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Fußball und Gewalt : Hansa: Krawall um die Zahlen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Polizei veröffentlicht Gewaltstatistik – Zweifel bei Experten

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2014 | 22:00 Uhr

Polizei, Politik und Behörden schlagen Alarm: Die Zahl der Straftaten und Verletzten bei Fußballspielen hat sich nach jüngsten Statistiken der Bundespolizei in der Saison 2013/14 drastisch erhöht. Vorn dran die Anhänger des FC Hansa Rostock, die bundesweit die Listen der Delikte anführen. Doch Vereine und Fan-Experten zweifeln die Zahlen an.


Caffier fordert Aufstand der Anständigen


Der Drittligist, der mit seinen Fans regelmäßig für negative Schlagzeilen sorgt, führt eine traurige Statistik an. Laut der Studie der Bundespolizei verübten die Anhänger in der vergangenen Saison bei ihren Bahnreisen zu Auswärtsspielen mit 168 Straftaten die meisten aller Clubs der 1. bis 3. Liga. Dahinter folgen Dynamo Dresden (109) sowie die Erstligisten Dortmund (107) und Schalke (103). Auch bei Erhebung der Gewaltdelikte nimmt Hansa hinter Dortmund (44) und Braunschweig (38) einen vorderen Platz ein (36).

Der Rostocker Kriminologe Andreas Schwinkendorf lehnt die Vorverurteilung der Ultrabewegung dagegen ab (siehe Interview unten). „Die absoluten Zahlen der Straftaten sagen nichts über deren Verfahrensausgang aus. Zudem ist nicht ersichtlich, wie diese zustande gekommen sind und ob die Erfassung immer richtig war“, ist der Polizeiwissenschaftler skeptisch.

Auch der FC Hansa ordnet die Zahlen differenziert ein: „Wir haben bei uns traditionell reisefreudige Anhänger, die uns in Größenordnungen bei unseren Auswärtsspielen in ganz Deutschland unterstützten. Somit ist die Wahrscheinlichkeit potenzieller Konflikte unterwegs naturgemäß höher als bei Vereinen, bei denen kaum Fans ihre Mannschaft begleiten. Im Übrigen unterstützen wir das Konzept der Sonderzüge, das von der Bundespolizei Lob und Anerkennung erhalten hat“, sagt Rainer Friedrich, Hansa-Vorstand für Prävention und Stadionmanagement. Also kein Grund zur Aufregung?

Innen- und Sportminister Lorenz Caffier (CDU) sieht die Entwicklungen beim FC Hansa kritisch: „Die Zahlen bestätigen meine Warnungen, die bislang wenig Gehör in der Öffentlichkeit, aber auch in der Vereinsspitze fanden.“ Zwar rechne der Minister mit keiner Verschärfung des Gewaltproblems, fordert aber den Club auf, bei Auseinandersetzungen stärker sein Hausrecht wahrzunehmen. „Ich erwarte endlich einen Aufstand der Anständigen – der 99 Prozent der Fußballfans, für die Fußball ein Sport und ein Spiel ist“, so Caffier.

Gedeckt werden seine Aussagen von Erkenntnissen der Polizeiinspektion Rostock, die für Einsätze bei Heimspielen des FC Hansa verantwortlich ist. Demnach stieg die Zahl der Straftaten von 79 im Jahr 2012/13 auf 151 in der Spielzeit 2013/14. Auch hat sich die Zahl der Einsatzstunden der Beamten erhöht. „Die Sicherheitslage ist von verschiedenen Faktoren wie der sportlichen Situation und dem Verhältnis der Fanlager abhängig“, heißt es nüchtern aus dem Präsidium.


Entwarnung in der 3. Liga


Dagegen gibt die Zentrale Informationsstelle Polizeieinsätze (ZIS), die jedes Jahr die Zahlen zur Gewalt im Fußball in den ersten drei deutschen Profi-Ligen erfasst, für die 3. Liga Entwarnung: „Die Sicherheitslage hat sich 2013/14 entspannt. Hier gab es 14 Prozent weniger Verletzte zu beklagen. Auch die Zahl der Personalstunden der Polizei sank in diesem Bereich um fast 14 Prozent.“ Der Rückgang sei durch den Auf- und Abstieg von Vereinen, die uns in der Vorsaison Probleme bereitet haben erklärbar, so ZIS-Leiter Jürgen Lankes.

Bleibt also alles eine Frage der Interpretation. So sieht es auch Schwinkendorf: „Polizei, Politik, Verein, Fans und Medien haben eine völlig unterschiedliche Lesart der Statistiken. Es gilt, alle Parteien an einen Tisch zu bekommen, um Vorurteile und Missverständnisse abzubauen.“

 

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