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Hansa Rostock : Fragwürdige Fankultur

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor der Mitgliederversammlung hoffen Anhänger auf Transparenz

von
erstellt am 26.Okt.2015 | 11:45 Uhr

Die traditionsreiche Hansa-Kogge stampft durch aufgewühlte See. Je näher die Mitgliederversammlung am 1. November rückt, desto mehr unappetitliche Details über das Innenleben des Vereins kommen zum Vorschein. Der Kreis der Protagonisten ist übersichtlich. Die Zahl der verunsicherten Fans und Anhänger dagegen ist bei rund 10 000 Vereins-Mitgliedern riesengroß.

Allerdings belegen die diversen bekannt gewordenen Mailwechsel zwischen führenden Mitgliedern jenes Teils der Fanszene, der sich unter den Begriffen „Ultras“ und „Suptras“ als Speerspitze des wahren Fan-Tums versteht, dass es ein fragwürdiges und – bei Abzug aller fantypischen Selbstanmaßungen – hochgradig undemokratisches Verständnis von Mitbestimmung in so einem großen Verein gibt.

Auch wenn etwa Ultra-Chef Roman Päsler auf Nachfrage unserer Redaktion bestreitet, dass irgendeine seiner Formulierungen – wie etwa die „Vogelfrei“-Drohung gegen Ex-Aufsichtsrats-Boss Harald Ahrens gewalttätig gemeint gewesen sei: Die Funktionäre der sogenannten aktiven Fanszene, als etwa Päsler, Sebastian Eggert (Suptras) oder „Mumps“ Janz (Video-Mitarbeiter der Hansa-Medienabteilung!) sehen es offenbar als normal an, dass gewählte Mitglieder der Vereinsspitze verbal bedrängt, mit martialischer Wortwahl geradezu genötigt und mit Partisanentaktik (wie beim Hineinschmuggeln von Graffiti, Transparenten oder eben Pyrotechnik ins Stadion) hintergangen werden. Auf diese Weise versuchen vermeintliche Edelfans den hauptamtlichen Vorstand wie auch ehrenamtliche Vereins-Aufseher zu gewünschtem Verhalten zu bewegen oder von unerwünschtem Verhalten abzubringen. Ein solcher Umgang der mit offiziellen, legitimierten Gremien des Vereins hat nichts mit Sportsgeist zu tun, sondern trägt bei genauerer Betrachtung beinahe sektenhafte oder gar mafiose Züge.

Woher der feste Glaube dieser Fan-Funktionäre rührt, mit dieser Art Aktivität im Interesse der 10 000 normalen, fußballbegeisterten Vereinsmitglieder zu handeln, erschließt sich nicht.

Andererseits sind diese seltsamen Verhältnisse nichts Neues. Und dass die Professionalität des Aufsichtsrates jener des Vorstands womöglich nicht standhält, wollte bis vor einem halben Jahr niemand im Hansa-Umfeld gern hören. Wenn der Aufsichtsrats-Vorsitzende in einer öffentlichen Stellungnahme vom 2. Oktober beklagt, „im aktuellen Ausgliederungsprozess wurde die Kontrollpflicht des Aufsichtsrates ausgehebelt“, kommt dies einem Offenbarungseid gleich: Ausgehebelt werden kann nur, wer sich aushebeln lässt.

Von beiden Lagern wird mit Haken und Ösen gekämpft – zuweilen scheint es, auch mit gezinkten Karten. So wie die Ultra- und Suptra-Vertreter meinen, mit e-Mails, Facebook-Posts, ständiger Präsenz in der Geschäftsstelle und ähnlichen Methoden Vorstände und Aufsichtsräte zu beeinflussen, so konspirativ haben nach Informationen unserer Zeitung diverse Akteure des Vereins geradezu generalstabmäßig Vorgehensweisen verabredet, um die selbstberufenen Edelfans inklusive des in Ungnade gefallenen Vorstandschefs auszubooten.

Der Vorwurf gegen Dahlmann, zu große Nähe zur Ultra-Szene zu pflegen, scheint zu undifferenziert. Schließlich hatte der Aufsichtsrat Dahlmann nach dem großen Friedensschluss 2012 sogar beauftragt, regelmäßige Gespräche mit der Fanszene zu pflegen. Möglicherweise hat er diesen Auftrag überinterpretiert. Zuletzt schien es, dass nicht er mit den Ultras, sondern diese mit ihm „das Gespräch pflegten“. Dahlmann wehrt sich allerdings nicht unerfolgreich gegen Medienberichte, wonach er am Abend des 30. September, bevor die Staatsanwaltschaft die Hansa-Geschäftsstelle absperren ließ, Unterlagen vernichtet oder beiseite geschafft habe. Er beteuert, lediglich geprüft zu haben, ob die an die Medien lancierten vertraulichen e-Mails von seinem Computer gestohlen wurden.

Offensichtlich dagegen ist, dass Unterlagen aus der Geschäftsstelle nach außen geschafft wurden und nun häppchenweise an die Medien lanciert werden. Allerdings nicht von Dahlmann. Von außen ins Computernetzwerk des Vereins gehackt hatte sich jedenfalls niemand - das ergab eine interne Netzwerkprüfung bei Hansa nach Informationen unserer Zeitung. Dennoch gibt es nach Kenntnis unserer Redaktion bis heute keine Anzeige seitens der Hansa-Interims-Verantwortlichen etwa gegen Unbekannt - wegen Geheimnisverrats, Weitergabe von Geschäftsgeheimnissen, Verstoßes gegen den Datenschutz oder ähnliches.

Unklar ist bis heute auch, wer die Absperrung der Geschäftsstelle veranlasst hatte. Sowohl die Sicherheitsfirma ABS als auch der später eintreffende Hansa-Vorstand Rainer Friedrich hatten darauf verwiesen, die Anweisung sei vom Aufsichtsrat gekommen. Dann hieß es sogar, es habe eine Anzeige gegeben. Beides jedoch bestritt Ex-Aufsichtsratsschef Harald Ahrens. Die Staatsanwaltschaft bestreitet auf Nachfrage, dass es ein zweites Ermittlungsverfahren gebe neben dem, das die Bürgerschaftsabgeordnete Sibylle Bachmann angestrengt hatte.

 

>>Alle Informationen rund um den FC Hansa Rostock in unserem Dossier.

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