Ist der sofortige Aufstieg möglich?

<strong>Ein offenes Ohr für die Fans:</strong> Geduldig beantwortete Hansa-Trainer Peter Vollmann (im Hintergrund André Gericke, Mitarbeiter unserer Zeitung) gestern Abend eine Stunde lang die zahlreichen Fragen von Rostocks Anhängern. <foto>Georg Scharnweber</foto>
Ein offenes Ohr für die Fans: Geduldig beantwortete Hansa-Trainer Peter Vollmann (im Hintergrund André Gericke, Mitarbeiter unserer Zeitung) gestern Abend eine Stunde lang die zahlreichen Fragen von Rostocks Anhängern. Georg Scharnweber

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07. Juli 2010, 10:48 Uhr

rostock | "Weiterhin viel Erfolg in der Vorbereitung. Wir zählen auf Sie!" - "Ich danke der Redaktion dafür, dass Sie den Lesern die Möglichkeit gibt, Fragen an Herrn Vollmann zu stellen, der dazu in der Lage ist, die Hansa-Kogge wieder auf Kurs zu bringen." - "Meine größte Bitte wäre die, nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben. Drei Jahre reichen mir." - "Ich wünsche Ihnen viel Glück und dass wir irgendwann wieder so gut sind, dass wir es nicht mehr brauchen."

Sympathie, aber auch Sorge um den Verein schlugen Peter Vollmann, Trainer des Fußball-Drittligisten Hansa Rostock, entgegen, als er gestern am Redaktionstelefon allen Anrufern ihre Fragen beantwortete. Hier eine Auswahl:

Welche Erkenntnisse aus der WM lassen sich auch mit Hansa umsetzen? Planen Sie, ähnlich schnell und überfallartig wie Deutschland nach vorne spielen zu lassen? Haben wir die richtigen (Außen-) Spieler für eine solche Taktik?

Peter Vollmann: Wenn man wie die deutsche Mannschaft auf der Basis einer kompakten Defensive im Mittelfeld die Bälle gewinnt, hat man die Möglichkeit, so zu spielen. Das ist vorbildlich. Wir haben mit Tobias Jänicke, Daniel Becker, Mohammed Lartey und auch Dexter Langen schnelle Außen. Insofern ist es vorstellbar, so zu spielen. Sagen wir es so: Wir haben das Potenzial, uns einer solchen Spielweise anzugleichen.

Trauen Sie Kevin Pannewitz eine ähnliche Rolle zu, wie sie Schweinsteiger für Deutschland ausfüllt - hinten abräumen, immer wieder mit nach vorne, emotionaler Leader?

Es ist ja so, dass der Schwein-steiger auch erst eine Entwicklung gemacht hat. Kevin ist ein sehr talentierter Spieler, der die Grundvoraussetzungen hat, eine solche Rolle spielen zu können, und er wird die Möglichkeit dazu bekommen.

Könnten Sie sich vorstellen, bei entsprechenden Ergebnissen - also, mal von der Tabellensituation ausgehend, zwischen den ersten acht Plätzen in Liga drei pendelnd - ein längerfristiges Verhältnis mit dem FC Hansa Rostock einzugehen, also mehr als nur ein oder zwei Jahre?

Ich denke, wir haben uns auf dieses eine Jahr geeinigt, um uns richtig kennenzulernen. Der Club möchte sehen, ob die Ergebnisse entsprechend sind, und wenn das der Fall sein sollte, spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, auch längere Zeit bei Hansa Rostock zu verbringen. Es ist gut, dass der Verein im sportlichen Bereich mit Manager Stefan Beinlich eine Konti-nuitätsperson hat. Der Trainer tut seine Arbeit dazu, und die sollte aus entsprechenden Ergebnissen bestehen.

Kann man vielleicht davon ausgehen, dass Sie jetzt, nachdem die A-Junioren den Meistertitel errungen haben, neben Kevin Müller und Lucas Albrecht noch mehr von diesen Spielern in den Profikader berufen?

Man muss sehen. Kevin Pannewitz gehört ja eigentlich ebenfalls dazu, Stephan Gusche würde ich da ruhig auch mitzählen. Es wurden also vier junge Spieler hochgezogen. Das ist eine gute Quote, die wir so aufrecht erhalten werden. Im Moment ist aber nicht geplant, etwas zu erweitern.

Sie stehen in dem Ruf, ein Verfechter des klassischen Catenaccio-Ergebnisfußballs zu sein. Denken Sie wirklich - zumal vor dem Hintergrund, dass das bewegungsarme und offensiv uninspirierte Spiel des FCH in der vergangenen Saison ein Hauptgrund für den Abstieg war -, dass bei einem defensiv orientierten "Mauerfußball" die Zuschauer in erforderlichem Maße ins Stadion strömen, um den FC Hansa zu unterstützen?

