zur Navigation springen

Fan-Szene des FC Hansa : „Es ist grundsätzlich nichts Schlimmes, ein Ultra zu sein“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Rostocker Kriminologe Andreas Schwinkendorf hat die Fan-Szene des FC Hansa analysiert und plädiert für ein Umdenken im Umgang mit radikalen Fußballanhängern

svz.de von
erstellt am 22.Okt.2014 | 21:55 Uhr

Der Rostocker Kriminologe Andreas Schwinkendorf (37) hat eine aktuelle Studie zur Fußballgewalt beim FC Hansa vorgelegt. Im Gespräch mit NNN-Mitarbeiter Oliver Kramer relativiert der Polizeiwissenschaftler die Straftaten der Fans, plädiert für einen „Runden Tisch“ und kommt zu dem Schluss: „Der Stadionbesuch ist sicherer denn je.“

Herr Schwinkendorf, die Hansa-Fans waren bei der Zahl der Straftaten in der Saison 2013/14 bundesweit Spitze. Wie bewerten Sie die Statistik?

Ich will nichts beschönigen, finde es aber verantwortungslos, solche Zahlen unkommentiert zu veröffentlichen. Oftmals stechen nur die negativen Ereignisse ins Auge, die von einigen Medien dankbar transportiert werden. Die absoluten Zahlen der Straftaten sagen nichts über den Verfahrensausgang aus. Darüber hinaus ist nicht ersichtlich, wie diese zustande gekommen sind und ob die Erfassung richtig war.

Also stellen Sie die Zahlen, beispielsweise die der Verletzten in Frage?

Nein, die Zahl der Verletzten ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Sie sagt aber weder etwas über die Schwere der Verletzungen noch über die Verursachung aus. Zudem werden die Daten nicht ins Verhältnis zu den gestiegenen Zuschauerzahlen gesetzt.

Dennoch sorgen Ostvereine wie der FC Hansa oder Dynamo Dresden seit Jahren für Negativschlagzeilen. Zufall?

Ich habe mir viele Berichte von Vorkommnissen bei Fußballspielen angeschaut. Auch wenn es empirisch schwer nachzuweisen ist: Es spricht vieles dafür, dass Vereine aus dem Osten und aus unteren Ligen vom DFB tendenziell härter sanktioniert werden, als dies bei großen Clubs der Fall ist. Und, Hansa trifft eine Strafzahlung von 20 000 Euro empfindlicher, als wenn der FC Bayern eine Million Euro Strafe zahlt. Ich glaube, dass Hansa wegen seines Images härter bestraft wird.

Ist das Image berechtigt?

Wir müssen davon wegkommen, mit pauschalen Stigmatisierungen zu arbeiten: Es ist grundsätzlich nichts Schlimmes daran, Ultra zu sein. Es gibt nicht den typischen Hansa-Fan. Das ist keine homogene Gruppe, sondern bildet den Querschnitt der Gesellschaft ab. Meine anonymen Online-Umfragen unter 2000 Hansa-Anhängern, darunter 199 Ultras, ergaben ein differenzierteres Bild. Viele Fans distanzieren sich von Gewalt in der Kurve und schauen, was in den eigenen Reihen passiert.

Ist ein Stadionbesuch beim FC Hansa für einen normalen Fan noch sicher?

Aus kriminologischer Sicht bin ich der Überzeugung, dass der Besuch eines Fußballspiels sicherer denn je ist. Das liegt auch daran, dass die polizeilichen Maßnahmen immer zielgerichteter werden. Für die gewaltbereiten Fans gibt es immer seltener die Möglichkeit, sich auszutoben. Wenn man die Augen aufhält und nicht die Gefahr sucht, passiert nichts.

Gleichwohl gilt das Verhältnis zwischen Fans und Polizei gerade in Rostock als angespannt…

Das sind über Jahre gewachsene Konflikte, die auf Missverständnissen und teils nicht nachvollziehbaren polizeilichen Maßnahmen beruhen. Seit zwei Jahren erkenne ich aber ein Umdenken der Polizei. Es wird bei Einsätzen offener kommuniziert, so über soziale Netzwerke über Straßensperrungen informiert. Transparenz ist das oberste Gebot.

Welche Ansätze sehen Sie, um die Fangewalt in den Griff zubekommen?

Ich schlage einen Fankongress mit systematischer Beratung vor, bei dem alle Seiten – Fans, Polizei, Verein, Stadt und Medien – an einem Tisch sitzen. Dieser „Runde Tisch“ sollte von Wissenschaftlern begleitet werden. So könnten Feindbilder abgebaut und Lösungen erarbeitet werden.

Wie bewerten Sie Hansas Präventiv-Maßnahmen?

Der Verein ist auf einem guten Weg. Bei Heimspielen werden die Fans der gegnerischen Mannschaft vom Hauptbahnhof per Bus-Shuttle direkt ins Stadion gefahren. Dieses Verfahren hat bundesweit Schule gemacht. Zudem tut Hansa viel hinter den Kulissen, was sich nicht in Statistiken widerspiegelt.

Also alles in Ordnung?

Es gibt noch genügend Probleme, die es anzugehen gilt. Offenkundig sind nicht alle Projekte zielführend. Hier sehe ich Städte und Gemeinden in der Pflicht, sich stärker zu engagieren. Ich bin kein Sozialromantiker, aber der Überzeugung, dass wenn das Freizeitangebot besser wäre, wir viel Fangewalt reduzieren würden.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen