert sind als die anderen und zur Mitgliederversammlung kommen oder nicht, dann gibt es eben auch entsprechende Ergebnisse, die man auch nicht von vornherein verteufeln kann. Das ist ein demokratischer Prozess. Es kann jeder kommen, und jede Stimme zählt gleich. Wo ich eine andere Auffassung habe: Ich glaube, der Verein funktioniert nur, wenn zwar die Mitgliederversammlung den Aufsichtsrat legitimiert und der den Vorstand einsetzt, aber dann muss jeder in seinem Verantwortungsbereich möglichst unbeeinflusst eigenständige Entscheidungen treffen.

Halten Sie die Ausgliederung der Profi-Abteilung für sinnvoll und kann sie am  1. 11. beschlossen werden?

Im Moment bin ich skeptisch, ob sie am 1. 11. beschlossen werden kann. Die Ausgliederung ist – Stand heute – technisch nicht genug vorbereitet. Am Ende ist das aber auch nicht entscheidend, weil wir das Anfang Januar auf einer weiteren Mitgliederversammlung heilen können. Eine  Ausgliederung ermöglicht  die Beteiligung von Investoren, ohne die 50+1-Regel zu verletzen. Die Wirtschaftsprüfer, Steuerberater und Anwälte des FC Hansa, die in die bisherigen Prozesse involviert sind, signalisierten mir, dass sie den Weg für richtig und konsequent halten. Er entlastet  den Verein von Millionenbeträgen und Verbindlichkeiten.

Warum erfolgt im Stadion keine größere Trennung der eigenen und der Gäste-Fans?

Wir sind mit dem DFB im Gespräch, was die Erhöhung der Sicherheit im Ostseestadion betrifft. Anlass sind die Vorkommnisse während des Spiels gegen den 1. FC Magdeburg. Und es gehört zu den Diskussionspunkten, ob es die Möglichkeit gibt, Gäste-Fans und die Südtribüne mehr voneinander zu trennen. Ich habe im Moment nicht die Patentlösung, wie  das gehen könnte, aber wir prüfen und erörtern das. Die Südtribüne war im Übrigen nur für ein Spiel gesperrt. Zur Erhöhung der Sicherheit ergreifen wir schon alles Erdenkliche an Möglichkeiten. Wir werden trotzdem jetzt noch mal alle Prozesse hinterfragen. Wir werden liefern müssen. Andererseits haben wir im Stadion keine Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Wenn wir die hätten, müssten die Leute anderthalb Stunden anstehen, und ich weiß nicht, ob dann noch 15 000 bis 20 000 Leute kommen würden.

Kann es passieren, dass Sie nicht nur befristet Vorstands-Chef sein werden?

Nein,  ich stehe definitiv nur für eine Übergangszeit zur Verfügung, befristet auf wenige Wochen. Ich kriege ja jetzt schon die Frage gestellt, ob so ein Finanzsenator nichts zu tun hat, und ich habe ja auch den zweitschönsten Job in der Hansestadt nach dem Zoodirektor. Für Hansa nutze ich den Rest meiner Freizeit, vernachlässige deshalb meine Familie und werde  so größere Weihnachtsgeschenke kaufen müssen.

Sie betonen immer, der Fußball muss wieder im Mittelpunkt stehen.

Ja, das sollte doch das Wichtigste sein, dass 90 Minuten möglichst attraktiver und erfolgreicher Fußball gespielt wird. Dafür gibt es den FC Hansa, und darauf müssen wir uns auch wieder konzentrieren. Wäre es nicht besser, vorne mit zwei Mann zu spielen statt nur mit einem – solche und ähnliche Fragen sind doch die, die wir uns stellen wollen. Der Sport muss wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Apropos: Ich habe mich natürlich auch der Mannschaft vorgestellt und ein paar Worte in der Kabine gesagt, angeboten, dass mich jeder persönlich ansprechen kann. Und ich bekam eine Reaktion: Einstand!!! Das kam von Dennis Erdmann. Ich überlege schon, in welcher Form er sich dann bei der zehnten gelben Karte revanchieren kann. Jedenfalls haben sich die Jungs heute (gestern – d. Red.) nach dem Training Pizza organisiert und einen gesucht, der das bezahlt…

 

Fragen stellten unter anderem: Frank Schuster,   Gesine Müller, Udo Meier,  Ingo Schram,  Ingrid Schnill,   Hans-Werner Schröter,   Lutz Böhnke, Herr Boldt, Jan Hoppe, Ralf Viert, Marco Lorenz, Mario Engel, Steffen Krüger, Steffen Kunisch und Peter Beblein

 

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