Ganz einfache Antwort: Wer sich die Ergebnisse und die Tabellenstände der Vereine anschaut, bei denen ich gewesen bin, wird sehen, dass meine Mannschaften ganz viele Tore geschossen und ganz wenige bekommen haben. Das lässt darauf schließen, dass man in beide Richtungen erfolgreichen Fußball gespielt hat. Erfolg kann man nicht in offensiv oder defensiv definieren. Champions-League-Sieger ist mit Inter Mailand eine eher defensiv ausgerichtete Mannschaft geworden. Wichtig ist, dass die Balance stimmt, sonst kann man keine Punkte machen.

Wie wollen Sie erreichen, dass Hansa wieder Einnahmen aus Spielerverkäufen erzielt?

Ich halte es für grundsätzlich verkehrt, einen Club zu führen, um Spieler zu verkaufen. Vielmehr sollte es die Aufgabe sein, dass der Verein einfach erfolgreich ist. Der Verein muss Vorrang haben, nicht Spielerverkäufe. Ich glaube nicht, dass das der richtige Ansatz wäre, sondern der Club muss in der Liga, in der er spielt, erfolgreich sein und möglichst, wie bei uns, den Aufstieg anpeilen.

Ist der sofortige Aufstieg in die 2. Liga möglich? Welche Clubs sehen Sie als Aufstiegskandidaten?

Möglich ist das, aber wir haben natürlich viele Indikatoren aus der Vergangenheit, die dagegen sprechen. Es sind sehr, sehr viele neue Spieler da, die integriert werden müssen. Da ist es schwieriger als bei anderen Teams, die vielleicht nur drei oder vier einbauen müssen, sofort in der Liga Fuß zu fassen. Möglich ist im Fußball aber immer alles. Von den Absteigern aus der 2. Liga würde ich zunächst keine nennen. Für mich kommen in erster Linie gestandene Vertretungen wie Offenbach oder Braunschweig für den Aufstieg in Frage. Oder auch Sandhausen, die haben unheimlich aufgerüstet. Aber, wie gesagt, bei einem guten Start ist vielleicht mehr möglich, als man jetzt denkt. Man sollte seriöserweise die ersten sechs bis acht Spiele abwarten, dann wird man unsere Qualität sehen können. In der 3. Liga kann man Fünfter sein, zwei Partien verlieren, und dann ist man auf einmal Sechzehnter. Genauso kann es umgekehrt passieren. Stefan Beinlich hat es ja gesagt, wir wollen in den nächsten zwei Jahren wieder in die 2. Bundesliga. Unser Ziel für diese Saison ist es, im oberen Mittelfeld mitzuspielen. Und wenn wir zum Ende hin guten Atem haben, reicht es vielleicht auch für mehr.

Ist es für einen Trainer besser, zu einer fertigen Mannschaft zu kommen oder wie in Ihrem Fall bei Null anzufangen, wo man alles neu ordnen muss?

Für Hansa Rostock war es vernünftig, sich komplett neu aufzustellen und in einer neuen Liga mit einer neuen Mannschaft anzutreten, alles aus der Vergangenheit soweit wie möglich zurückzulassen und mit dem Team eine eigene Zukunft aufzubauen.

Wie laufen bei Ihnen teambildende Maßnahmen ab, wie erfolgt das persönliche Kennenlernen der Mannschaft?

Kommunizieren ist der Schwerpunkt Nr. 1, Disziplin ist Schwerpunkt Nr. 2, und Nr. 3 ist, vernünftig miteinander umzugehen. Wir als Mannschaft wollen eine vernünftige Visitenkarte auf dem Platz und außerhalb abgeben, das hat auch jeder Spieler in Teambesprechungen so dokumentiert. Wir arbeiten täglich daran, diese Visitenkarte zu verbessern.

Haben Sie Familie, und planen Sie, dass sie auch nach Rostock kommt?

Ja. Ich bin verheiratet und habe drei Töchter, Simone (23), Ilka (25) und Marleen (27). Die drei kommen natürlich nicht mit. Ich werde hier eine ganz normale Wohnung beziehen und überwiegend in Rostock sein, also wird mich meine Frau Ulrike besuchen. Sie war bis jetzt aber noch nicht hier. Ich finde, man sollte da wohnen, wo man arbeitet. Aber wir haben auch ein Haus in Coesfeld.

Was gefällt Ihnen an Rostock, und haben Sie schon einen Lieblingsplatz?

Warnemünde ist natürlich schön, das sagen ja alle, aber mir gefällt es zum Beispiel auch im Stadthafen sehr gut. So hat ein Hafen hat irgendwo etwas, wo man spazieren gehen und sich aufhalten kann. Allerdings habe ich hier noch gar nicht viel sehen können.

Wer wird denn überhaupt im Tor stehen?

Wir haben ja drei Torhüter mit Jörg Hahnel, Andreas Kerner und Kevin Müller. Das sind drei sehr, sehr gute Torhüter. Als Trainer ist es natürlich schwer zum jetzigen Zeitpunkt, weil man nicht weiß, was nicht noch alles passieren kann an Verletzungen und jetzt verkehrt eine klare Aussage zu machen. Aber im Moment ist es natürlich so, wenn Jörg Hahnel fit ist und seine Leistung bringt, dann ist es richtig, einen erfahrenen Mann ins Tor zu stellen. Das wissen aber auch die anderen beiden. Das ist kein Geheimnis. Doch auch bei uns zählt das Leistungsprinzip. Und da muss Jörg Hahnel Leistung bringen. Wenn er das macht, steht er im Tor. Sollte es dann wider Erwarten anders kommen, habe ich natürlich den Mut und die Pflicht, einen von den anderen beiden Torhütern reinzustellen.

Wer wird die Kapitänsbinde beim ersten Spiel gegen Aalen tragen?

Erst am Donnerstag der vergangenen Woche sind die Jugendspieler (Lucas Albrecht und Kevin Müller - d. Red.) zum Team dazugestoßen. Sie müssen natürlich auch die Spieler, die dafür in Frage kommen, kennenlernen, damit sie sich eine Meinung über die Jungs bilden, sagen können, ich habe den Sebastian Pelzer, Jörg Hahnel oder auch Dexter Langen kennengelernt, und an der Wahl teilnehmen können. So werden wir in der nächsten Woche, wenn die Jungs zehn, 14 Tage dabei sind, die Frage lösen, um dann auch einen gewählten Kapitän am 1. Spieltag auf dem Feld zu haben.

Werden Sie hart durchgreifen, damit die Spieler nach Niederlagen nicht mehr feiern?

Wir als Mannschaft sind eine Visitenkarte, und die soll ja ordentlich sein. Aber da muss man sich auch entsprechend verhalten. Vor, während und nach dem Spiel sind dabei die drei Faktoren, die in der Vergangenheit nicht mehr ganz stimmten. Jetzt werden wir uns gut vorbereiten und eine kämpfende Mannschaft sehen, die nach Siegen auch ein kleines Bier trinken wird. Aber nicht mehr.

Sind Sie mit dem Kader eigentlich zufrieden?

Wir sind unter den gegebenen Umständen natürlich mit dem Kader zufrieden. Es ist so, dass wir relativ spät - da waren die anderen schon fertig - unseren Kader zusammengestellt haben. Das lag an den Relegationsspielen und daran, dass es lange gedauert hat, bis alles geregelt war im Club. Aber insgesamt bin ich mit dem Kader zufrieden. Jeder Trainer darf aber nie ganz zufrieden sein. Doch von den Spielern, die wir geholt haben, sind wir überzeugt, dass sie eine gute Leistung für Hansa Rostock abrufen werden.

Am 1. Spieltag geht es gegen Aalen, danach kommt das Spiel in Erfurt. Da könnten doch gleich zwei Siege her, oder wie sehen Sie das?

Ich sage immer, ein Spiel nach dem anderen. Wenn wir das erste erfolgreich hinter uns haben, dann ist das sicherlich ein gutes Vorzeichen, aber ich bin nicht so, dass ich über zwei oder drei Partien hinweggehe, sondern versuche, wie das momentan auch bei der Nationalmannschaft gemacht wird, von Spiel zu Spiel zu sehen. Wir haben einen kleinen Kader, 18, 19 Spieler maximal. Und wir können jetzt im Moment bei 15 Neuen einfach nicht sagen, wo wir am Ende der Saison landen werden. Eins ist aber klar: Nur weil wir ein schönes Stadion und einen großen Bus haben, werden alle Siege automatisch eingefahren - so einfach wird es nicht. Viele werden gegen Hansa Rostock hochmotiviert sein. Und man hat es in der vergangenen Saison gesehen: Die Dichte in der Liga ist sehr, sehr groß. Da muss man wirklich aufpassen, dass man immer konstant seine Leistung bringt.

Was halten Sie davon, die Spieler nach Leistung zu bezahlen?

Es ist ja so, dass der Verein in keinem so guten wirtschaftlichen Fahrwasser ist. Die Spieler, die jetzt hier sind, die werden der 3. Liga entsprechend seriös honoriert, und zwar nicht in der Spitze, sondern im Durchschnitt. Alle haben dann Prämien, die im Bereich der Tabellenplätze liegen. Wenn man halt gut spielt, viel gewinnt, kann man etwas mehr verdienen, und wenn man eben nicht so gut spielt, muss man sich mit deutlich weniger begnügen. So sind die Verträge alle angelegt. Es gab aber auch keine andere Möglichkeit. Dass man jeden eigentlich immer nach Leistung bezahlt, ist ganz normal, gerade auch in solch einer Situation, in der Hansa steckt.

Es fragten Jan Buchwald, René Grafunder, Steffen Prinz, Sven Schmieder, Ulf-Karsten Keil, Sven Jähnichen, Hans-Dieter Völs, Dieter Hirsch, Bernd Stölter, Angelika Messmer, Fritz Schuster, Anette Niemöller, Claas Steigners, Thorsten Glage, Maik Wulff, Danni Diederichs und viele mehr.

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